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Kurdischer Widerstand gegen IS : Zwischen Front und Frauenrechten

Die Sicherheitskräfte der syrischen Kurden haben Dutzende von radikalislamischen Kriegern festgenommen. Die meisten sind syrische Araber. Der kahl geschorene Hani Dschassim al Assaf wird mit einer Augenbinde auf eine Polizeistation geführt. Der sunnitische Araber streckt seine Arme aus, er scheint hilflos zu sein, aber das täuscht. Fast hätte er Menschen getötet. Assaf wurde 1991 nahe der Grenzstadt Yarubiya zum Irak geboren. Ein Cousin sprach ihn an: „Kämpfe mit uns, du bekommst dafür Geld, 150 Dollar für einen Anschlag.“ Assaf ließ sich anwerben, seine Familie erfuhr nichts davon. Mündlich wurde er eingewiesen, theoretisch lernte er aus Büchern. Er verübte zwei folgenlose Anschläge, beim dritten wurde er gefasst und verhaftet.

Auf einem Kleinlastwagen des Stammes Zubaidi habe er den Sprengstoff für den ersten Anschlag bekommen, sagt Assaf mit leiser Stimme. Im Mai 2014 sollte er in seinem Dorf einen Anschlag gegen einen vorbeifahrenden Wagen mit Fernbedienung verüben, der fuhr aber zu weit weg, so dass der Wagen unbeschädigt blieb. Beim zweiten Mal ging der Zünder nicht. Beim dritten Mal sollte er einen Anschlag gegen einen arabischen Scheich verüben. Der Geheimdienst deckte seinen Plan auf, und er wurde am 3. Juni verhaftet.

Gefangene Gotteskrieger distanzieren sich

„Nein, ich gehörte nicht zum IS“, behauptet der junge Mann. „Ich wurde nur für Anschläge angeworben.“ Er bekennt aber: „Ja, ich war bereit, für Geld Menschen zu töten.“ Denn die „Organisation“ propagiere ja, dass die Kurden und Christen Ungläubige seien, die getötet werden müssten. Das habe er geglaubt, obwohl er doch lange mit Kurden und Christen zusammengelebt habe. Heute sagt er: „Ich teile die Ideologie des IS nicht. Der Islam duldet doch das Enthaupten von Menschen nicht.“ Dabei hätte es der Student der Philosophie doch besser wissen können. Denn ein Kommilitone passierte auf dem Rückweg von Aleppo die Hauptstadt des IS am Euphrat, Raqqa. Er kam in eine Straßenkontrolle und wurde ausgepeitscht, weil er ein „unislamisches“ Fach studiere.

Ayman al Hattab, auch er ein sunnitischer Araber, ist wegen seines Barts auf den ersten Blick als frommer Muslim erkennbar. Auch er trägt eine Augenbinde. Er legt seine zitternden Hände ineinander. Seine Stimme klingt weich. Geboren, sagt er, wurde er 1984 in Marret Numan, in einem Kreis der Provinz Idlib also, die zu denen gehörte, die sich als erste gegen das Regime in Damaskus erhoben hatten. Er arbeitete bei der Ölgesellschaft des Kantons Cizire, als er über das Internet Kontakt zum IS aufnahm. Schon zwei Monate später wurde im Juli seine Zelle aufgedeckt, und er wurde verhaftet. Die Zelle sollte in der Stadt Rumailan, wo seine Frau und ihre vier Kinder weiter leben, einen Anschlag vorbereiten und verüben. Dafür bekam er jeden Monat umgerechnet 150 Euro.

„Gott sei Dank habe ich niemanden getötet“, sagt Hattab heute. Er sei der Propaganda des IS erlegen. „Sie sagen, sie verträten den wahren Islam, und zunächst habe ich das geglaubt.“ Auch, dass der IS eine Befreiung bringen werde. Er heftet seinen Blick jetzt nicht mehr auf den Boden. „Ich will allen sagen: Kein Muslim soll sich dem IS anschließen.“ Natürlich habe er Angst. „Ich habe Fehler gemacht, jeder macht das, und nun erwarte ich Gerechtigkeit.“ Er sagt, er werde korrekt behandelt und nicht gefoltert.

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