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Wehrpflicht in Israel : Gleichheit am Krankenbett

Ein ultra-orthodoxer Jude ermutigt Kinder bei Protesten gegen die Wehrpflicht zum Beten Bild: REUTERS

In Israel ist gerade erst die große Koalition an dem Streit zerbrochen, wie die bisher befreiten ultra-orthodoxen Juden an der Wehrpflicht beteiligt werden können. Immer mehr Israelis fordern nun, dass auch die arabische Minderheit Militär- oder Zivildienst leistet.

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          Adham Brik ist sich sicher, dass er das Richtige tut. „Ich muss dem Land, in dem ich lebe, auch etwas zurückgeben“, sagt der 19 Jahre alte Mann und führt den Patienten mit der Infusionsleitung am Arm zu seinem Bett. Seit knapp einem Jahr arbeitet er in der onkologischen Tagesklinik des Rambam-Krankenhauses in Haifa. Auf den Fluren der Klinik wird Hebräisch, Russisch und Arabisch gesprochen. Neben Kranken mit langem Bart und einer Kippa auf dem Kopf warten Frauen mit einem Kopftuch auf ihren Arzt. Adham Brik hilft strenggläubigen Juden genauso wie frommen Musliminnen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der junge Araber aus einem kleinen Dorf an der Bucht von Haifa ist eine Ausnahme. Im drittgrößten Krankenhaus Israels ist er einer von sechs männlichen arabischen Staatsbürgern, die dort freiwillig ihren zweijährigen „Nationaldienst“ leisten. 2.400 der insgesamt 1,6 Millionen arabischen Israelis haben sich in diesem Jahr freiwillig für einen Zivildienst gemeldet. Die arabische Minderheit, die ein Fünftel der Bevölkerung ausmacht, muss nicht zur Armee.

          Alle sollen ihren Beitrag leisten

          Bis zum 1. August hat das Oberste Gericht der israelischen Regierung Zeit gegeben, ein Gesetz vorzulegen, das die Lasten des Wehrdienstes gerechter verteilt. Eigentlich geht es dabei um die Ultraorthodoxen, die sich vom Wehrdienst befreien lassen können, wenn sie sich verpflichten, stattdessen Tora und Talmud zu studieren. Am Sonntag debattierte das Kabinett über einen neuen Entwurf; wenige Tage zuvor hatte die Kadima-Partei im Streit über die Wehrpflicht die Koalition von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verlassen.

          Immer mehr Israelis wollen, dass auch junge Araber einen Beitrag zu dem Staat leisten, dessen Bürger sie sind. In einer Umfrage sprachen sich jetzt 54 Prozent der befragten (jüdischen) Israelis dafür aus. Die „Israel-Beitenu“-Partei von Außenminister Avigdor Lieberman scheiterte zwar vor wenigen Tagen mit einem eigenen Gesetzentwurf, der allen 18 Jahre alten Bürgern vorschreiben würde, entweder zur Armee zu gehen oder Ersatzdienst zu leisten - Männern wie Frauen, Ultraorthodoxen wie Arabern.

          Nur, wer etwas für den Staat getan hat, soll nach Liebermans Meinung Anspruch auf staatliche Leistungen haben. Prinzipiell hat auch Netanjahu Unterstützung für die Reform signalisiert, welche die seit der Staatsgründung geübte Praxis beenden würde: Abgesehen von den Drusen werden arabische Männer bisher weder zu Ersatz- noch Wehrdienst eingezogen.

          Dem jüdischen Staat nichts schuldig

          „Warum sollten Araber keinen Zivildienst leisten, solange er freiwillig ist? Es ist gut, anderen zu helfen und hilft vor allem einem selbst“, sagt Adham Brik. Wenn er seinen Dienst im Rambam-Krankenhaus beendet hat, will er eine Ausbildung als Krankenpfleger beginnen. In der Klinik in Haifa sind neben den sechs arabischen Männern 26 arabische Frauen als Freiwillige im Einsatz. Aber die Freiwilligen sind in ihrer Bevölkerungsgruppe eine kleine Minderheit: Während das Parlament über den Antrag von Liebermans Partei beriet, trafen sich in Nazareth junge Araber zur einer der größten Kundgebungen gegen die neuen Pläne.

          Die arabische Jugendorganisation Baladna („Unser Land“) hat schon vor einiger Zeit eine Plakatkampagne lanciert. Darauf ist zum Beispiel eine Faust mit einer Erkennungsmarke zu sehen, wie sie jeder Soldat um den Hals hängen hat. Statt des Namens und der Dienstnummer sind jedoch darauf die arabischen Worte „Nein zum Dienst“ eingraviert. Darunter steht der Slogan „Ich bin kein Diener“. Ein anderes Plakat zeigt den Oberkörper einer Frau in khakifarbener Armeekleidung mit der Aufschrift: „Zivildienst: Der Weg, um (unsere) Identität auszulöschen“.

          Nicht nur die Mitglieder der Jugendgruppe fühlen sich in Israel als Bürger zweiter Klasse behandelt. Sie sind daher der Meinung, dass sie dem jüdischen Staat nichts schuldig sind. Ihre Vorfahren gehörten zu den Palästinensern, die während des Krieges im Jahr 1948 nicht flohen und in Israel blieben, wo sie Staatsbürger wurden. Viele Angehörige der jüngeren Generation nennen sich „palästinensische Israelis“, um deutlich zu machen, wie sehr ihre Herkunft ihre Identität bis heute prägt.

          „In meinem Dorf gab es Leute, die mich als Verräter beschimpften. Aber ich wurde niemals bedroht“, erinnert sich Mohammed Abu Rumi. Der 21 Jahre alte Mann aus dem arabischen Ort Tamra war Zivildienstleistender im Rambam-Krankenhaus und lässt sich gerade zum Krankenpfleger ausbilden. „Die Mehrheit bei uns ist gegen den Ersatzdienst“, sagt Rumi. Dennoch ist er zuversichtlich, seine jüngere Schwester durch sein eigenes Beispiel davon zu überzeugen, es ihm nachzutun. Junge Araberinnen stellen nicht nur in der Klinik in Haifa die Mehrheit unter den arabischen Zivildienstleistenden. Für sie ist es eine Chance, aus ihren Familien und Dörfern herauszukommen, selbständiger zu werden und vielleicht später einen Beruf zu erlernen.

          Nadim Naschef glaubt, dass die israelische Regierung nicht uneigennützig um junge Frauen wirbt, die wenig Perspektiven haben. „Sie werden gezielt rekrutiert, weil sie in einer schwächeren Position sind“, sagt der Direktor der Jugendorganisation Baladna. Er hat nichts dagegen, wenn junge Araber sich freiwillig melden, um in ihrer Bevölkerungsgruppe zu helfen. Das sei schon länger der Fall.

          Anders sei es aber, wenn der israelische Staat ins Spiel kommt. „Seit 64 Jahren arbeitet dieser Staat gegen uns Araber. Er benachteiligt und diskriminiert uns. Unsere Rechte dürfen nicht davon abhängig gemacht werden, ob wir Zivildienst leisten oder nicht. Das ist in einer Demokratie nicht möglich“, sagt Naschef.

          „Es geht nicht um Gleichberechtigung“

          Für ihn ist klar, dass es in der Diskussion über eine Dienstpflicht nicht um Gleichberechtigung oder mehr Gerechtigkeit geht. „Ausschlaggebend bleibt, ob man in Israel Jude oder Araber ist. Den Drusen geht es auch nicht besser, obwohl sie zur Armee gehen. Man braucht nur in ihre ärmlichen Dörfer zu gehen. Für die ultraorthodoxen Juden gibt die Regierung seit Jahren Hunderte Millionen Dollar aus, obwohl sie überhaupt keinen Dienst leisten“, sagt Naschef. Er fürchtet, dass die arabischen Zivildienstleistenden im Krisenfall die Armee an der Heimatfront unterstützen müssen - dabei hätten die Angehörigen der Minderheit politisch gar keine Chance, über Krieg oder Frieden mitzuentscheiden.

          Im Rambam-Krankenhaus leisten erst seit vier Jahren Nicht-Juden „Nationaldienst“, wie der Ersatzdienst in Israel heißt. „Ihre Zahl steigt Jahr für Jahr. Rambam zeigt, dass wir zusammenarbeiten und zusammenleben können“, sagt Rafael Beyar, der die Tausend-Betten-Klinik leitet. Ursprünglich war der Ersatzdienst vor mehreren Jahrzehnten für jüdische Mädchen geschaffen worden, die aus religiösen Gründen nicht zur Armee wollten.

          Für Mohammed Abu Rumi war sein Zivildienst eine prägende Erfahrung. „Die Zeit in der Klinik hat mein Leben verändert. Ich bin selbstbewusster geworden“, berichtet er. Adham Brik beeindruckte der gegenseitige Respekt, mit dem sich die Menschen dort begegnen: „Hier sind wir gleich, egal woher wir kommen.“

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