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Waffenhandel : Profiteure des Krieges

  • -Aktualisiert am

Sunnitische Kämpfer zielen am Mittwoch im Viertel Bab al Tabbaneh in Tripoli auf ihre eigenen Nachbarn Bild: REUTERS

Der syrische Bürgerkrieg hat längst den Norden des Libanon erreicht. Die Armee ist präsent, doch die Bevölkerungsgruppen organisieren ihren eigenen Schutz. Einzig den Waffenhändlern gefallen die Unruhen.

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          Über „Dadoland“ geht die Sonne unter. Dicht an dicht drängen sich Familien mit Kinderwagen um Karussells, Schiffsschaukel und Riesenrad. Die Abendsonne wirft ein warmes Licht über den Vergnügungspark im Hafen von Tripoli. Entlang der Uferpromenade laufen Frauen in Kopftüchern und Männer in T-Shirts, um den letzten Abend des Eid-al-Fitr-Festes am Ende des Fastenmonats Ramadan zu genießen. Nuss-, Kaffee- und Souvenirverkäufer machen ein gutes Geschäft.

          Doch die Idylle trügt. Über Tripoli hängt eine große Rauchwolke. Eine Kolonne gepanzerter Truppentransporter fährt die Uferstraße entlang, drei Stunden nachdem eine andere Armeeeinheit nur zwei Kilometer entfernt unter schweren Beschuss geraten war. Ein Waffenstillstand zwischen Kämpfern der Stadtteile Bab al Tabbaneh und Dschabal Mohsen hatte nicht lange gehalten. Seit Anfang der Woche liefern sich Anhänger und Gegner des syrischen Präsidenten Baschar al Assad dort erbitterte Gefechte. Beim Versuch, die rivalisierenden Milizen auseinanderzuhalten, gerät die Armee immer wieder zwischen die Fronten. Zwölf Menschen kamen bis Donnerstag ums Leben.

          Eine gespaltene Stadt

          Der syrische Bürgerkrieg ist in Tripoli, das nur vierzig Kilometer von der Grenze entfernt liegt, längst angekommen. Zwar bekämpfen sich Dschabal Mohsens Alawiten und die Sunniten Bab al Tabbanehs schon seit den achtziger Jahren. Doch mit der Eskalation in Syrien entzündet sich auch der Konflikt in Tripoli neu: Die Hafenstadt ist zum Transit geworden für Waffen, die auf dem Seeweg unter anderem aus Libyen erst in den Libanon und dann weiter zu den Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA) gelangen. Die Revolutionsarmee versorgt hier verletzte Kommandeure und einfache Soldaten, die in syrischen Krankenhäusern nicht sicher sind, in provisorischen Kliniken. Diese dienen zugleich als Kommandozentralen und werden streng bewacht.

          Denn völlig geschützt sind die Oppositionskämpfer auch in Tripoli nicht. Die Sicherheitskräfte hier sind gespalten - in Anhänger Assads sowie seines libanesischen Verbündeten, des Generalsekretärs der Hizbullah Hassan Nasrallah, und in Mitglieder der Bewegung des „14. März“, die von Saudi-Arabien, Qatar, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten unterstützt werden.

          Waffenhandel

          „Die internen Sicherheitskräfte werden von den antisyrischen Kräften kontrolliert, der Militärgeheimdienst von Pro-Assad-Männern“, sagt Misbah Adhab, bis 2009 Parlamentsabgeordneter der größten sunnitischen Stadt im Libanon. „Was wir in Tripoli erleben, ist ein iranisch-saudischer Krieg und damit das Letzte, was wir brauchen.“ Da es dem Staat nicht gelungen sei, Tausenden demobilisierten Milizionären aus dem Sunnitenviertel Bab al Tabbaneh Alternativen zu bieten, würden sie nun von extremistischen Gruppen finanziert. Nicht nur sunnitischen: „Auch die schiitische Hizbullah bezahlt diese Männer, die vorher Geld von Saad Hariri bekamen“, sagt Adhab, der Hariris Mustaqbal-Partei angehört.

          Es ist ein Muster, das sich überall im Libanon finden lässt. Nicht konfessionelle Zugehörigkeit, sondern Profit entscheidet letztlich über den Verkauf von Waffen. Nicht nur in Tripoli, wo nach Anbruch der Dunkelheit mit Munition, Mörsern und Flugabwehrraketen beladene Schiffe vor Anker gehen. Weitab des Hafens, mehrere Seemeilen vor der Küste, holen die Schmuggler in Schlauchbooten die aus Beständen in Benghasi mit Zwischenstopp im ägyptischen Alexandria stammende Fracht ein, um sie dann weiterzuverkaufen - an Mittelsmänner der FSA und an die Milizen in Dschabel Mohsen und Bab al Tabbaneh.

          Dass die Kämpfe dort gerade jetzt aufflammen, diene letztlich Waffenhändlern beider Seiten, sagen Kenner des Konflikts: Da die Armee gezwungen sei, ihre Kräfte zu verschieben, könnten die Schmuggler die Waffen leichter vom Meer in die Stadt bringen.

          Obwohl viele Beamte geschmiert sind und ein Auge zudrücken, investieren die Händler in professionelle Überwachungstechnik. Bilder vorbeifahrender Autos laufen auf dem Fernseher in Mahmud Smails Empfangszimmer - die Aufnahmen von gleich vier in der Umgebung seines Hauses installierten Kameras hat er so immer im Blick. Am späten Abend herrscht dichtes Treiben in dem flachen Haus in der Bekaa-Ebene. Ständig kommen neue Kunden, um sich mit ein paar Gramm Haschisch oder Kokain einzudecken. Während Smail, über einen Laptop gebeugt, seine neuesten Facebook-Meldungen durchgeht, bedienen auf einer breiten Couch zwei junge Männer die Besucher. Auf dem Sims über der Lehne liegen eine leere Wasserpfeife und zwei Kalaschnikows, auf dem Couchtisch steht eine Schale mit Weintrauben.

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