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Verhandlung mit Taliban : Kabul will Frieden erkaufen

Die afghanische Regierung hat mit einem nahezu machtlosen Talibanfüher einen Friedensvertrag geschlossen. Ihr Kalkül: Die anderen Taliban könnten an den Verhandlungstisch kommen. Die Strategie ist zweifelhaft.

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          In Kabul ist in dieser Woche ein Friedensvertrag geschlossen worden, doch Afghanistan ist dem Frieden damit keinen Schritt näher gekommen. Die Rebellengruppe, die ihn unterzeichnete, hat auf dem Schlachtfeld seit Jahren keine große Rolle mehr gespielt. Ihr Anführer, Gulbuddin Hekmatyar, ist für den Tod Tausender Menschen verantwortlich. Manche nennen ihn den Schlächter von Kabul. Seine Kämpfer beschossen im Bürgerkrieg der neunziger Jahre über viele Monate hinweg Wohnviertel in der Hauptstadt mit Raketen. Dafür muss er sich jetzt nicht mehr verantworten. Der Friedensvertrag sichert ihm Immunität zu und verleiht ihm sogar den Titel „ehrenhafter Emir der Islamischen Partei“.

          Natürlich werden Waffenstillstände selten mit Unschuldslämmern geschlossen; ein Frieden wird meist zu einem sehr hohen Preis erkauft. Aber im Fall Hekmatyars, der eben keinen Frieden brachte, werden die Kosten womöglich erst im Nachhinein sichtbar. Die afghanische Regierung hat sich auf den Handel eingelassen, weil sie hofft, dass die Rückkehr Hekmatyars auch bei den Taliban Bereitschaft zu Friedensverhandlungen wecken könnte. Immerhin genießt Hekmatyar in den einschlägigen Kreisen Glaubwürdigkeit als aufrechter Dschihadist. Angesichts der gegenwärtigen militärischen Stärke der Taliban ist eine solche Kalkulation aber reichlich optimistisch.

          Hekmatyar ist freilich nicht der erste mutmaßliche Kriegsverbrecher, dem in Afghanistan Ehre erwiesen wird. Ein anderer etwa bekleidet derzeit das Amt des Vizepräsidenten. Die Einbindung solch fragwürdiger „Partner“ war von Anfang an Bestandteil der westlichen Intervention in Afghanistan. Mit Hekmatyar kommt nun aber ein Mann hinzu, der die islamistischen, antiamerikanischen Kräfte in der afghanischen Politik noch einmal deutlich stärken könnte. Und jene Kräfte entmutigen, die sich noch immer für ein zivilisiertes Afghanistan einsetzen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

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