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„Islamischer Staat“ : Ein Krieg der Intelligenz

Aufgesprungen aus dem Nichts: Lange blieben die Terroristen des „Islamischen Staats“ unsichtbar. Langsam wird ihre Strategie fassbar. Bild: AP

Warum blieben die Terroristen des „Islamischen Staats“ so lange im Verborgenen? Weil er höchst professionell im Verborgenen operierte und erst zuschlug, als er stark genug war. Die Fäden zogen Geheimdienstler. Ein Kommentar.

          In den letzten Monaten sind mehr und mehr Analysen und Deutungen des „Islamischen Staats“ erschienen, die dieses Phänomen verständlicher gemacht haben. Das war um so wichtiger, als der IS praktisch aus dem Nichts aufgesprungen ist. Inzwischen ist er kenntlicher. Und er hat Niederlagen hinnehmen müssen. Es bleibt aber erklärungsbedürftig, warum diese Gefahr so spät auf den Bildschirmen politischer Wahrnehmung auftauchte. Und das nicht nur im Westen - in der Wissenschaft und Politik, bei Geheimdiensten und Medien -, sondern auch an den Orten des Geschehens. Gerade darin liegt ja das Geheimnis der IS-Erfolge. Niemand war vorbereitet. Es gab anfangs kaum nennenswerten Widerstand.

          Rainer Hermann, unser langjähriger Korrespondent, hat in zahlreichen Artikeln und nun auch in einem Buch („Endstation Islamischer Staat?“) das apokalyptische Programm des IS in den Zusammenhang eines Religionskriegs zwischen Sunniten und Schiiten gestellt; er hat die These auch in dieser Zeitung vorgestellt. Der welterfahrene Journalist Eugen Sorg wiederum beschreibt das propagandistische Konzept des IS: ein „Management der Barbarei“, das auf den ehemaligen Chefdenker von Al Qaida zurückgeht, einen gebildeten Intellektuellen. Die planerische Absicht, die konzeptionelle Intelligenz, das durchdachte Kalkül: All das ist hinter dem schreckenstiftenden Furor dieser Verbrecher immer deutlicher geworden. Ebenso wie die offen erklärte Absicht, einen Staat zu errichten, der keine Grenzen anerkennt.

          Nun fügt der kenntnisreiche Christoph Reuter in einem Buch („Die schwarze Macht“) und einem „Spiegel“-Artikel einen Eckstein der Analyse hinzu. Der Reporter belegt mit Dokumenten und Zeugenaussagen, dass der IS unter seiner schwarz spiegelnden Dschihad-Oberfläche einen kalten politischen Kern besitzt, nämlich einen mächtigen, infiltrativen Geheimdienst. Reuter nennt daher den IS verdeutlichend ein „Stasi-Kalifat“.

          Dazu kam es nicht von ungefähr. Denn der Architekt dieser Struktur war ein Geheimdienst-Mann mit dem Tarnnamen Haji Bakr. Sein Handwerk hatte er im Spitzel- und Unterdrückungsapparat Saddam Husseins gelernt. Die Strukturen des IS und seine Strategie entstanden mithin nicht naturwüchsig, etwa aus einer sozialpolitischen „Bewegung“, sondern aus der Anwendung der alten Methoden im Umfeld einer zerfallenden Ordnung.

          Es begann mit der Infiltration syrischer Ortschaften über scheinbar unverdächtige islamische Missionszentren - Tarneinheiten des IS. Sie sickerten in die örtliche Gesellschaft ein und erhoben nach detailliertem Plan Informationen über die dort lebenden Personen, Familien und Gruppen. So wurden die Voraussetzungen geschaffen, durch Erpressung oder Gewalt, Zug oder Druck, zu gegebener Zeit in örtlichen Zentren die Macht zu ergreifen. Häufig genügten dafür ein paar gezielte Morde, zu offenen Schlachten kam es erst gar nicht. Weil der IS planvoll und synchron zuschlug, konnte er nach dieser Vorbereitung so schnell große Erfolge erzielen.

          Eine straff organisierte Kadertruppe

          Reuter beschreibt, dass Dschihad und Scharia sowie die verordnete Frömmelei im IS nur vorgeschoben sind und einem einzigen Ziel dienen: Überwachung und Herrschaft zu etablieren. Haji Bakr wurde Anfang des vergangenen Jahres erschossen, in seinen Räumen fand sich kein Koran. Auch sein Begriff für Bekehrung, „takwin“, sei nicht religiös, sondern aus dem Bauwesen. Der IS wird also, folgt man Reuter, nicht von religiösen Fanatikern beherrscht - übrigens auch nicht vom „Kalifen“ al Bagdadi -, sondern von einer „straff organisierten Kadertruppe“. An deren Spitze steht ein Geheimzirkel, die „Männer des Lösens und Bindens“. Der sogenannte Schura-Rat als nominell höchstes Gremium trifft in Wirklichkeit nicht die wesentlichen Entscheidungen. So wird die gesamte Organisation des IS von einer parallelen Befehlsstruktur kontrolliert.

          Was Reuter hier nachzeichnet, ist der Doppelstaat, ein Kadersystem, wie man es von allen totalitären Formen der Herrschaft kennt. Angst und Schrecken nutzt sie nur als Instrumente. Ihr eigentliches Wesen ist die planvolle Durchdringung der gesamten Gesellschaft zwecks verdeckter Machtausübung. Das Herz einer solchen Struktur ist immer eine Mördergrube: ein Geheimdienst. Und das erklärt - bei Reuter genau nachzulesen - endlich überzeugend, warum der IS uns so lange verborgen blieb. Weil er eben höchst professionell im Verborgenen operierte und erst zuschlug, als er stark genug war. Noch ist er keineswegs besiegt, trotz aller Niederlagen, die er in letzter Zeit einzustecken hatte. Reuter fürchtet, der IS könne durch den heraufziehenden Krieg zwischen Sunniten und Schiiten schließlich sogar zur zentralen Macht im Nahen Osten aufsteigen.

          All das geht uns entschieden an. Die Welt ist verknüpft - unmittelbar verkörpert durch die Flüchtlinge, die bei uns eine Zuflucht vor dem Horror suchen. Es ist eine ganz eigene Gefahr, dass sich währenddessen in Europa selbst unter den Gebildeten eine Liebe zu einfachen Lösungen auszubreiten scheint. Denn der Krieg, der schon stattfindet, ist ein Krieg der Intelligenz.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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