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Usama Bin Ladin getötet : Kein Held der arabischen Jugend

Kein größeres Interesse: Besucher eines Cafés in Kairo beobachten einen Fernsehbericht über die Tötung Bin Ladins Bild: dapd

Für die arabische Jugend spielte Bin Ladin schon lange keine Rolle mehr — eine Tendenz, die sich während des „Arabischen Frühlings“ verfestigt hat. Die Aufständischen von Kairo und Tunis, nicht Al Qaida, sind die neue Stimme der Unzufriedenen.

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          Völlig irrelevant war Usama Bin Ladin in den letzten zehn Jahren für die arabische Straße nicht geworden. Seine Bannkraft hatte er jedoch bereits lange vor seinem Tod eingebüßt. Mit den Umwälzungen in der arabischen Welt ist der alternde Mann aus den Bergen des Hindukusch nach und nach ganz aus dem Diskurs der jungen Menschen verschwunden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die abnehmende Sichtbarkeit von Bin Ladin zeigt, wie sich die arabische Welt im vergangenen Jahrzehnt verändert hat. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 hatten viele, die nicht bereit gewesen waren, für die dschihadistische Weltsicht von Al Qaida und Bin Ladin zu sterben, trotzig bei Demonstrationen sein Bild getragen. Sie teilten seine Kritik am beklagenswerten Zustand der arabischen Welt und an der Vorherrschaft des Westens. Bin Ladin nannte es die Herrschaft der „Kreuzfahrer und Zionisten“. Die, die ihm zujubelten, beklagten die eigene Unmündigkeit, und sie feierten Bin Ladin als einen Drittwelthelden im Kampf gegen den Kolonialismus, gegen die Macht und Mächtigen der Welt.

          Denn seit Napoleons Expedition 1798 nach Ägypten und dem Beginn der westlichen Dominanz über weite Teile der muslimischen Welt waren alle wichtigen Entscheidungen, welche die Araber betrafen, außerhalb der arabischen Welt getroffen worden. Bin Ladin hatte da einen Nerv getroffen, auch wenn nur wenige zu Selbstmordattentätern in seinem Namen wurden. Sein Bild wurde eine Ikone, die Ikone aber verblasste. Bei keiner Demonstration oder Kundgebung, die die arabische Welt seit Januar so radikal verändern, ist auch nur ein einziges Bild von Bin Ladin mitgeführt worden. Für die arabische Jugend spielt Bin Ladin keine Rolle mehr. Auch der Westen stellt kein Feindbild mehr dar, und die Feindschaft zu Israel liefert keinen Vorwand mehr, um die Entwicklung im eigenen Land zurückzuhalten. Was die arabische Jugend vielmehr will, sind Freiheit und Arbeit, Perspektive und Würde. Bin Ladin ist für sie kein Thema, er ist für sie schlicht irrelevant geworden. Denn er spricht einfach die falschen Themen an.

          Die beiden erfolgreichsten Revolutionen, jene in Tunesien und Ägypten, setzen sich in allem von dem ab, für das Bin Ladin steht. Beide sind friedlich verlaufen, bis auf die Eruptionen der Gewalt bei den Staatsapparaten. Mit Gewaltlosigkeit kämpften die Jugendlichen für Demokratie, während auf der anderen Seite Al Qaida Selbstmordattentate für die Schaffung islamischer Staaten predigt. Noch im April 2008 hatte Bin Ladins Stellvertreter Ayman al Zawahiri den Ägyptern einen islamischen Staat als einzige Alternative zu Mubaraks Regime empfohlen. Die späte Reaktion al Qaidas auf die Revolution in Ägypten zeigt, dass deren Führungsduo nicht mehr über die neue Dynamik der arabischen Welt im Bilde war. Die Jugendlichen auf dem Tahrir-Platz, dem „Platz der Befreiung“, sind die Stimme der arabischen und muslimischen Unzufriedenen geworden. Al Qaida beansprucht das nicht einmal mehr.

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