https://www.faz.net/-gq5-7wdnk

Kurdischer Widerstand gegen IS : Zwischen Front und Frauenrechten

Gegen die Vorherrschaft des Mannes: Kämpferinnen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Syrien Bild: Fricke, Helmut

Syrische Kurden kämpfen für ihr Land und ihre Werte. Oft nehmen sie radikale Islamisten fest. Manche der Gefangenen warnen inzwischen selbst vor dem IS.

          6 Min.

          Der andere Krieg, sagt Eylem, wird auch dann weitergehen, wenn der Krieg gegen den IS beendet ist. Deshalb trägt die 21 Jahre junge Frau die Tarnuniform der Armee der syrischen Kurden, deshalb leitet sie ein Ausbildungslager für Soldatinnen: um ihr Land zu schützen – und um ein Zeichen gegen die Vorherrschaft der Männer zu setzen. Der andere Krieg: Noch immer, sagt Eylem, sehen viele Männer in der Frau zuerst ihre eigene „Ehre“, die sie verteidigen müssen; noch immer geschehen zu viele Ehrenmorde. Dagegen will sie kämpfen. Eylem ist Mitglied der „Volksverteidigungseinheiten“.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Jedes Jahr absolvieren 120 Frauen zwischen 18 und 25 Jahren Eylems Ausbildungslager, danach gehen sie an die Front. Das Lager, nach dem „Märtyrer Devrim“ benannt, ist eines von mehreren Dutzend. In den Kursen, die sechs Wochen oder länger dauern, lernen die Frauen den Umgang mit Waffen, vor allem mit der Kalaschnikoff, mit Schnellfeuerkarabinern, mit dem Maschinengewehr M60, mit den Bazookas und dem schweren Maschinengewehr Doschka, das auf Kleinlastwagen montiert ist. Trainiert wird auch der direkte Feindeskontakt. Im täglichen politischen Unterricht geht es um die Geschichte Kurdistans – und um die der Frauenbewegung.

          Landesverteidigung ist Existenzfrage

          Derzeit ist eine Gruppe zur Fortbildung im Lager, alle Frauen waren schon an der Front. Die 20 Jahre alte Saria sagt: „Angst hatte ich nur ganz am Anfang, dann gewöhnte ich mich an das Knallen.“Die Beziehung zu den Männern an der Front sei gut – die hätten ja dieselbe Einstellung wie die kämpfenden Frauen. Die 18 Jahre alte Silan weist jeden Zweifel daran zurück, dass auch Frauen kämpfen. „Solange unser Land besetzt ist, muss jeder zur Waffe greifen.“ Noch weniger Verständnis hat sie für die Meinung, Waffen seien nichts für Frauen: „Natürlich glaubt man im System der Vorherrschaft des Mannes, die Waffen seien nur für den Mann.“ Solches Denken lehnen diese Frauen ab. Bald gehen sie wieder an die Front.

          Die syrischen Kurden gründeten die „Volksverteidigungseinheiten“ für Männer (YPG) und Frauen (YPJ) vor gut zwei Jahren, am 19. Juli 2012. Im ersten Jahr ihres Bestehens gewannen sie im Norden Syriens, auch in Aleppo, Boden gegen die Extremisten der Nusra-Front und der Gruppe Ahrar al Sham zurück. Im Juli 2013 eroberten sie strategisch wichtige Orte wie Serenkane und die Grenzstadt Tell Kotschar zurück. Redur Khalil, Sprecher der Männer-Einheit, sagt, in den drei Kantonen Cizire, Kobane und Afrin sowie in Aleppo gebe es bisher 1800 Gefallene zu beklagen.

          Khalil führt zwei Gründe für den Erfolg der YPG und YPJ an. „Wir kämpfen für unsere Werte und unsere Freiheit, wir verteidigen aber auch unser Land gegen Angreifer.“ Fast alle Kämpfer stammen aus der Region, kennen also die Topographie, viele haben in der syrischen Armee gedient. Die Fraueneinheit untersteht formal der Männereinheit, die Frauen stellen ein Drittel der knapp 13000 Kämpfer der syrischen Kurden. Die Kämpferinnen sind meist jung und nicht verheiratet. Für sie sei die Verteidigung ihres Landes eine Existenzfrage, Heirat und Familie kämen an zweiter Stelle, sagt Khalil. Er nennt die Frauen die „Seele der Revolution“ der syrischen Kurden. Ihr Beitrag sei keineswegs symbolisch, sie würden an den heißen Abschnitten der Front eingesetzt.

          Nicht nur Kobane wird von IS bedroht

          Unter dem Dach der YPG kämpfen auch die syrisch-orthodoxen Christen mit ihrem „Militärrat der Suryani“ gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) und die 3000 Mann starke Miliz von Scheich Humaidi al Hadi Dscharba. Er ist das mächtige Oberhaupt des Stamms der Schammar. In Kobane haben die YPG und YPJ zusammen mit den Peschmerga der irakischen Kurden und nichtextremistischen lokalen Gruppen der Freien Syrischen Armee eine gemeinsame Operationszentrale eingerichtet. Seit September kämpfen sie in einer Allianz mit dem Namen „Burkan al Firat“. Das Verhältnis der Kurden zu anderen Gruppen der Freien Syrischen Armee aber ist angespannt, weil diese Gruppen eine Autonomie der Kurden ablehnen.

          „Die Lage in Kobane ist weiterhin kritisch“, sagt Khalil. Der IS greife dort mit 3000 Kriegern an, habe hohe Verluste, könne diese aber ersetzen. Andererseits hätten sich auch die YPG mit den Peschmerga aus Irakisch-Kurdistan und den PKK-Kämpfern verstärkt; sie kommen nun auf 2500 Kämpfer, einschließlich der 150 Peschmerga. Nicht die Zahl der Peschmerga sei entscheidend. Vielmehr zählten die Waffen, die sie mitgebracht haben. „Denn unser Problem ist die Menge und Qualität unserer Waffen.“ Die YPG wolle jedoch nicht, dass ausländische Bodentruppen in Kobane ihr Leben verlören.

          Die Welt blickt auf Kobane. Der IS bedroht aber auch die beiden anderen Kantone der syrischen Kurden in West-Kurdistan: den Kanton Cizire und den Kanton Afrin. Die Front südlich von Cizire ist seit einigen Wochen zwar ruhig. „Der IS verstärkt jedoch seine Stellungen“, sagt Khalil. Alle drei oder vier Wochen lanciere er einen Angriff auf die besonders gefährdete Stadt Serenkane und von seinem regionalen Zentrum in der Stadt Tell Hamis aus nach Norden. Jede Nacht finden an der Front Gefechte statt, sind die Einschläge von Granaten zu hören.

          Wenn der IS einen Ort ausgesucht hat, den er erobern will, zieht er seine Krieger und schwere Artillerie zusammen, marschiert mit bis zu 200 Kämpfern vor. Nur bei großen Operationen wie in Kobane setzt er 3000 Krieger ein. „Wir sind auf jeden Angriff vorbereitet, und wir haben seit Mitte September sogar Gelände zurückgewonnen“, sagt Khalil. Befreit haben die YPG und YPJ zwei Dutzend Dörfer um Tall Hamis.

          Das größte Problem für die syrischen Kurden ist der Mangel an schweren Waffen. Denn der IS hat im Juni in den Waffenlagern der irakischen Armee von Mossul unbegrenzte Mengen an Munition erbeutet, amerikanische Waffen und Hunderte von geländegängigen, gepanzerten Humvee-Fahrzeugen. Zudem befänden sich im Arsenal des IS die gefürchteten Scharfschützengewehre von Steyr.

          Khalil geht an seinen Schrank und holt ein Bündel Pässe heraus. Sie wurden bei gefangenen oder getöteten IS-Kriegern gefunden. Pässe aus Tunesien und Libyen, aus dem Libanon und Bahrein, natürlich aus der Türkei. Alle Nichttürken haben die Einreisestempel des Flughafens Istanbul. Dann sind da türkische Personalausweise von jungen Männern aus Adana und Erzurum – und dazwischen die Armee-Personalmarke des Soldaten Ridvan Ertab aus Siirt. Khalil holt ein Heft zur Nusra-Front hervor. Darin sind Hunderte Namen der „Ausländischen Kämpfer“ akribisch aufgelistet, sie alle werden wie Magneten vom Krieg in Syrien und dem IS angezogen.

          Die Sicherheitskräfte der syrischen Kurden haben Dutzende von radikalislamischen Kriegern festgenommen. Die meisten sind syrische Araber. Der kahl geschorene Hani Dschassim al Assaf wird mit einer Augenbinde auf eine Polizeistation geführt. Der sunnitische Araber streckt seine Arme aus, er scheint hilflos zu sein, aber das täuscht. Fast hätte er Menschen getötet. Assaf wurde 1991 nahe der Grenzstadt Yarubiya zum Irak geboren. Ein Cousin sprach ihn an: „Kämpfe mit uns, du bekommst dafür Geld, 150 Dollar für einen Anschlag.“ Assaf ließ sich anwerben, seine Familie erfuhr nichts davon. Mündlich wurde er eingewiesen, theoretisch lernte er aus Büchern. Er verübte zwei folgenlose Anschläge, beim dritten wurde er gefasst und verhaftet.

          Auf einem Kleinlastwagen des Stammes Zubaidi habe er den Sprengstoff für den ersten Anschlag bekommen, sagt Assaf mit leiser Stimme. Im Mai 2014 sollte er in seinem Dorf einen Anschlag gegen einen vorbeifahrenden Wagen mit Fernbedienung verüben, der fuhr aber zu weit weg, so dass der Wagen unbeschädigt blieb. Beim zweiten Mal ging der Zünder nicht. Beim dritten Mal sollte er einen Anschlag gegen einen arabischen Scheich verüben. Der Geheimdienst deckte seinen Plan auf, und er wurde am 3. Juni verhaftet.

          Gefangene Gotteskrieger distanzieren sich

          „Nein, ich gehörte nicht zum IS“, behauptet der junge Mann. „Ich wurde nur für Anschläge angeworben.“ Er bekennt aber: „Ja, ich war bereit, für Geld Menschen zu töten.“ Denn die „Organisation“ propagiere ja, dass die Kurden und Christen Ungläubige seien, die getötet werden müssten. Das habe er geglaubt, obwohl er doch lange mit Kurden und Christen zusammengelebt habe. Heute sagt er: „Ich teile die Ideologie des IS nicht. Der Islam duldet doch das Enthaupten von Menschen nicht.“ Dabei hätte es der Student der Philosophie doch besser wissen können. Denn ein Kommilitone passierte auf dem Rückweg von Aleppo die Hauptstadt des IS am Euphrat, Raqqa. Er kam in eine Straßenkontrolle und wurde ausgepeitscht, weil er ein „unislamisches“ Fach studiere.

          Ayman al Hattab, auch er ein sunnitischer Araber, ist wegen seines Barts auf den ersten Blick als frommer Muslim erkennbar. Auch er trägt eine Augenbinde. Er legt seine zitternden Hände ineinander. Seine Stimme klingt weich. Geboren, sagt er, wurde er 1984 in Marret Numan, in einem Kreis der Provinz Idlib also, die zu denen gehörte, die sich als erste gegen das Regime in Damaskus erhoben hatten. Er arbeitete bei der Ölgesellschaft des Kantons Cizire, als er über das Internet Kontakt zum IS aufnahm. Schon zwei Monate später wurde im Juli seine Zelle aufgedeckt, und er wurde verhaftet. Die Zelle sollte in der Stadt Rumailan, wo seine Frau und ihre vier Kinder weiter leben, einen Anschlag vorbereiten und verüben. Dafür bekam er jeden Monat umgerechnet 150 Euro.

          „Gott sei Dank habe ich niemanden getötet“, sagt Hattab heute. Er sei der Propaganda des IS erlegen. „Sie sagen, sie verträten den wahren Islam, und zunächst habe ich das geglaubt.“ Auch, dass der IS eine Befreiung bringen werde. Er heftet seinen Blick jetzt nicht mehr auf den Boden. „Ich will allen sagen: Kein Muslim soll sich dem IS anschließen.“ Natürlich habe er Angst. „Ich habe Fehler gemacht, jeder macht das, und nun erwarte ich Gerechtigkeit.“ Er sagt, er werde korrekt behandelt und nicht gefoltert.

          Topmeldungen

          Trotz Staatshilfen: Lufthansa fliegt au dem Dax

          Fluggesellschaft : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Trotz Staatshilfen in Höhe von 9 Milliarden Euro muss die größte Fluggesellschaft in Deutschland ihren Platz im Dax räumen. An deren Stelle tritt eine Wohnungsgesellschaft.

          Corona-Politik in Moskau : Das Virus des Westens

          Russland in Siegesstimmung: Moskau verordnet sich neue Quarantäneregeln. Einige sind freilich so absurd, dass sie auf Youtube parodiert werden. Und Polizisten fühlen sich ohnehin nicht an sie gebunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.