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Wachsende Unruhe in Ägypten : Vierzig Stunden Angst und Schrecken

  • -Aktualisiert am

Dutzende Festnahmen, aber weniger Demonstranten

Das Sisi-Regime ist nervös. Zu merken ist das nicht zuletzt in den Gefängnissen. Mit einer großangelegten Verlegungsaktion am Donnerstag sollte in den überfüllten Zellen Platz für neue Häftlinge geschaffen werden, die nach den Freitagsgebeten erwartet wurden. Das hätten ihm die Wache schiebenden Polizisten erzählt, sagt Samir. Damit sollte ein Szenario wie im Januar 2011 verhindert werden: Tausende Gefangene hatte Mubarak damals freigelassen in der Hoffnung, die Proteste der Freiheitsbewegung dadurch sabotieren zu können. Mögliche Rädelsführer sollten deshalb übers Wochenende in Armeeeinrichtungen verlegt werden, aus denen sie nicht ausbrechen könnten.

Den Protesten in Kairo und anderen Städten des Landes schlossen sich am Freitag aber weniger Menschen an als in der Vergangenheit. Die Sicherheitskräfte hatten vorab Position bezogen an den Versammlungsorten und lösten die meisten Demonstrationen rasch auf. Nur im Osten Kairos eskalierte die Situation: Dort kam es im armen Viertel Matarija zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Nach Angaben der Sicherheits- und Gesundheitsbehörden gab es dabei zwei Tote. Das Innenministerium erklärte, 145 Menschen seien festgenommen worden, die meisten von ihnen noch vor Demonstrationsbeginn.

Seit dem Sturz Mursis blieb kaum eine Demonstration friedlich. Tote bei Massenaufmärschen, manchmal Dutzende, sind keine Seltenheit.

Selbst Sisi-Anhänger verlieren die Geduld

Als sich in den letzten Tagen von Mursis Amtszeit in seinem Viertel Nachbarn sammelten, hatte sich auch Samir dem Protest an: Angesichts der Gefahr eines islamistischen Gottesstaates war dem Sohn eines Soldaten die Rückkehr eines Generals an die Spitze des Staates lieber als eine Fortsetzung des demokratischen Experiments.

Anderthalb Jahre später stellt sich diese Alternative nicht mehr. Selbst glühende Sisi-Verehrer verlieren langsam die Geduld. Die Preise für Gemüse, Fleisch und Milchprodukte sind seit dem Sommer stetig gestiegen. Dass Samir seine Stromrechnungen nicht zahlen konnte, hängt unmittelbar mit dem Abbau von Subventionen zusammen, der die Armen ungleich härter trifft als die Profiteure der Militärherrschaft.

Grenzen des staatlichen Repressionswahn

Einen Ausweg aus dem Teufelskreis immer neuer Schulden sieht Samir nicht. Bei aller Verachtung für die Polizei hat er aber seinen Glauben an die Armee nicht verloren. Auch deshalb ist Sisi der Rettungsanker, an den er sich wie so viele Ägypter klammert. Seit dem Ende der Monarchie 1952 bekleideten stets Offiziere das höchste Staatsamt; die einzige Ausnahme war der Muslimbruder Mursi. „Der Vater muss sich um seine Kinder kümmern“, sagt Samir.

Die Lektion, dass der staatliche Verfolgungswahn an Grenzen stößt, hat Samir in seinen zwei Tagen im Gefängnis gelernt. „Die Regierung kann nicht mein ganzes Viertel verhaften lassen, nur weil viele meiner Nachbarn ihre Stromrechnungen nicht bezahlt haben“, sagt er und schüttelt den Kopf. Das treibe nur noch mehr Menschen in die Arme der Islamisten. Nötig sei deshalb erst einmal etwas anderes, sagt Samir: „Um dieses Land auf einen besseren Weg zu bringen, gehört die Polizei aufgelöst.“ Das hatten 2011 auch die Revolutionäre auf dem Tahrir-Platz gefordert.

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