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WM in Qatar : Einfach weniger Demokratie

Hinter der Sonne die Dunkelheit: Ein Stadion-Prototyp in Doha Bild: AP

Reich und autoritär: So sieht der ideale Ausrichter von großen Sportereignissen aus. „Mehr Demokratie“ schafft einfach nur Probleme. Willkommen in Qatar!

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          Demokratien scheuen immer mehr die Ausrichtung sportlicher Großereignisse, autoritäre Staaten reißen sich aber um sie. Und den großen Verbänden kommt das durchaus gelegen. Der Generalsekretär der Fifa, Jérôme Valcke, gesteht unverblümt ein, dass es bei „weniger Demokratie“ einfacher sei, eine Fußball-Weltmeisterschaft zu organisieren, vor allem wenn man es mit einem starken Staatsoberhaupt wie Wladimir Putin zu tun habe. Daher richtet der Ölexporteur Russland 2018 die WM aus, der sagenhaft reiche Gasexporteur Qatar folgt vier Jahre später. Nach dem Willen der Fifa müsste in Zukunft der ideale Austragungsort einer WM so beschaffen sein: reich und autoritär. Sportliche Großveranstaltungen sind schließlich teuer, und „mehr Demokratie“ schafft bei der Vorbereitung nur Probleme.

          So demonstrierte in Brasilien, dem Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2014, die Mittelschicht über Wochen gegen den Bau neuer Stadien und forderte stattdessen höhere Ausgaben für Gesundheit und Bildung. Da war es für die Fifa 1978 bei der WM in Argentinien, das von einer Militärjunta regiert worden war, leichter gewesen. Valckes Wunsch nach „weniger Demokratie“ wird auch 2018 in Russland erfüllt sein. Die Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele in Sotschi geben einen Vorgeschmack darauf, wie als lästig empfundene Einsprüche von Bürgern, die sich gegen zugefügte Schäden wehren, kalt abgewiesen werden, weil sie die Bauvorhaben ja nur verzögern und verteuern.

          In Qatar, das nach dem Willen der Fifa die WM 2022 ausrichten wird, ist derlei Widerspruch nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Die 300000 Qataris und auch die meisten der 1,5 Millionen Nichtqataris sind stolz darauf, dass das Scheinwerferlicht der Welt auf das kleine Land fällt, das außerhalb der wenigen Städte nur aus flacher Wüste besteht. Unverhofft sieht sich Qatar aber an den Pranger gestellt. Denn bevor die Länder ihre Nationalmannschaften nach Qatar schicken, wollen sie wissen, ob die WM, für die Qatar mehr als 150 Milliarden Euro ausgeben will, auf der menschenunwürdigen Behandlung Hunderttausender asiatischer Arbeiter und dem Tod vieler von ihnen gebaut wird.

          Meist übernehmen sich kleine Staaten

          Es bedurfte der Fußball-WM, um weltweit eine Diskussion über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bauarbeiter in Qatar hervorzurufen. Sie sind, wie in den anderen Golfstaaten auch, nach jedem Standard skandalös: Von gewissenlosen Agenturen in ihren Heimatländern angeheuert, werden sie in der Ferne zu Entrechteten - die Pässe abgenommen, weniger Lohn als versprochen, eingepfercht in kleinen Zimmern, den Bauunternehmen ausgeliefert, ohne Chance auf gewerkschaftliche Vertretung. Andererseits sind die Überweisungen dieser unqualifizierten Arbeiter in die Dörfer des Subkontinents auch die wirksamste Entwicklungshilfe.

          Das „Weniger an Demokratie“ in Qatar wird nun durch die Demokratie in der westlichen Welt herausgefordert. Qatar läuft Gefahr, aufgrund des Drucks der öffentlichen Meinung doch noch die WM 2022 zu verlieren. Die führenden Familien des Staates sind nervös, Unruhe macht sich breit. Sie wissen, dass sie handeln müssen, um die Kritiker zu besänftigen. Das könnte für Qatar eine Chance sein. Denn das Land ist Pionier, mit seinem Nachrichtensender Al Dschazira oder dem Machtverzicht von Hamad Bin Khalifa Al Thani, der nach „nur“ 18 Jahren an der Staatsspitze sein Amt frühzeitig und freiwillig seinem Sohn Tamim übergeben hat. Jetzt bereitet das Arbeitsministerium neue Mindeststandards für ausländische Arbeiter vor. Sie sollen nicht weniger als die moderne Sklaverei beenden. Doch die qatarischen Unternehmen wehren sich dagegen. Über den Ruf Qatars wird aber das Schicksal des namenlosen Bauarbeiters aus Nepal entscheiden und nicht der Sportwagen fahrende superreiche Qatari.

          Qatar ist nicht nur reich und keine Demokratie, sondern auch noch klein. Meist übernehmen sich kleine Staaten mit der Ausrichtung von Großereignissen. Griechenland ächzt seit den Bauten für die Olympischen Sommerspiele 2004 unter einer wachsenden Schuldenlast; die neue Infrastruktur tut Athen gut, die meisten Sportanlagen aber werden kaum genutzt und verrotten. Das könnte auch in Qatar geschehen. Denn die kleine Liga, in der auch einmal Pep Guardiola gespielt hat, braucht keine zwölf moderne Superstadien, die von namhaften Architekten wie Norman Foster, Zaha Hadid und vor allem Albert Speer entworfen werden.

          Die meisten Stadien werden nach dem Baukastenprinzip gebaut. Sie sollen nach der WM abmontiert und in Afrika wieder zusammengefügt werden. Das bringt Qatar die Sympathie und Stimmen des Schwarzen Kontinents. Vor allem Asiaten, weniger die Europäer, sollen diese Stadien füllen. Die stellen in den Golfstaaten ohnehin die größte Touristengruppe. In Europa investiert Qatar aber, um zu einer „soft power“ im Sport aufzusteigen - etwa als Hauptsponsor beim FC Barcelona oder als Besitzer des Fußballklubs Paris St-Germain. Um die WM 2022 hatte sich Qatar beworben, um noch mehr im Rampenlicht zu stehen. Zumindest die demokratische westliche Welt blickt nun aber kritisch auf die Zustände - nicht nur in diesem Land.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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