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Kurdischer Widerstand gegen IS : Zwischen Front und Frauenrechten

Gegen die Vorherrschaft des Mannes: Kämpferinnen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Syrien Bild: Fricke, Helmut

Syrische Kurden kämpfen für ihr Land und ihre Werte. Oft nehmen sie radikale Islamisten fest. Manche der Gefangenen warnen inzwischen selbst vor dem IS.

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          Der andere Krieg, sagt Eylem, wird auch dann weitergehen, wenn der Krieg gegen den IS beendet ist. Deshalb trägt die 21 Jahre junge Frau die Tarnuniform der Armee der syrischen Kurden, deshalb leitet sie ein Ausbildungslager für Soldatinnen: um ihr Land zu schützen – und um ein Zeichen gegen die Vorherrschaft der Männer zu setzen. Der andere Krieg: Noch immer, sagt Eylem, sehen viele Männer in der Frau zuerst ihre eigene „Ehre“, die sie verteidigen müssen; noch immer geschehen zu viele Ehrenmorde. Dagegen will sie kämpfen. Eylem ist Mitglied der „Volksverteidigungseinheiten“.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Jedes Jahr absolvieren 120 Frauen zwischen 18 und 25 Jahren Eylems Ausbildungslager, danach gehen sie an die Front. Das Lager, nach dem „Märtyrer Devrim“ benannt, ist eines von mehreren Dutzend. In den Kursen, die sechs Wochen oder länger dauern, lernen die Frauen den Umgang mit Waffen, vor allem mit der Kalaschnikoff, mit Schnellfeuerkarabinern, mit dem Maschinengewehr M60, mit den Bazookas und dem schweren Maschinengewehr Doschka, das auf Kleinlastwagen montiert ist. Trainiert wird auch der direkte Feindeskontakt. Im täglichen politischen Unterricht geht es um die Geschichte Kurdistans – und um die der Frauenbewegung.

          Landesverteidigung ist Existenzfrage

          Derzeit ist eine Gruppe zur Fortbildung im Lager, alle Frauen waren schon an der Front. Die 20 Jahre alte Saria sagt: „Angst hatte ich nur ganz am Anfang, dann gewöhnte ich mich an das Knallen.“Die Beziehung zu den Männern an der Front sei gut – die hätten ja dieselbe Einstellung wie die kämpfenden Frauen. Die 18 Jahre alte Silan weist jeden Zweifel daran zurück, dass auch Frauen kämpfen. „Solange unser Land besetzt ist, muss jeder zur Waffe greifen.“ Noch weniger Verständnis hat sie für die Meinung, Waffen seien nichts für Frauen: „Natürlich glaubt man im System der Vorherrschaft des Mannes, die Waffen seien nur für den Mann.“ Solches Denken lehnen diese Frauen ab. Bald gehen sie wieder an die Front.

          Die syrischen Kurden gründeten die „Volksverteidigungseinheiten“ für Männer (YPG) und Frauen (YPJ) vor gut zwei Jahren, am 19. Juli 2012. Im ersten Jahr ihres Bestehens gewannen sie im Norden Syriens, auch in Aleppo, Boden gegen die Extremisten der Nusra-Front und der Gruppe Ahrar al Sham zurück. Im Juli 2013 eroberten sie strategisch wichtige Orte wie Serenkane und die Grenzstadt Tell Kotschar zurück. Redur Khalil, Sprecher der Männer-Einheit, sagt, in den drei Kantonen Cizire, Kobane und Afrin sowie in Aleppo gebe es bisher 1800 Gefallene zu beklagen.

          Khalil führt zwei Gründe für den Erfolg der YPG und YPJ an. „Wir kämpfen für unsere Werte und unsere Freiheit, wir verteidigen aber auch unser Land gegen Angreifer.“ Fast alle Kämpfer stammen aus der Region, kennen also die Topographie, viele haben in der syrischen Armee gedient. Die Fraueneinheit untersteht formal der Männereinheit, die Frauen stellen ein Drittel der knapp 13000 Kämpfer der syrischen Kurden. Die Kämpferinnen sind meist jung und nicht verheiratet. Für sie sei die Verteidigung ihres Landes eine Existenzfrage, Heirat und Familie kämen an zweiter Stelle, sagt Khalil. Er nennt die Frauen die „Seele der Revolution“ der syrischen Kurden. Ihr Beitrag sei keineswegs symbolisch, sie würden an den heißen Abschnitten der Front eingesetzt.

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