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Tote im Jemen : Weiter Angriffe auf amerikanische Botschaften

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Mit Eisenstangen und Holzplanken: Jemenitische Demonstranten versuchen, in das amerikanische Botschaftsgebäude einzudringen Bild: dpa

Bei Angriffen auf die amerikanische Botschaft im Jemen sind drei Demonstranten getötet worden. In Libyen wurden erste Verdächtige festgenommen. Ägyptens Präsident Mursi verurteilte derweil das islamkritische Video.

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          Die Angriffe auf amerikanische Botschaften in der arabischen Welt haben sich am Donnerstag ausgeweitet. In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa wurden drei Demonstranten vor der Vertretung der Vereinigten Staaten getötet, offenbar durch Schüsse der Polizei. Auch in Kairo, wo die Proteste gegen einen islamfeindlichen amerikanischen Film am Dienstag begonnen hatten, kam es abermals zu Ausschreitungen. Sicherheitskräfte drängten Hunderte Demonstranten, die sich schon am Mittwochabend vor der Botschaft in der ägyptischen Hauptstadt versammelt hatten, in Seitenstraßen ab.

          Der ägyptische Präsident Muhammad Mursi sagte bei einem Besuch in Brüssel, er verurteile das Video und die Leute, die „solche Provokationen und solchen Hass“ gesät hätten. Er habe deswegen mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama telefoniert und diesen aufgefordert, diese Verhaltensweisen zu unterbinden. Mursi sagte aber auch, dass Ägypten nicht gestatten werde, dass es zu Vorfällen wie in Libyen komme. Die Ägypter seien zivilisierte Leute, die solche ungesetzlichen Handlungen ablehnten. Sein Land werde ausländische Botschaften und ihr Personal unbedingt schützen.

          Das libysche Innenministerium teilte derweil mit, dass erste Verdächtige im Zusammenhang mit dem Überfall auf das amerikanische Konsulat in Benghasi festgenommen worden seien. Bei dem Angriff waren am Dienstag der amerikanische Botschafter in Libyen und drei weitere amerikanische Staatsbürger getötet worden. Der stellvertretende libysche Innenminister Wanis al Scharif sagte der Nachrichtenagentur AFP, Innen- und Justizministerium hätten mit Ermittlungen begonnen. Um diese nicht zu gefährden, würden keine Angaben über die Anzahl der bislang Festgenommenen und deren politischen Hintergrund gemacht. Am Mittwoch war die Extremistengruppe „Ansar al Scharia“ (Helfer der Scharia) beschuldigt worden, hinter dem Angriff auf das Konsulat zu stecken. Am Donnerstag verurteilte die Islamistengruppe in einer Erklärung die „Anschuldigungen ohne jeglichen Nachweis oder Ermittlung“. Bei dem Angriff am elften Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 waren auch Panzerabwehrwaffen eingesetzt worden.

          Pentagon verlegt zwei Kriegsschiffe

          In Qatar gab der amerikanische Justizminister Eric Holder bekannt, dass die Bundespolizei FBI Ermittlungen zu den Hintergründen des Angriffs von Benghasi aufgenommen habe. Außenministerin Hillary Clinton bekräftigte in Washington die Kritik an dem antiislamischen Film, den sie als „widerwärtig und verwerflich“ bezeichnete.

          Obwohl der Film einzig die Absicht habe, „den Islam zu verunglimpfen und Wut zu provozieren“, sei die Anwendung von Gewalt durch nichts zu rechtfertigen, sagte Frau Clinton. Die Republikaner im Kongress wollen noch vor den Präsidentenwahlen am 6. November in Anhörungen die Hintergründe des Angriffs von Benghasi klären lassen. Inzwischen gehen Sicherheitsfachleute und die Mitglieder der Geheimdienstausschüsse beider Kongresskammern übereinstimmend davon aus, dass der Anschlag von langer Hand geplant war und nicht spontan aus den Protesten gegen das Video erwuchs.

          Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte dagegen, es sei noch zu früh für ein klares Urteil. Das Pentagon verlegte unterdessen zwei Kriegsschiffe vor die libysche Küste. Die Schiffe hätten keine konkrete Aufgabe, hieß es aus dem Pentagon, die gäben den Kommandeuren jedoch die Möglichkeit, flexibel auf jeden Einsatz zu reagieren, den der Präsident anordne. Schon am Mittwoch war eine 50 Mann starke Einheit des Marinekorps von ihrem Stützpunkt in Spanien nach Tripolis zum Schutz der Botschaft verlegt worden. Das ausgebrannte Konsulat in Benghasi bleibt vorerst evakuiert.

          Präsident Obama telefonierte am Donnerstag mit den Präsidenten Ägyptens und Libyens und forderte diese zur verstärkten Zusammenarbeit beim Schutz diplomatischer Einrichtungen auf. Ministerpräsident Hischam Kandil bezeichnete den Film als beleidigend und unmoralisch. „Wir rufen das große Volk der Ägypter auf, sich bei allem Ärger zurückzuhalten“, sagte er am Mittwoch nach einer Sitzung des Kabinetts. Präsident Mursi forderte die Bevölkerung in einer Fernsehansprache auf, von „Angriffen gegen privaten und öffentlichen Besitz, Botschaften und diplomatische Vertretungen“ abzusehen. Zugleich sicherte er Demonstranten das Recht zu, sich friedlich zu versammeln, um gegen „Beleidigungen des Propheten“ zu protestieren.

          Obama sagte dem Sender „Telemundo“, seine Regierung betrachte Ägypten nicht als Verbündeten, aber auch nicht als Feind. Ägypten habe eine „neue Regierung, die versucht, ihren Weg zu finden“. Falls diese zu unverantwortlichen Maßnahmen greifen werde, wäre dies „ein wirklich großes Problem“. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat Obama mehrfach Führungsschwäche vorgeworfen und die Regierung dafür kritisiert, dass sich die Botschaft in Kairo zunächst von dem umstrittenen Film distanziert hatte statt die gewaltsamen Proteste zu verurteilen.

          In Sanaa hatten am Donnerstagvormittag Hunderte Demonstranten das Botschaftsgelände gestürmt und Fahrzeuge angezündet. Sicherheitskräfte schossen nach Augenzeugenberichten in die Luft, um die Menge aufzuhalten. Auch in Tunesien, im Irak und in den palästinensischen Gebieten kam es zu Protesten gegen den Film „Die Unschuld des Islams“. In Tunis demonstrierten mehrere hundert Salafisten vor der amerikanischen Botschaft, die Polizei ging mit Tränengas gegen die Menge vor. In Teheran zogen rund 500 Menschen vor die Schweizer Botschaft, die in Iran die Interessen der Vereinigten Staaten vertritt. Proteste gab es auch im mehrheitlich muslimischen Bangladesch. Die amerikanische Botschaft in Nigeria warnte davor, dass amerikanische und andere westliche Bürger Ziel von Angriffen werden könnten. Der Deutsche Außenminister Guido Westerwelle kündigte am Donnerstag an, auch die Sicherheitsvorkehrungen für einige deutsche Botschaften in der islamischen Welt zu verstärken. Es sollten zusätzliche Sicherheitsbeamte entsandt werden.

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