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Umstrittene Äußerung : Netanjahu macht Palästinenserführer für Holocaust verantwortlich

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Israels Premierminister, Benjamin Netanjahu, aufgenommen Ende Mai 2015 in Jerusalem. Bild: AP

Der palästinensische Großmufti von Jerusalem soll Hitler 1941 zur systematischen Ermordung der Juden gedrängt haben, sagt Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu. Das sorgt für Irritationen.

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          Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu hat Widerspruch und Kritik mit seiner Behauptung ausgelöst, der frühere palästinensische Großmufti von Jerusalem habe Adolf Hitler zur Judenvernichtung angestiftet. Der nationalsozialistische Diktator habe zunächst nur eine Vertreibung und keinen Massenmord an den Juden geplant, sagte Netanjahu während einer Ansprache vor Delegierten des Internationalen Zionistenkongresses in Jerusalem. Der palästinensische Großmufti von Jerusalem, Amin al Husseini, habe Hitler aber zur systematischen Vernichtung der Juden gedrängt.

          Netanjahu äußerte sich vor einem Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel sowie Amerikas Außenminister John Kerry. Hintergrund ist die jüngste Gewaltwelle in Nahost. Israels Regierungschef argumentiert, dass nicht die Politik seiner rechtsgerichteten Regierung mit daran schuld sei, sondern Hetze und Aufstachelung der Palästinenserführung.

          Mit seinen Erklärungen habe er zeigen wollen, „dass der Vater der palästinensischen Nation schon damals, ohne Staat und ohne sogenannte 'Besatzung', ohne Palästinensergebiete und ohne Siedlungen, mit systematischer Hetze zur Vernichtung der Juden aufrief“, sagte Netanjahu vor seiner Abreise nach Berlin.

          „Hitler wollte die Juden zu dem Zeitpunkt nicht vernichten, sondern ausweisen“, sagte Netanjahu laut einer Mitschrift seines Büros während der Rede am Dienstag. „Und Amin al Husseini ging zu Hitler und sagte: „Wenn Sie sie vertreiben, kommen sie alle hierher.“ „Also, was soll ich mit ihnen tun?“, fragte er (Hitler). Er (Al Husseini) sagte: „Verbrennt sie.“ Auch der Mufti habe den Juden damals fälschlich vorgeworfen, sie wollten die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg zerstören, sagte Netanjahu in Bezug auf den jüngsten Streit mit der Palästinenserführung.

          Der Großmufti von Jerusalem, Amin al Husseini, aufgenommen 1929.
          Der Großmufti von Jerusalem, Amin al Husseini, aufgenommen 1929. : Bild: dpa

          Palästina wurde damals noch von der britischen Mandatsmacht verwaltet, die eine Einwanderung von Juden streng einschränkte. Im Kampf gegen die Juden hatte Al Husseini mit Hitler zusammengearbeitet und ihn 1941 in Berlin getroffen.

          Israels Präsident Reuven Rivlin sagte während eines Besuchs in Tschechien, Al Husseini und Hitler hätten sich getroffen, ob es einen kausalen Zusammenhang gebe, könne er aber nicht berurteilen, sagte Rivlin. „Hitler ist derjenige, der unendliches Leid über unsere Nation gebracht hat.“

          Israels Oppositionsführer: „Gefährliche Verzerrung“

          Israels Oppositionsführer Izchak Herzog rief Netanjahu am Mittwoch dazu auf, seine Äußerungen zurückzuziehen. Es handele sich um eine „gefährliche Verzerrung der Geschichte, die den Holocaust trivialisiert“.

          Auch der israelische Holocaust-Forscher Professor Jehuda Bauer sagte, Netanjahu habe mit seinen Worten „die Figur Hitlers verkleinert“. Hitler habe sicherlich „keinen Araber aus dem Nahen Osten gebraucht, der ihm sagte, was er zu tun hat“. Al Husseini habe mit Hitler kollaboriert. „Aber die Idee, dass Hitler von ihm die Inspiration erhielt, ist vollkommen lächerlich“, sagte er dem israelischen Armeesender.

          Abbas: „Netanjahu hat Hitler freigesprochen“

          Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sagte nach einem Treffen mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in Ramallah: „Netanjahu hat Hitler von seinen Verbrechen freigesprochen und die Schuld auf Amin al Husseini abgeschoben. Auf diese Weise will er unser Volk auf eine sehr erbärmliche Weise angreifen.“

          Regierungssprecher Steffen Seibert sagte auf eine Frage: „Ich kann für die Bundesregierung sagen, dass wir Deutsche insgesamt die Entstehungsgeschichte des mörderischen Rassenwahns der Nationalsozialisten, der in den Zivilisationsbruch der Shoah führte, sehr genau kennen. (...) Ich sehe keinen Grund, dass wir unser Geschichtsbild in irgendeiner Weise ändern. Wir wissen um die ureigene deutsche Verantwortung an diesen Menschheitsverbrechen.“

          Netanjahu sagte dazu vor seiner Abreise nach Berlin: „Das ist absurd. Ich hatte keinesfalls die Absicht, Hitler von seiner satanischen Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Juden freizusprechen.“ Hitler sei verantwortlich für die Vernichtung von sechs Millionen Juden, „er hat die Entscheidung getroffen“. Es sei jedoch „ebenso absurd, die Rolle des Mufti Amin al Husseini zu ignorieren, eines Kriegsverbrechers, der Hitler, Ribbentrop, Himmler und andere zur Vernichtung der Juden Europas ermutigt hat“.

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