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Wachsende Unruhe in Ägypten : Vierzig Stunden Angst und Schrecken

  • -Aktualisiert am

Gegen die neuen alten Verhältnisse: Studenten demonstrieren zum Gedenken an die Revolution von 2011. Bild: Polaris/laif

Plötzlich findet sich Samir in einem der übelsten Gefängnisse Kairos wieder. Das Vergehen: Er hat seinen Strom nicht bezahlt. Ägyptens Haftanstalten sind überfüllt – und die Wut wächst.

          Eigentlich habe er noch immer das Gefühl, sich in einem Traum zu befinden, sagt Tariq Samir wenige Stunden, nachdem er endlich draußen ist. In einem Albtraum, der gefüllt ist von Plastikflaschen voller Urin, aus denen später Tee serviert wird. In dem schreiende Männer mit abgerissenen Fingernägeln herumirren. Samir berichtet von Dutzenden Zigaretten, die ihm den Appetit nehmen sollten. Denn Toiletten gab es nicht in der kleinen Zelle im Kellergeschoss der Polizeiwache des Kairoer Armenviertels Dar al Salam. Zum Glück spüre er allmählich, dass er wieder frei sei, sagt Samir und reibt sich die schmerzenden Beine.

          Vierzig Stunden lang kauerte der Ägypter am vergangenen Wochenende im Schneidersitz auf dem Boden einer schmutzigen Gefängniszelle. Manchmal nickte er für eine Viertelstunde ein, erzählt Samir. „Ab und zu konnte ich aufstehen, aber eigentlich war es dafür viel zu eng.“ Gemeinsam mit mehr als fünfzig anderen Häftlingen war er eingesperrt, auf einer Fläche von drei mal fünf Metern. Manche seien wegen Waffenbesitzes festgenommen worden, andere hätten Drogen verkauft, erzählt der 43 Jahre alte Familienvater. Wieder andere wollten die Behörden vor den islamistischen Massenprotesten am Freitag einfach aus dem Verkehr ziehen. Nichts falle der ägyptischen Polizei leichter, als missliebigen Landsleuten etwas anzuhängen, sagt er voller Verachtung. Deshalb sei sie ja so verhasst.

          Grassierende Armut

          Samirs Täterprofil, wenn man es denn so nennen will, passt auf keine dieser Gruppen. Er hat schlicht über Monate seine Stromrechnungen nicht bezahlt. Auf mehr als fünftausend ägyptische Pfund, umgerechnet 560 Euro, belaufen sich die Schulden bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft. Das sind für ihn zwei Monatslöhne. Nachts um halb drei sei deshalb fast ein Dutzend Beamte an seiner Wohnungstür aufgetaucht, um ihn auf die Polizeiwache zu bringen. Als er seinen Ausweis nicht sofort vorlegen konnte, hätten sie ihn gepackt und abgeführt. Stunden später, auf der Suche nach weiteren Stromsündern in seinem Viertel, sei er dann in der dreckigen Zelle gelandet.

          Was er dort sah, werde er nie vergessen, sagt Samir. Seinen Unterhalt verdient er als Fahrer und Bote bei einer europäischen Firma. Für seine drei Kinder muss er nicht nur Nahrung und Kleidung heranschaffen, sondern auch Schulgeld und Fahrtkosten bezahlen. Eigentlich reicht das Gehalt dafür nie. Und darüber, wie er die Stromschulden bis zum Jahresende begleichen soll, um nicht abermals hinter Gittern zu landen, könne er sich jetzt schon gar nicht den Kopf zerbrechen. Dazu sei die Erinnerung noch zu frisch.

          Samir ist kein Einzelfall, im Gegenteil: Ihm geht es im Vergleich zu den meisten Ägyptern noch recht gut. Mit umgerechnet fast 300 Euro verdient er mehr als das Doppelte des Mindestlohns, an den sich doch kein Arbeitgeber hält. „Freiheit, Brot und soziale Gerechtigkeit“, lautete der Slogan der Revolution von 2011. Aber keiner der Herrscher, die dem Volk am Nil seitdem eine bessere Zukunft versprachen, kümmerte sich um die grassierende Armut. Und die Lage wird immer schlimmer: Seit Jahren prescht die Geburtenrate ungebremst in die Höhe. Rund drei Millionen Ägypter kamen in den vergangenen zwölf Monaten auf die Welt.

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