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Türkei : Der Leuchtturm für Alexandria

Türkeis Ministerpräsident Erdogan: Es liegt an Mubarak, sich wohlwollende Gebete oder Flüche zu verdienen. Bild: AFP

Die Türkei preist sich als Vorbild für die Demokratisierung der arabischen Welt an. Zugleich ist das Land nach eigenem Selbstverständnis ein Beispiel dafür, dass Islam und Demokratie keine Gegensätze sind.

          Es dauerte eine Weile, aber dann legte sich der charismatischste Führer der islamischen Welt so wortgewaltig ins Zeug, wie man es von ihm gewohnt ist. Recep Tayyip Erdogan, Ministerpräsident der Türkei, unangefochtener Vorsitzender der seit 2002 regierenden „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) und seit seinem gegen Israel gerichteten Zornesausbruch von Davos im Jahr 2009 auch Träger des inoffiziellen Ehrentitels „Held der arabischen Straße“, sprach von Muslim zu Muslim: „Mubarak, wir sind Menschen. Wir sind nicht unsterblich. (...) Wenn wir sterben, wird der Imam nicht für den Premier oder den Präsidenten beten, sondern für einen Menschen.“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Erdogan, das demokratische Weltwunder der Muslime

          Es liege an ihm, Mubarak, sich wohlwollende Gebete oder Flüche zu verdienen, sagte Erdogan und gab dem ägyptischen Präsidenten einen eindeutigen Rat: Er solle auf sein Volk und auf dessen „berechtigte Forderungen“ hören. „Das Verlangen nach Freiheit kann nicht aufgeschoben werden, kann nicht ignoriert werden“, zitierten türkische Medien ihren Ministerpräsidenten, der zugleich in der für ihn bezeichnenden blumigen Wortwahl die „ägyptischen Brüder“ aufforderte, sich der Gewalt zu enthalten.

          Proteste gegen die Regierung gibt es auch in der Türkei. Ende Januar demonstrierten Studenten in Ankara gegen die „islamistische” Regierung Erdogans.

          Die Mahnungen aus Ankara entsprechen dem selbstbewussten Bild, das Erdogan von sich und seinem Land hat. Demnach ist die Türkei das Vorbild für die Demokratisierung der muslimischen und speziell der arabischen Welt. Zugleich ist das Land in diesem Selbstverständnis ein Beispiel dafür, dass Islam und Demokratie keine Gegensätze sind. Der Aufstieg der Türkei beweise vielmehr, dass demokratisch geführte Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit automatisch an wirtschaftlicher Kraft sowie an politischem Einfluss gewinnen - was also kann Allah gegen Demokratie haben, wenn „seine“ Staaten dadurch mächtiger werden? Und über allem schwebt Erdogan, der Leuchtturm für Alexandria, das demokratische Weltwunder der Muslime.

          „Die Nachricht der Türkei ist die Türkei“

          Der Kolumnist Yusuf Kanli schrieb dieser Tage, die Türkei spiele, was Demokratie und die Achtung der Menschenrechte betrifft, nun einmal „in einer anderen Liga“ als ihre muslimische Nachbarschaft, und ein namentlich nicht genannter Diplomat ergänzte: „Manchmal kann ein Staat wirken, ohne etwas zu sagen. Die Nachricht der Türkei ist die Türkei.“ Die Türkei könne der arabischen Welt allein durch ihr Beispiel als „Inspirationsquelle“ dienen.

          Die Inspirationsquelle der türkischen Außenpolitik ist Ahmet Davutoglu, der auf Fotos stets harmlos-verschmitzt lächelnde, dabei aber selbstverständlich knallharte Interessenpolitik vertretende Außenminister des Landes. Schon in seinem lange vor seiner Ministerzeit geschriebenen Buch „Strategische Tiefe“ führte er seinen Gedanken aus, dass es vor allem die fehlende Verbindung zwischen der strategischen Ausrichtung der Staaten im Nahen Osten und dem Mehrheitswillen ihrer Bevölkerungen sei, der die Region daran hindere, ihr Potential zu nutzen. Will wohl (auch) sagen: Die Amerika und Israel nicht feindlich gesonnene Politik dieser Staaten ist nicht die Option, die die Araber wählten, wenn sie wählen dürften.

          Im Jahr 2001, ein Jahr vor dem Beginn des Siegeszugs der AKP in der Türkei, wurde Davutoglu genauer: Wenn die Region demokratisch werde, sei das ein Sieg für alle, verkündete er: „Die Regierungen (im Nahen Osten) werden sehr viel stabiler sein und auf einer breiteten Legitimität ruhen. (...) Die Türkei und die Vereinigten Staaten werden sicherer sein, weil ein hoffnungsvoller Naher Osten keine Ideologien produzieren wird, die zum Tod unserer Bürger führen. Diese Umwandlung ist eine der größten Herausforderungen der Geschichte.“ Fünf Jahre später, als er längst der wichtigste außenpolitische Berater Erdogans und der Kopf der türkischen Außenpolitik war, forderte Davutoglu gar: „Es kann keine autoritären Regimes in der islamischen Welt geben.“

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