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Wachsende Unruhe in Ägypten : Vierzig Stunden Angst und Schrecken

  • -Aktualisiert am

Treuer Gefolgsmann des alten Regimes

Viele neue Arbeitsplätze hat der im Sommer zum Präsidenten gewählte Abd al Fattah al Sisi nicht geschaffen. Diese Woche befindet er sich auf der ersten Europa-Reise seit seinem Amtsantritt. In Rom und Paris hofft er auf Investitionen für die am Boden liegende Wirtschaft. Auch Samir hat den früheren Armeechef gewählt. Samir ist das, was man seit dem Aufstand gegen Husni Mubarak einen „Felul“ nennt, einen treuen Gefolgsmann des alten Regimes. Seine Frau hingegen blieb der Abstimmung fern. Dass Sisi es zuließ, dass Hunderte Anhänger des von ihm gestürzten Vorgängers Muhammad Mursi im August 2013 von Sicherheitskräften erschossen wurden, könne sie ihm nicht verzeihen.

Samir verteidigt das Massaker an Sympathisanten der Muslimbrüder in Kairo bis heute. Doch dass in seiner Zelle Männer saßen, die an diesem Freitag abermals gegen Sisi protestierten, kann er nun besser verstehen. Respekt zollt er einem Häftling, der sich beharrlich weigerte, Sisi auf Geheiß eines Polizeioffiziers ein langes Leben zu wünschen. „Ich bin mir sicher, dass ihm nicht nur Fragen gestellt wurden.“

Trotzdem folgt Samir weiter der Propaganda des Regimes, dessen Justiz Abweichler rücksichtslos verfolgen lässt. Die staatlichen Medien sind praktisch gleichgeschaltet, kritische Stimmen werden mundtot gemacht, wenn sie das Land nicht längst verlassen haben. Samir hält nicht viel von den Demokratieaktivisten. Er sieht in ihnen vor allem deshalb „eine Gefahr, weil man nicht weiß, auf welcher Seite sie stehen“. Dass ein dritter Weg zwischen Sisis Militärdiktatur und Mursis Islamistenherrschaft möglich sei, glaubt er nicht. Anders als 2011, als das Volk vereint gegen die Auswüchse von Mubaraks Polizeistaat aufbegehrte, fürchtet er nun einen Bürgerkrieg zwischen „mir und meinen Nachbarn“.

Zehntausende Islamisten sind seit der Machtergreifung Sisis im Juli 2013 hinter Gittern gelandet. Die meisten von ihnen ohne Urteil, ohne Verhör. Hunderte wurden auf Demonstrationen erschossen, die Muslimbruderschaft zunächst verboten und dann zur terroristischen Organisation erklärt. Doch den Terror hat Sisi dadurch nicht in den Griff bekommen. Im Oktober wurden 31 Soldaten bei Angriffen der Terrorgruppe Ansara Beit al Maqdis auf der Sinai-Halbinsel getötet. Danach stattete der Machthaber die Militärjustiz mit Befugnissen aus, wie sie selbst Mubarak den Armeerichtern nicht gewährte. Der Terror aber geht weiter. Bombenanschläge in Zügen und vor Polizeiwachen gehören inzwischen zum Alltag.

Das Regime wird nervös

Auch Samir musste seine Kinder Anfang des Monats vorzeitig aus dem Unterricht holen, weil eine Bombe auf der Nil-Insel Munira explodiert war, wo deren Schule steht. Noch hält er Sisi die Treue, hofft, dass er sich der Offiziere in Polizei und Armee entledigen kann, die für Korruption und Folter verantwortlich sind. Mehrere Männer seien mit Blut verschmierten Rücken aus den Verhören in den Etagen über seiner Zelle zurückgekehrt, erzählt Samir. Wenn Sisi es nicht schaffe, diese Missstände zu beenden, sei er die längste Zeit sein Präsident gewesen.

Für Millionen Ägypter war Sisi das ohnehin nie. Dem Aufmarsch der Salafistischen Front am Freitag schlossen sich jedoch wesentlich weniger Menschen an als in der Vergangenheit. Zu diffus war der Protestaufruf, der eine „islamistische Identität“ beschwörte, die wenig mit den täglichen Nöten der verarmten Massen zu tun hat. Auch die Muslimbrüder setzten während des Aufstands gegen Mubarak auf die Einheit der Ägypter, ehe sie sich unter Mursis Herrschaft immer mehr von den gemeinsamen Zielen der Revolutionäre vom Tahrir-Platz entfernten.

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