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Türkei gegen Islamischer Staat : Ankara gibt sich entschlossen

Türkische Panzer nache der syrischen Grenze in der Provinz Sanilurfa (Archivbild). Bild: dpa

Kampfflugzeuge über Syrien, Razzien im ganzen Land. Die türkische Regierung zeigt sich nach jahrelanger Untätigkeit entschlossen, gegen den „Islamischen Staat“ vorzugehen. Der finale Beweis steht aus.

          Die Nachrichten, die aus der Türkei kommen, klingen in den Ohren der Gegner der Terrormiliz „Islamischer Staat“ wie lang ersehnte, kaum noch erwartete Musik. Am Donnerstagabend gab die Regierung in Ankara zunächst ihre Zustimmung für die unbegrenzte Nutzung der Luftwaffenbasis Incirlik durch den Nato-Partner Vereinigte Staaten. Amerikanische Kampfflugzeuge können nun die selbsternannten Gotteskrieger im Norden Syriens wesentlich schneller und effektiver angreifen als bislang von Jordanien, dem Irak oder von Flugzeugträgern im Persischen Golf aus – eine Möglichkeit, um die Washington lange vergeblich gebeten hatte. Am frühen Freitagmorgen dann schaltete sich die türkische Luftwaffe selbst ein. Drei Kampfflugzeuge hoben von der Basis Diyarbakir im Südosten des Landes ab, überquerten die Grenze zu Syrien und nahmen unweit der türkischen Provinz Kilis zwei Kommandostände und einen Sammelpunkt der Terrormiliz unter Beschuss. Parallel dazu kam es zu Razzien in 13 türkischen Provinzen, die sich gegen Angehörige der Terrormiliz – und gegen Kurden – richteten.                          

          Nach dem mutmaßlich vom IS verübten Bombenanschlag am Montag auf junge kurdische Aktivisten, bei dem im südtürkischen Suruc 32 Menschen starben, demonstriert die Türkei in diesen Stunden Entschlossenheit. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davotoglu sagte: „Wer uns Schaden zufügt, muss den zehnfachen Preis zahlen.“ Über die Mittel dazu verfügt die Regierung in Ankara zweifellos.

          Militärisch betrachtet wäre die Türkei dazu in der Lage, dem „Islamischen Staat“ empfindlich zu schaden. Die türkischen Streitkräfte zählen laut Angaben des Londoner Instituts für Strategische Studien über mehr als 510.000 aktive Soldaten. Hinzu kommen im Bedarfsfall noch einmal knapp 380.000 Reservisten. Das Heer verfügt über zahlreiche Kampfpanzer, darunter über 300 deutsche „Leopard 2A4“.

          Doch gibt es bislang keinerlei Anzeichen dafür, dass die Türkei gewillt sein könnte, ihre Landstreitkräfte tatsächlich zu einer umfangreichen (und vermutlich verlustreichen) Anti-Guerilla-Operation gegen die erfahrenen Kämpfer der Terrormiliz in den Norden Syriens in Marsch zu setzen. Der Beteiligung der türkischen Luftwaffe, so bedeutsam Fotos von F-16-Kampfjets anmuten mögen, kommt im Vergleich mit den Möglichkeiten der Amerikaner unterdessen eher eine symbolische Bedeutung zu.

          Türkische Kampfflugzeuge: Angriff auf IS-Ziele in Syrien

          Um dem IS zu schaden, müsste die türkische Regierung auch keine direkten Angriffe führen, deren Erfolg ohnehin nicht garantiert ist. Ankara könnte dem IS viel einfacher dauerhaft schaden. Der Süden der Türkei ist nach wie vor ein stiller Rückzugsraum der Terrormiliz. Dort werden laut Augenzeugenberichten IS-Verwundete gepflegt.

          Neue ausländische Kämpfer kommen an, um nach Süden in das Gebiet des IS weiterzureisen. Der Nachschub an Freiwilligen und jedweder Form von Material rollte lange auf dieser Route in das sogenannte Kalifat. Besonders berüchtigt war der Grenzübergang Akcakale, der von kurdischen Kämpfern inzwischen erobert werden konnte. Von dort aus führte eine Straße direkt nach Raqqa, wo sich das Hauptquartier des IS befindet.

          Im Juni war es kurdischen Kämpfern mit Hilfe amerikanischer Luftangriffe zwar gelungen, einen mehr als 150 Kilometer langen Korridor entlang der syrischen Nordgrenze freizukämpfen und damit die wichtigste Nachschubroute der IS aus der Türkei zu zerschlagen. Doch völlig verhindern lässt sich das Einsickern von Kämpfern und Nachschub so trotzdem nicht. Eine entschlossene Kontrolle der Grenze und der Orte im Süden des Landes würde den IS empfindlich treffen.

          Von kurdischer Seite wird die demonstrierte Kehrtwende der türkischen Regierung skeptisch beurteilt. „Man möchte Geschlossenheit demonstrieren“, sagte eine Sprecherin des Kurdischen Zentrums für Öffentlichkeitsarbeit in Frankfurt. „Ob es so gemeint ist, bleibt offen.“ Noch könnten Kämpfer der IS in der Türkei problemlos ein- und ausgehen.

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