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UN-Beitrittsantrag : Die blaue Palästina

Symbol: Modell des Sitzes von Palästina im UN-Gebäude in New York Bild: dpa

Die Palästinenser wollen in die Vereinten Nationen aufgenommen werden, doch was sie täglich erleben, ist alles andere als ein palästinensischer Staat. Nur mit ihren Postboten sind sie jetzt schon auf dem besten Weg in die Staatenwelt.

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          In Ramallah sind die Telefonrechnungen fällig. Husam Mesleh muss drei Runden durch Ramallah drehen, um sie alle auszutragen. Der Postbote zieht seine hellbraune Weste mit der Aufschrift „Palestine Post“ über, rückt sich das Namensschild mit dem Foto zurecht und stürzt sich in den Trubel der Straßen rund um den Manara-Platz. Viele winken ihm zu. Seine Briefe übergibt der Palästinenser am liebsten mit Handschlag. „Ich will sichergehen, dass sie ihre Empfänger auch erreichen.“

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das ist einfacher gesagt als getan. Erst seit gut einem Jahr gibt es in Ramallah überall Straßennamen und Hausnummern. Aber Husam Mesleh ist dennoch unzufrieden – was nützt die schönste Adresse, wenn das Land nicht stimmt. Zum Beispiel auf dem Umschlag aus Frankreich, den er im Modegeschäft „True Blue“ abgibt. „Ramallah, Israel“ steht da als Anschrift. „Ich wäre stolz darauf, wenn dort bald ‚Ramallah, Palästina‘ stehen würde. So Gott will, wird das auch geschehen. Aber wird das wirklich etwas ändern?“

          „Inschallah“ – so Gott will: In kaum einer Antwort auf die Frage, wie groß die Chancen auf einen eigenen Staat seien, den die Welt anerkennt, fehlt dieser Seufzer des Postboten. Viele Palästinenser setzen ihre Hoffnung weiterhin lieber auf Gott und nicht auf Präsident Abbas, der am Wochenende mit dem UN-Antrag nach New York reist.

          Ramallah: Demonstranten fordern UN-Mitglied zu werden

          Auf den großen Plakatwänden im Herzen der palästinensischen Stadt liefern sich zwei große Mobilfunkunternehmen ein grellbuntes Werbeduell um ihre Kunden. Unscheinbar und altbacken wirken daneben die wenigen blauen Plakate der PLO. Die Palästinenser hätten ein Recht, auf einen Sitz bei den Vereinten Nationen, steht dort trotzig unter einem Sessel mit der palästinensischen Flagge.

          In Palästina ist alles politisch

          Der Postbote Husam Mesleh arbeitet schon viel länger am Aufbau seines Staates. Zum Beispiel in der Friedensstraße. Der Name auf dem Umschlag passt einfach zu keinem Briefkasten. Doch er gibt nicht so schnell auf. „Manchmal suche ich stundenlang. Die Menschen müssen sich auf die Post verlassen können. Ich will helfen, ihr Leben besser und leichter zu machen.“ Eine Werbeagentur hat mit amerikanischer Hilfe für die gut 150 Briefträger der neuen Post zwei Slogans erfunden: „Wir sind stolz darauf, Ihnen zu dienen“, lautet der eine. Der andere: „Wir werden wieder auferstehen“. Darüber steigt eine Friedenstaube in den palästinensischen Nationalfarben in den Himmel. In Palästina ist alles politisch, selbst das Austragen von Briefen.

          Die Taube auf ihrem Logo verleitet die palästinensischen Staatsdiener aber nicht zu Höhenflügen. Das Septembergehalt des Postboten kam nicht pünktlich, das gab es schon einmal in diesem Jahr. Ein anderes Mal konnte die Regierung nur die Hälfte davon auszahlen. „Das ist nicht leicht, wenn man zwei kleine Kinder hat“, sagt Husam Mesleh. Auf seinem Rundgang ist er bei „Sam’s Chicken“ in der Hauptstraße angekommen. Dem Besitzer überreicht er einen Scheck aus Amerika. „Auf dem nächsten Brief steht dann Ramallah in Palästina, auch wenn das für uns vielleicht teuer werden kann“, sagt der stämmige Adressat. Damit meint er die amerikanische Drohung, die jährlichen Finanzhilfen von insgesamt 450 Millionen Dollar für die Palästinenser zu kürzen, sollten sie wirklich darauf bestehen, UN-Mitglied zu werden.

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