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Versöhnliche Signale aus Ankara : Gaza-Flotte ohne Flaggschiff

„Mut zur Hoffnung”: Das amerikanische Gaza-Boot heißt wie ein Obama-Buch Bild: AP

Die Türkei und Israel unterhielten eine vertrauensvolle Beziehung. Bis zur israelischen Offensive im Gazastreifen. Das Verhältnis wurde in eine Krise gestürzt. Doch nun scheinen sich die beiden Staaten wieder anzunähern.

          3 Min.

          Wenn die internationale Flotte nach Gaza aufbricht, wird ihr altes Flaggschiff fehlen. Nach ihrer Erstürmung durch die israelische Marine im vergangenen Jahr war die türkische Fähre „Mavi Marmara“ zum Markenzeichen für die Kampagne gegen die israelische Seeblockade des Gazastreifens geworden. In einem zweiten Anlauf sollte nun die Fahrt nach Gaza gelingen, doch die türkische Organisation zog die Teilnahme ihres Schiffs zurück – angeblich wegen technischer Schwierigkeiten. In Israel, wo sich die Armee schon seit Monaten auf Auseinandersetzungen mit gewaltbereiten türkischen Aktivisten vorbereitet, hält das kaum jemand für den wahren Grund. „Hinter dieser unglaublichen Kehrtwende steckt letztlich der türkische Ministerpräsident Erdogan“, sagt Alon Liel, der mehrere Jahre lang israelischer Geschäftsträger in Ankara war.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Israelische Diplomaten, Militärs und Türkei-Kenner erkennen in dem muslimischen Land einen außenpolitischen Kurswechsel, der sie hoffnungsvoll stimmt. Bis zum 28. Dezember 2008 hatten beide Staaten enge und vertrauensvolle Beziehungen unterhalten. Erdogan versuchte, zwischen Syrien und Israel zu vermitteln, Militärs trafen sich regelmäßig und Israelis machten zu Tausenden an türkischen Stränden Urlaub. Doch dann begann die israelische Offensive im Gazastreifen und das Verhältnis wurde in eine Krise gestürzt, von dem es sich bis vor kurzem nicht erholt hat.

          Entschuldigung für Militäraktion

          „Unsere Kontakte sind immer noch sehr kühl. Aber wer hätte noch vor zwei Monaten gedacht, dass die Türkei sich von der Gaza-Flotte zurückzieht“, sagt ein ranghoher israelischer Regierungsvertreter. In Ankara sei spürbar die Bereitschaft gewachsen, die Beziehungen zu Israel wieder in Ordnung zu bringen. Doch auch für Israel ist die Türkei wieder wichtiger geworden, nachdem durch den Sturz des ägyptischen Präsidenten Mubarak der wichtigste Verbündete in der arabischen Welt verlorengegangen ist.

          Nach israelischem Verständnis ist Erdogan wegen der Umstürze in den arabischen und muslimischen Nachbarländern, denen er sich zuletzt stark angenähert hatte, an keiner neuen Konfrontation mit Israel interessiert. Die Krise im Nachbarland Syrien, zu dessen Präsidenten Assad Erdogan zuletzt gute Kontakte pflegte, hat nach Darlegung Alon Liels den Ausschlag gegeben. Wegen Syrien gibt es auch neue Differenzen mit dem Nachbarstaat Iran, an den sich die Türkei ebenfalls angenähert hatte. Teheran hält zu Assad, den Erdogan offen kritisiert und dessen Gegnern seine Regierung Kontakte pflegt.

          Die israelische Regierung nimmt die versöhnlichen Signale aus Ankara ernst, aber sie tut sich mit der eigenen Reaktion schwer. In einem betont freundlichen Brief gratulierte Ministerpräsident Netanjahu Erdogan zu seinem jüngsten Wahlsieg. Zudem ernannte er seinen Stellvertreter Mosche Jaalon zum Beauftragten für die Kontakte zur Türkei. Doch der Fall „Mavi Marmara“ blockiert weiterhin die Wiederbelebung der alten Freundschaft: Die türkische Führung erwartet von Israel eine Entschuldigung für die Militäraktion, bei der acht Türken und ein Amerikaner türkischer Herkunft umgekommen waren.

          Mitschuld an der Eskalation

          Zuletzt gab es mehrere vertrauliche Verhandlungsrunden in der Schweiz. Israel ist offenbar bereit, finanziell Entschädigung zu leisten und sein Bedauern zum Ausdruck zu bringen. Aber Außenminister Lieberman hat klargestellt, dass Israel sich nicht bei der Türkei entschuldigen werde, solange er der Regierung angehöre. Auch der stellvertretende Ministerpräsident Silvan Schalom aus Netanjahus Likud-Partei und viele Israelis sind dagegen. Für einige ist es eine Frage der nationalen Ehre, andere fürchten, dass die an der Militäraktion beteiligten Soldaten nach einem Schuldeingeständnis im Ausland angeklagt werden könnten. Verteidigungsminister Barak und angeblich auch Netanjahu sollen dagegen zu einer weitergehenden Entschuldigung bereit sein.

          Einen neuen Impuls könnte der Bericht einer UN-Kommission zur Erstürmung der ersten Gaza-Flotte geben, der nächste Woche vorgestellt werden soll. Ihr gehören jeweils ein israelischer und ein türkischer Vertreter an. Er gibt auch der Türkei eine Mitschuld an der Eskalation auf der „Mavi Marmara“, wie zu hören ist. Nach Einschätzung von Alon Liel würde eine Entschuldigung längerfristig nicht ausreichen. „Für die Türkei hängt alles von Fortschritten zwischen Israelis und Palästinensern ab“, sagt er.

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