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IS auf dem Sinai : Die gefährlichste Terrorgruppe Ägyptens

Armeeangehörige zeigen dem ägyptischen Präsidenten Sisi Waffen, die der Terrororganisation Ansar Beit al Maqdis abgenommen wurden. Bild: dpa

Ein IS-Ableger beansprucht beharrlich, das russische Passagierflugzeug auf dem Sinai zum Absturz gebracht zu haben. Bisher allerdings ohne Beweise vorzulegen. Doch wer sind die Dschihadisten eigentlich?

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          Unter den Dschihadisten Ägyptens herrschte nicht gerade einhelliger Jubel, als die Gruppe Ansar Beit al Maqdis verkündete, künftig unter dem Banner des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi zu kämpfen. Im November 2014 benannte sich die vor allem auf der Sinai-Halbinsel operierende Gruppe in „die Provinz Sinai des Islamischen Staates“ (IS) um. Mehrere Extremistengruppen in Kernägypten, die der Terrororganisation Al Qaida unter der Führung des Ägypters Ayman al Zawahiri zuneigen, wandten sich ab. Die Konkurrenz mit Al Qaida mag es den Dschihadisten vom Sinai erschweren, sich als ägyptische Kraft zu etablieren, wie der Experte Mokhtar Awad argumentiert. Den Aufstieg zur gefährlichsten Terrorgruppe des Landes hat es aber nicht aufgehalten.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Beharrlich beansprucht der ägyptische IS-Ableger hinter dem Absturz des russischen Passagierflugzeugs zu stecken. Amerikaner und Briten sehen dafür zumindest starke Hinweise, auch wenn die Extremisten noch kein Insiderwissen präsentiert haben, das ein sicherer Nachweis für ihre Drahtzieherschaft wäre. Es wäre ein Coup: Die Russen wären für ihr Syrienengagement bestraft worden. Der Tourismuswirtschaft Ägyptens, die schon jetzt durch die andauernden Berichte und Bekennerbotschaften geschädigt ist, wäre ein schwerer Schlag versetzt worden.

          Mehrere spektakuläre Terrorangriffe gehen auf das Konto der Gruppe: Sie bekannte sich zu den Bombenanschlägen auf das italienische Konsulat im Herzen von Kairo im Juli, nur kurze Zeit, nachdem Generalstaatsanwalt Hischam Barakat durch einen Bombenanschlag getötet worden war. Sie bekannte sich ferner zu einem Bombenanschlag auf ein Gebäude der Sicherheitsbehörden in einem Vorort der ägyptischen Hauptstadt im August. IS-Extremisten ermordeten und enthaupteten außerdem eine kroatische Geisel. Vor allem aber setzen die Dschihadisten der ägyptischen Armee zu, die einen verlustreichen Kampf auf dem Sinai führt. Immer wieder werden die Sicherheitskräfte von Machthaber Abd al Fattah al Sisi dort angegriffen. Im Juli attackierten sie nach Angaben des Militärs an einem Tag fünfzehn Armeeposten. Sie schickten dabei Selbstmordattentäter voraus – genau wie der IS auf den Schlachtfeldern in Syrien und im Irak.

          Doch von einer festen Anbindung der Sinai-Provinz des IS an die Zentrale des IS-Regimes in der Levante gehen Beobachter nicht aus – es gilt allerdings als wahrscheinlich, dass es lose Verbindungen gibt. Das legt allein die Tatsache nahe, dass es zahlreiche Dschihadisten gab, die aus Ägypten nach Syrien in den Krieg zogen. Ein dschihadistisches Staatsbildungsprojekt, wie es der IS in Syrien und im Irak verfolgt, ist auf dem Sinai derzeit auch nicht zu sehen.

          Größere Freiräume unter den Muslimbrüdern

          Die Ursprünge der Gruppe reichen an den Beginn der Zweitausender Jahre zurück. Den Kern der Vorgängergruppe von Ansar Beit al Maqdis hatten Beduinen vom Sinai gebildet, die sich zuvor zur beruflichen Ausbildung oder zum Studium im ägyptischen Kernland aufgehalten hatten. Dort verbreiten sich auch die islamistischen Ideen aus der Hauptstadt und anderen Zentren. Der Sinai war eine gute Basis zum Training und ein sicherer Rückzugsraum. Mit dem blutigen Feldzug des Mubarak-Regimes gegen die Dschihadisten auf dem Sinai – es gab Tausende Festnahmen und Folter – verschärfte Kairo die Entfremdung und Radikalisierung. Heute sagen Kritiker, dass der Feldzug des Sisi-Regimes gegen die Extremisten ähnliche Folgen hat.

          Die Dschihadisten auf dem Sinai konnten außerdem genauso vom Austausch mit den radikalen Islamisten im Gazastreifen profitieren wie vom Aufstand gegen Mubarak. Des Weiteren kamen unter der Herrschaft des Hohen Militärrates zahllose Dschihadisten aus den überfüllten Gefängnissen frei. Unter der Herrschaft der Muslimbrüder genossen die Extremisten – etwa was die Dschihad-Reisen nach Syrien betrifft – größere Freiräume. Nachdem Sisis Sicherheitskräfte 2013 ein Blutbad an den Anhängern des als Präsidenten gestürzten Muslimbruders Muhammad Mursi anrichteten, konzentrierten sich die Dschihadisten auf der Sinai-Halbinsel stärker auf den Kampf gegen die Kräfte des Regimes. Vorher waren sie meist gegen äußere Feinde vorgegangen, hatten Pipelines nach Israel angegriffen, oder im September 2012 das israelische Militär.

          Zwischen den Jahren 2004 und 2015 hätten sich die Aktivitäten des ägyptischen IS und seiner Vorgängerorganisationen von einer Terrorkampagne zu einem mittleren Aufstand ausgeweitet, der „harte Ziele“ angreift, schrieb der Islamwissenschaftler und Sicherheitsexperte Omar Ashour im April in einem Beitrag für die Internetseite des Fernsehsenders Al Dschazira. Die Gruppe habe Granaten, schultergestützte Flugabwehrwaffen und gepanzerte Fahrzeug erbeutet. Er zitiert einen IS-Kommandeur mit der Drohung an Sisi: „Schicke Deine ganze Armee. Sie wird in der Wüste sterben.“

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