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Nach dem Gaza-Krieg : Die Menschen wollen nur noch weg

Ein Posten kontrolliert am Grenzübergang Rafah die Pässe von Palästinensern. Bild: AP

Der Wiederaufbau im Gazastreifen hat nicht begonnen, da droht neue Gewalt – Salafisten fordern die Hamas und Israel heraus. Angesichts der Situation will die Hälfte der Einwohner das Gebiet verlassen, unter anderem nach Deutschland.

          Nach dem jüngsten Krieg hatte Ramzi Mahdi endgültig genug. „Das möchte ich nicht noch einmal erleben“, sagt der junge Arzt aus Gaza-Stadt. Als Freiwilliger half er im vergangenen Sommer im Schifa-Krankenhaus in der Notaufnahme aus. Die Verletzungen, die er in den fünf Wochen versorgte, waren schrecklich. Spätestens seitdem steht für den 29 Jahre alten Mediziner fest, dass er sich als Chirurg spezialisieren will – weit weg von Gaza. „Ich will nach Deutschland“, sagt Ramzi Mahdi.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Verzweiflung in Gaza ist nicht nur unter den Ärzten groß. Jeder zweite der 1,8 Millionen Einwohner des Küstenstreifens will nur noch weg, wie eine Umfrage des Palestinian Center for Policy and Survey Research (PSR) in der vergangenen Woche zeigte. Die Arbeitslosigkeit ist nach Angaben der Weltbank auf 43 Prozent gestiegen, unter den jungen Einwohnern sogar auf mehr als 60 Prozent. Von den ausländischen Hilfsgeldern ist bisher nur ein Bruchteil eingetroffen. Um Zehntausenden von Angestellten wenigstens einen Teil ihrer Gehälter zahlen zu können, hat die Hamas die Steuern erhöht. „Sie würden die Atemluft besteuern, wenn sie könnten“, klagt ein Geschäftsmann in Gaza-Stadt. Formell haben sich die Islamisten in Gaza vor einem Jahr von der Macht zurückgezogen, tatsächlich regieren sie aber bis heute weiter.

          Und die Menschen in Gaza fürchten schon den nächsten Krieg: Es fliegen wieder Raketen. Mindestens vier Mal feuerten radikale Salafisten seit Ende Mai in Richtung Israel, dessen Armee zwei Mal zurückschlug. Bis heute gelang es der Hamas nicht, die Extremisten in die Schranken zu weisen, die sich auf den Straßen Gazas schon mit dem schwarzen Banner der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zeigten: Sie halten die regierenden Islamisten für korrupt, nicht fromm genug und für viel zu nachlässig im Kampf gegen Israel.

          „Wir sind eine Gruppe von einigen hundert, die davon überzeugt ist, dass wir die Scharia durchsetzen müssen. Wir unterstützen den ,Islamischen Staat‘, aber wir haben keine Verbindung zu der Organisation“, teilt Abu Mohammed schriftlich mit. Weitere Einzelheiten über sich und seine salafistische Gruppe verrät er nicht. Seit die Hamas mit großer Härte gegen die Salafisten durchgreift, sind sie in Deckung gegangen. Für Abu Mohammed ist klar, wer an der jüngsten Konfrontation schuld ist. „Wir haben kein Problem mit der Hamas. Doch sie fing an, uns ohne Grund zu verhaften“, schreibt er. Solange Dutzende Salafisten weiter in Haft blieben und dort misshandelt würden, werde der Raketenbeschuss nicht aufhören – der sei auch „einzige Weg“, um die israelischen Besatzer zu bekämpfen.

          Israels Reaktion war „dumm“

          Der Konflikt hatte sich schon seit einiger Zeit verschärft. Die Hamas-Regierung beschuldigt Salafisten und Mitglieder der rivalisierenden Fatah-Organisation, hinter einer Serie von Bombenanschlägen zu stecken, die Gaza seit mehreren Monaten erschüttern. Sie richteten sich gegen das französische Kulturzentrum und Hamas-Mitglieder. Dutzende Salafisten wurden verhört und festgenommen, eine salafistische Moschee zerstört. Anfang Juni erschossen Polizisten dann Junis Hunnar in seinem Haus. Laut Hamas eröffnete der 27 Jahre alte Salafistenführer das Feuer, als man ihn festnehmen wollte. Seine Familie bestreitet das. „Unsere Sicherheitsdienste wissen, wie man mit solchen Leuten verfährt. Es sind nur wenige, die meisten wurden verhaftet“, sagt Hamas-Sprecher Taher al Nunu.

          Erst hätten die Salafisten versucht, mit Bombenanschlägen Chaos zu verursachen. Als das nicht gelungen sei, hätten sie damit begonnen, Raketen abzufeuern. Israel sei „dumm genug“ gewesen, mit Vergeltungsschlägen darauf zu reagieren, sagt Nunu. Auf genau diese Eskalation hätten die Extremisten gesetzt. Trotzdem glaubt der Hamas-Sprecher nicht, dass sie seiner Organisation gefährlich werden können: Anders als in Staaten wie Syrien und dem Irak, wo der „Islamische Staat“ auf dem Vormarsch ist, gebe es in Gaza schon eine funktionierende islamistische Regierung, die gegen Israel Widerstand leiste – auch wenn niemand einen neuen Krieg gegen Israel wolle, beteuert Nunu.

          Peinliche Entwicklung für die Hamas

          Die Salafisten fordern die Hamas in Gaza nicht zum ersten Mal heraus. Schon bevor diese im Jahr 2007 die Macht an sich riss, waren dort extremistische Splittergruppen aktiv. Die „Armee des Islams“ war 2006 an der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit beteiligt. Später verschleppte die Gruppe auch einen BBC-Korrespondenten. Im Jahr 2012 entführten und ermordeten Salafisten einen italienischen Aktivisten. Immer wieder griff die Hamas hart durch: Als im August 2009 Kämpfer der „Armee der Helfer Allahs“ eine Moschee in Rafah in ihre Gewalt gebracht und ein „Islamisches Emirat“ ausriefen, schlugen die Sicherheitskräfte zurück und töteten fast 30 Menschen.

          Spätestens seit dem Ende des Gaza-Krieges haben sich die Salafisten offenbar ein weiteres Mal reorganisiert und zuletzt gezeigt, wozu sie in der Lage sind. Das ist peinlich für die Hamas, in deren Reihen man eingesteht, dass die nach Israel gefeuerten Raketen wohl aus den Beständen der eigenen Truppen stammten. Entweder wurden sie gestohlen oder verkauft, vermutet auch der Kolumnist Mustafa Ibrahim, nach dessen Einschätzung es rund ein halbes Dutzend salafistischer Gruppen in Gaza gibt. „Einige der IS-Sympathisanten wie der getötete Junis Hunnar gehörten früher den Qassam-Brigaden der Hamas an, andere waren früher bei der Fatah“, sagt Ibrahim. In der vergangenen Woche warf das Innenministerium in Gaza dem Sicherheitsapparat der Autonomiebehörde in Ramallah vor, Anschläge im Gazastreifen in Auftrag gegeben zu haben.

          Die Verschlechterung der Sicherheitslage ist für viele Menschen in Gaza ein weiterer Grund dafür, ihre Heimat zu verlassen. Am Samstag öffnete Ägypten zum ersten Mal seit drei Monaten wieder den Grenzübergang in Rafah für die Ausreise. 15.000 Palästinenser hatten eine Reisegenehmigung beantragt, aber nur 1500 dürfen aus Gaza bis zum Montag ausreisen.

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