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Wehrpflicht in Israel : Gleichheit am Krankenbett

Nicht nur die Mitglieder der Jugendgruppe fühlen sich in Israel als Bürger zweiter Klasse behandelt. Sie sind daher der Meinung, dass sie dem jüdischen Staat nichts schuldig sind. Ihre Vorfahren gehörten zu den Palästinensern, die während des Krieges im Jahr 1948 nicht flohen und in Israel blieben, wo sie Staatsbürger wurden. Viele Angehörige der jüngeren Generation nennen sich „palästinensische Israelis“, um deutlich zu machen, wie sehr ihre Herkunft ihre Identität bis heute prägt.

„In meinem Dorf gab es Leute, die mich als Verräter beschimpften. Aber ich wurde niemals bedroht“, erinnert sich Mohammed Abu Rumi. Der 21 Jahre alte Mann aus dem arabischen Ort Tamra war Zivildienstleistender im Rambam-Krankenhaus und lässt sich gerade zum Krankenpfleger ausbilden. „Die Mehrheit bei uns ist gegen den Ersatzdienst“, sagt Rumi. Dennoch ist er zuversichtlich, seine jüngere Schwester durch sein eigenes Beispiel davon zu überzeugen, es ihm nachzutun. Junge Araberinnen stellen nicht nur in der Klinik in Haifa die Mehrheit unter den arabischen Zivildienstleistenden. Für sie ist es eine Chance, aus ihren Familien und Dörfern herauszukommen, selbständiger zu werden und vielleicht später einen Beruf zu erlernen.

Nadim Naschef glaubt, dass die israelische Regierung nicht uneigennützig um junge Frauen wirbt, die wenig Perspektiven haben. „Sie werden gezielt rekrutiert, weil sie in einer schwächeren Position sind“, sagt der Direktor der Jugendorganisation Baladna. Er hat nichts dagegen, wenn junge Araber sich freiwillig melden, um in ihrer Bevölkerungsgruppe zu helfen. Das sei schon länger der Fall.

Anders sei es aber, wenn der israelische Staat ins Spiel kommt. „Seit 64 Jahren arbeitet dieser Staat gegen uns Araber. Er benachteiligt und diskriminiert uns. Unsere Rechte dürfen nicht davon abhängig gemacht werden, ob wir Zivildienst leisten oder nicht. Das ist in einer Demokratie nicht möglich“, sagt Naschef.

„Es geht nicht um Gleichberechtigung“

Für ihn ist klar, dass es in der Diskussion über eine Dienstpflicht nicht um Gleichberechtigung oder mehr Gerechtigkeit geht. „Ausschlaggebend bleibt, ob man in Israel Jude oder Araber ist. Den Drusen geht es auch nicht besser, obwohl sie zur Armee gehen. Man braucht nur in ihre ärmlichen Dörfer zu gehen. Für die ultraorthodoxen Juden gibt die Regierung seit Jahren Hunderte Millionen Dollar aus, obwohl sie überhaupt keinen Dienst leisten“, sagt Naschef. Er fürchtet, dass die arabischen Zivildienstleistenden im Krisenfall die Armee an der Heimatfront unterstützen müssen - dabei hätten die Angehörigen der Minderheit politisch gar keine Chance, über Krieg oder Frieden mitzuentscheiden.

Im Rambam-Krankenhaus leisten erst seit vier Jahren Nicht-Juden „Nationaldienst“, wie der Ersatzdienst in Israel heißt. „Ihre Zahl steigt Jahr für Jahr. Rambam zeigt, dass wir zusammenarbeiten und zusammenleben können“, sagt Rafael Beyar, der die Tausend-Betten-Klinik leitet. Ursprünglich war der Ersatzdienst vor mehreren Jahrzehnten für jüdische Mädchen geschaffen worden, die aus religiösen Gründen nicht zur Armee wollten.

Für Mohammed Abu Rumi war sein Zivildienst eine prägende Erfahrung. „Die Zeit in der Klinik hat mein Leben verändert. Ich bin selbstbewusster geworden“, berichtet er. Adham Brik beeindruckte der gegenseitige Respekt, mit dem sich die Menschen dort begegnen: „Hier sind wir gleich, egal woher wir kommen.“

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