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Terrormiliz „Islamischer Staat“ : Drei Dschihadisten aus Dinslaken ums Leben gekommen

Auch bei den Kämpfen um die kurdische Stadt Kobane soll mindestens ein Dschihadist aus Dinslaken ums Leben gekommen sein. Bild: AFP

In Nordrhein-Westfalen hat die Polizei ein mutmaßliches Mitglied der IS-Terrormiliz festgenommen. Drei weitere Dschihadisten aus Dinslaken kamen bei Kämpfen in Syrien und im Irak ums Leben, wie gemeinsame Recherchen der F.A.Z. und des ARD-Magazins „Report München“ nun ergeben haben.

          Am Wochenende erfolgte der Zugriff. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei nahm in Dinslaken Nils D. fest. Der 24 Jahre alte Islamist sei im Oktober 2013 nach Syrien gereist und habe sich dort der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen, teilte der Generalbundesanwalt am Samstagabend mit. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung handelt es sich um den Cousin des Dinslakener Extremisten Philip B., dessen Tod schon im August 2014 gemeldet wurde. Die Behörden gehen davon aus, dass er als IS-Selbstmordattentäter ums Leben kam.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Doch Philip. B. ist nicht der einzige Extremist aus der nordrhein-westfälischen Stadt, der auf den Schlachtfeldern in Syrien und im Irak getötet wurde. Drei weitere Dschihadisten aus Dinslaken kamen dort um, wie gemeinsame Recherchen der F.A.Z. und des ARD-Magazins „Report München“ nun ergeben haben.

          Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums wollte die Berichte weder bestätigen noch dementieren. Das Ministerium äußere sich grundsätzlich nicht zu Einzelfällen, sagte er auf Anfrage. Von Ermittlern hieß es hingegen, die Berichte über den Tod der drei Männer aus Dinslaken seien glaubwürdig, auch wenn die Meldungen ohne eine DNA-Probe natürlich nicht endgültig bestätigt werden könnten. In Dinslaken kursierten Berichte über den Tod der Dschihadisten schon seit einigen Tagen. Auch aus dem Umfeld der Extremisten und der Szene in Dinslaken ist entsprechendes zu vernehmen. Wie es aus der Szene heißt, wurde der Vater eines der Extremisten per Internet über den Tod seines Sohnes informiert. Über die Todesursache gab es widersprüchliche Angaben. Von Luftangriffen der internationalen Anti-IS-Koalition ist die Rede. Mindestens ein Fall wird mit den Kämpfen um die kurdische Stadt Kobane in Zusammenhang gebracht.

          Etwa zwei Dutzend junger Männer waren im Jahr 2013 unter den Augen der Behörden in zwei Wellen aus Dinslaken in den Dschihad nach Syrien gezogen und hatten sich dem IS angeschlossen. Sie nannten sich „Lohberger Brigade“ nach dem Dinslakener Stadtteil Lohberg, einer alten Zechensiedlung aus der die meisten von ihnen stammen.

          Bei den Getöteten handelt es sich den Recherchen zufolge um die Extremisten Mustafa K., Hasan D. und Marcel L.. Mustafa K soll schon vor längerer Zeit umgekommen sein. Er hatte im Februar 2014 mit grausamen Bildern Aufsehen erregt: In Azaz hielt er lächelnd einen abgetrennten Kopf in die Kamera, ein weiterer Kopf lag vor seinen Füßen. Das Bild hatte auch die Landesbehörden in Nordrhein-Westfalen alarmiert. Wenig späte bezeichnete Innenminister Ralf Jäger Dinslaken als Brennpunkt der Salafistenszene.

          Ende vergangenen Jahres hielt sich K. nach Angaben aus den Sicherheitsbehörden im syrischen Raqqa auf, einer der Hochburgen des „Islamischen Staats“. Von dort sei er immer wieder für einige Wochen zu Gefechten ausgerückt, hieß es. In seinem Heimatort wird K. als ehemaliger Kleinkrimineller beschrieben, der mit Drogen handelte. In Syrien verbreitete er im Internet ein Foto, dass ihn und einen anderen Extremisten mit beschlagnahmten Drogen zeigt.

          Der mutmaßliche Dschiahadist Nils D. wird am Sonntag in den Bundesgerichtshof in Karlsruhe gebracht.

          Marcel L. und Hassan D. kamen nach Angaben aus den Sicherheitsbehörden erst unlängst und kurz nacheinander um. Marcel L. gehörte zum harten Kern der Gewalttäter, als am 5. Mai 2012 in Bonn ein Mob von Hunderten junger Salafisten in eine Straßenschlacht gegen die Polizei zog; 29 Polizisten wurden zum Teil schwer verletzt, zwei von ihnen erlitten lebensbedrohliche Stichverletzungen. Damals hatten sich die Rädelsführer der gewaltbereiten Szene offen präsentiert. Marcel L. war unter den rund 220 Personen, gegen die ein Verfahren eröffnet wurde. Dennoch reiste er 2013 aus. Mehreren europäischen Sicherheitsbehörden liegen Aussagen vor, nach denen der Deutsche im Dienste des „Islamischen Staates“ an Folterungen von Gefangenen beteiligt war.

          Hassan D, von dessen angeblichem Leichnam Bilder kursieren, ist der zweite Vorsitzende des Bildungsvereins, den die „Lohberger Brigade“ im August 2011 gegründet hatte. Er soll, wie es im Viertel heißt, vor seiner Radikalisierung ein „korrekter, hilfsbereiter“ Typ gewesen sein. Er galt als „schlauer Kerl“, der in Düsseldorf Maschinenbau studierte. D. führte bei der Gründungssitzung des angeblichen Bildungsvereins Protokoll. Die Extremisten tagten Tür an Tür mit dem Integrationsrat im Herzen von Lohberg. Inzwischen sind wohl mindestens drei seiner Gründungsmitglieder in Syrien getötet worden.

          Der Tod des Kassenwarts des Vereins, Philip B., wurde schon im August 2014 gemeldet. Der „Islamische Staat“ verkündete damals eine „Märtyreroperation“ gegen kurdische Einheiten in einer Region südwestlich der irakischen Stadt Mossul, die ein Kämpfer mit dem Namen Abu Usama al Almani (der Deutsche; Philip B.s Kampfname) geführt habe. Dieser habe am 5. August 2014 einen feindlichen Stützpunkt mit einem mit Sprengstoff präparierten Lastwagen angegriffen, zwanzig Kurden habe er mit in den Tod gerissen. Philip B. alias Abu Usama al Almani hatte sich bei Kämpfen, womöglich durch eine Gewehrkugel, eine schwere Gesichtsverletzung zugezogen. Er war danach nur noch vermummt aufgetreten oder hatte sich von der unversehrten Seite gezeigt. Sein letzter Facebook-Eintrag datiert vom Mai. „Wir wollen für Allah sterben“, hieß es da. „Denn das Jenseits ist für die Gläubigen die wahre Wohnstätte.“

          Den Behörden hatten schon frühzeitig Hinweise auf die Dinslakener Zelle vorgelegen. Frühere Recherchen von „Report München“ und F.A.Z. hatten ergeben, dass es schon im Dezember 2012 und im Mai 2013 Hinweise oder Anzeigen bei der Polizei von Informanten, Angehörigen und des Integrationsatsvorsitzenden der Stadt gegeben hatte.

          Im Sommer 2013 hatten noch alle vier der getöteten Islamisten für ein Erinnerungsfoto vor der Fatih-Moschee in Istanbul posiert. Nur einer der Personen auf dem Bild, der Pressesprecher des Vereins, ist noch am Leben. Dessen Bruder, der Vereinsvorsitzende, den Fahnder als Spinne im Netz der Dinslakener Extremistenzelle beschreiben, war mehrere Jahre beratendes Mitglied der islamischen Gemeinden im Schulausschuss von Dinslaken.

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