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Yeziden und Christen im Irak : Die Angst vor dem nächsten Massaker

  • -Aktualisiert am

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hat Zelte, Decken, Hygieneartikel und andere Haushaltsgegenstände in das Camp Duhok im Nordirak gebracht. Hier ist ein Camp für 10 000 Yeziden, die vor der Terrormiliz IS geflohen sind. Bild: Helmut Fricke

Die Erinnerung an die Massaker der Terrormiliz IS an Yeziden und Christen im Nordirak ist noch frisch. Zehntausende sind in die Kurdenregion Dohuk geflohen. Aber auch dort fühlen sie sich nicht sicher.

          Allgegenwärtig ist unter den Minderheiten des Nordiraks die Angst vor neuen Massakern. „Es war nicht das letzte Mal“, fürchtet Baba Cawis, das spirituelle Oberhaupt der Yeziden in der Pilgerstätte Lalesch. Der „Hüter des Schreins“ erinnert an den Massenmord im vergangenen Sommer im Sindschar-Gebirge. Die Dschihadisten des IS richteten nach ihrem Einmarsch Hunderte Männer hin, verschleppten Tausende Frauen, vergewaltigten und versklavten sie. „Beim nächsten Mal wird es noch schlimmer sein.“

          „Denn niemand kann garantieren, dass sich das in den nächsten zehn Jahren nicht wiederholt“, sagt Mamou Othman vom Zentralrat der Yeziden, der an der Universität Dohuk das Zentrum für Europäische Studien leitet. Anders als das Terrornetz Al Qaida, das mit spektakulären Anschlägen auf große Ziele auf sich aufmerksam machte, suche der IS „das schwächste Glied in der Kette“, und das sind die Minderheiten.

          Regierung in Bagdad und Kurden bieten keinen Schutz

          „Wer einmal von der Schlange gebissen wurde, vergisst es nicht“, sagt Cawis. Er fleht um Hilfe: „Wir brauchen Schutz.“ Die irakische Zentralregierung in Bagdad, auf deren Gebiet das historische Siedlungsgebiet der Yeziden im Sindschar-Gebirge liegt, kann diesen Schutz nicht leisten, die Führung der autonomen Kurdenregion im Norden Iraks kann es ebenfalls nicht.

          „Wir brauchen internationale Truppen, die für unsere Sicherheit sorgen“, fordert daher Emanuel Youkhana, Erzdiakon der Assyrischen Kirche des Ostens in Dohuk. Zu groß sei das Misstrauen von Christen und Yeziden, von Schabak und Kakai gegen die muslimischen Nachbarn, die an vielen Orten über Nacht zu Komplizen der Terrorgruppe geworden sind.

          Unter den assyrischen Christen des Nordiraks ertönen seit Monaten immer lautere Rufe nach einer wirksamen Selbstverteidigung. Die militärischen Möglichkeiten der kleinen Bürgerwehr der „Opferer“, wie sie sich nennt, bleiben jedoch beschränkt. Sie sicherten in erster Linie von den Peschmerga zurückeroberte Dörfer ab und verhinderten neue Übergriffe, sagt Youkhana, den Angehörige der kleinen christlichen Miliz begleiten. Auch die Yezidischen Widerstandseinheiten (YBS), die von syrischen Kurdenmilizen ausgebildet werden, haben sich bisher nicht zu einer Offensive gegen Stellungen des IS im Sindschar-Gebirge getraut. Die rund 600 Kämpfer sind weiter auf Luftschläge der von Amerika geführten Anti-IS-Allianz angewiesen, wollen sie Angriffe der sunnitischen Gotteskrieger abwehren.

          Nicht ausreichend ist ferner die militärische Ausrüstung der kurdischen Peschmerga. Als die IS-Krieger des „Kalifen“ Abu Bakr al Bagdadi im August 2014 in yezidische Dörfer und christliche Gemeinden einfielen, hatten die einstigen Partisanenkrieger gegen die früheren Soldaten Saddam Husseins, die nun für den IS kämpfen, keinen Widerstand geleistet. Vielmehr ergriffen auch sie die Flucht, wie auch Zehntausende Zivilisten und Zehntausende Soldaten der regulären irakischen Armee.

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