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Dramatische Eskalation in Nahost : Hamas entführt israelischen Soldaten

Einer von vielen Schüssen auf den Gaza-Streifen. Nach der gescheiterten Feuerpause wurden bisher etwa 50 Palästinenser getötet. Bild: REUTERS

Die Hamas hat einen israelischen Soldaten in ihre Gewalt gebracht. Die Armee reagiert darauf mit einer großangelegten Suchaktion - und dem Bruch der auf drei Tage angelegten Waffenruhe.

          3 Min.

          Statt einer Waffenruhe ist es am Freitag in Gaza zu einer dramatischen Eskalation mit ungewissem Ende gekommen. In der Nacht zum Freitag hatten sich Israel und die Hamas noch zu einer dreitägigen humanitären Feuerpause bereit erklärt. Am Mittag war sie schon vorüber: Die israelische Armee gab bekannt, dass sie im Süden des Gazastreifens nach einem Soldaten suche, den die Hamas möglicherweise entführt hat. Eineinhalb Stunden nach dem Beginn der Feuerpause seien israelische Soldaten bei Rafah angegriffen worden, die einen Tunnel zerstörten, teilte ein Armeesprecher mit.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der Vermisste ist der 23 Jahre alte Leutnant Hadar Goldin, teilte die israelische Armee mit. Ein ranghohes Hamas-Mitglied sagte der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu, der Soldat sei vor Inkrafttreten der Waffenruhe um 07.00 Uhr (MESZ) gefangen genommen worden. Daher habe Israel nicht das Recht, die Waffenruhe zu brechen, so Mussa Abu Marsuk weiter. Israel bestreitet das. Nach Angaben des Militärs ist Goldin erst um 08.30 Uhr (MESZ) verschleppt worden. Die Armee habe eine große Suchaktion begonnen.

          Heftige Gefechte in Rafah

          In Rafah tobten unweit des Grenzübergang nach Ägypten schon am Vormittag heftige Gefechte. Nach palästinensischen Angaben kamen mehr als 20 Menschen ums Leben. Ein israelischer Regierungsvertreter informierte die Vereinten Nationen, dass die Waffenruhe vorüber sei, weil die Hamas sie gebrochen habe. Laut israelischen Presseberichten will die israelische Armee mit ihrem massiven Vorgehen vor allem verhindern, dass der vermisste Soldat durch Tunnel tief in den Gazastreifen hinein verschleppt wird.

          Im Westjordanland protestieren Palästinenser gegen die israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen. Bilderstrecke

          Die Hamas hatte schon vor Kriegsbeginn alles daran gesetzt, Israelis zu entführen. Die israelische Regierung hatte die palästinensischen Islamisten beschuldigt, im Juni im Westjordanland drei jüdische Religionsstudenten entführt zu haben, deren Leichen später gefunden worden. Bei ihren Vorstößen durch die Tunnel, die die aus Gaza in den Süden Israels gegraben worden waren, versuchten Hamas-Kämpfer angeblich mehrmals, Soldaten zu verschleppen. Sollten sich die israelischen Befürchtungen bewahrheiten, würde sich ein nationaler Albtraum wiederholen: Im Oktober 2011 hatte die Hamas nach fast fünfeinhalb Jahren Geiselhaft den israelischen Soldaten Gilad Schalit freigelassen; er war 2006 nach Gaza verschleppt worden. Israel musste im Austausch mehr als tausend palästinensische Gefangene freilassen.

          Kerry dämpft Hoffnungen auf Waffenruhe

          Noch am Freitagmorgen hatte es so ausgesehen, als könnte der Krieg bald enden, auch wenn der amerikanische Außenminister John Kerry die Hoffnungen auf die neue Waffenruhe dämpfte. „Das ist nicht die Zeit zum Gratulieren“, sagte Kerry in Delhi. Es handele sich erst einmal nur um eine Atempause, nicht um das Ende des Konflikts. Seine Vorsicht war begründet: Am vergangenen Wochenende hatten Kerry und UN-Sekretär Ban Ki-moon mit ägyptischer Unterstützung schon einmal zu einer Waffenruhe aufgerufen hatten, die dann in einer neuen Welle der Gewalt endete.

          Zunächst schien noch vorsichtige Zuversicht zu überwiegen. Die ägyptische Regierung lud am Freitag Vertreter beider Seiten zu indirekten Verhandlungen über einen längerfristigen Waffenstillstand. Das amerikanische Außenministerium wollte Staatssekretär William Burns entsenden. Doch schon wenige Stunden später zog Ägypten die Einladung an die Palästinenser angeblich wieder zurück. Dabei hatte sich dieses Mal die Ausgangslage für die Gespräche etwas gebessert. Vor allem die Hamas hatte Zugeständnisse gemacht. Sie wollte erst verhandeln und dann das Feuer einstellen. Das lehnte Ägypten ab. Die Hamas sollte zudem bei den in Kairo geplanten Verhandlungen nur als Teil einer gemeinsamen palästinensischen Delegation vertreten sein, zusammen mit den Rivalen von der Fatah-Organisation von Präsident Mahmud Abbas. Dis palästinensischen Islamisten mussten auch akzeptieren, dass die israelische Armee vorerst weiter in Gaza bleibt und die Tunnel zerstört, die von dort aus nach Israel führen.

          Militärs: Achtzig bis neunzig Prozent der Tunnel zerstört

          Diese Aktion der israelischen Soldaten steht offenbar vor dem Abschluss: Achtzig bis neunzig Prozent der Tunnel seien zerstört, sagen israelische Militärs. Regierungsmitglieder hatten in Aussicht gestellt, dass nach einem Ende dieser Arbeiten ein Rückzug möglich sei. Zudem wurde nach israelischer Einschätzung das Raketenarsenal von Hamas und Islamischem Dschihad auf ein Drittel dezimiert. Schon in den vergangenen Tagen fiel auf, dass wesentlich seltener die Großstädte in der Mitte Israels und im Norden angegriffen wurden. Die Hamas musste Raketen sparen.

          Zusätzlicher Druck entstand durch die humanitäre Notlage, die sich dramatisch verschärfte. Hunderttausende sind in Gaza auf der Flucht. Strom gibt es nach dem Bombardement des einzigen Kraftwerks höchstens noch stundenweise. Die Wasserversorgung in weiten Teilen Gazas ist zusammengebrochen. Leichen können seit Tagen nicht geborgen werden. Es drohen Seuchen.

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