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Terror im Irak : Der nächste Coup der Islamisten

  • -Aktualisiert am

Zu allem entschlossen: Kämpfer der Terrorgruppe Isis in der irakischen Provinz Nineve Bild: AFP

Im Irak nimmt die Terrorgruppe Isis weitere Städte ein, Hunderttausende sind auf der Flucht. Nun rächt sich, dass Ministerpräsident Maliki nicht auf die Forderungen der sunnitischen Protestbewegung eingegangen ist. Eine Analyse.

          Der Vormarsch der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) geht weiter. Mit der Einnahme Takrits, der Geburtsstadt Saddam Husseins, gelang den sunnitischen Extremisten der zweite Coup innerhalb von 24 Stunden: Nach Mossul, das Regierungseinheiten am Dienstag kampflos aufgegeben hatten, nahmen sie so bereits die zweite Provinzhauptstadt ein. Auch in die wichtige Ölstadt Baidschi 200 Kilometer südlich der Millionenstadt Mossul sind Isis-Kämpfer am Mittwoch eingerückt. Im Laufe des Nachmittags marschierten sie weiter in Richtung Bagdad und griffen Samarra an.

          Selbst der Gouverneur flüchtet

          Eine halbe Million Bewohner Mossuls, der zweitgrößten Stadt des Irak und Hauptstadt der Provinz Ninive, ist auf der Flucht. Selbst der Gouverneur der Provinz hat sich auf dem autonomen Territorium der kurdischen Regionalregierung von Massud Barzanis in Sicherheit gebracht.

          Vom weiteren Vorgehen Barzanis hängt entscheidend ab, ob die Isis-Kämpfer Mossul dauerhaft halten können. Tausende Peschmerga-Kämpfer der kurdischen Regionalgarde sind nahe Mossul stationiert. Doch um die im Straßenkampf erfahrenen Dschihadisten aus der Millionenstadt zu vertreiben, wären lange Kämpfe nötig – ein Risiko, das die Autonomieregierung in Arbil scheut. Nicht zuletzt die Erfahrung der irakischen Armee in Anbar dürfte der kurdischen Führung eine Warnung sein: Seit Januar versucht die von Iraks Ministerpräsident Nuri al Maliki kommandierte Armee vergeblich, die von Abu Bakr al Bagdadi dirigierten Isis-Einheiten aus Falludscha und Ramadi, der Provinzhauptstadt Anbars, zu vertreiben.

          Anderthalb Jahre nach Beginn der Massendemonstrationen der sunnitischen Bevölkerung in der an Syrien angrenzenden Provinz rächt sich, dass Maliki auf die politischen Forderungen der Protestbewegung nie einging. Nur deshalb konnten die sunnitischen Extremisten erstarken und gemäßigte Stammesführer auf ihre Seite ziehen. Armee und Polizei haben in weiten Teilen Anbars nichts mehr zu melden – ein Trend, der sich nach dem Fall Mossuls in den anderen mehrheitlich sunnitisch besiedelten Landesteilen beschleunigen dürfte. Mossul ist für die von Maliki seit Jahren gedemütigte sunnitische Minderheit auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil viele wichtige sunnitische Politiker, darunter Parlamentspräsident Usama Nudschaifi, aus der Stadt stammen.

          Da es Maliki sechs Wochen nach seinem Sieg bei der Parlamentswahl noch nicht gelungen ist, eine Regierungskoalition zu bilden, ist er gezwungen, auf sunnitische und kurdische Politiker zuzugehen. Das Schmieden einer Allianz zur Rückeroberung Mossuls könnte ihm dazu die Chance bieten – zumal auch die kurdische Regierung ein weiteres Erstarken von Isis fürchtet. Nur eine Stunde von Mossul entfernt liegt die Hauptstadt der Autonomieregion, Arbil. In Syrien haben sich kurdische Kämpfer wiederholt Gefechte mit Isis-Kämpfern geliefert, denen das Bestreben nach einer autonomen syrischen Kurdenregion ein Dorn im Auge ist.

          Der Vormarsch der Terrorgruppe ISIS im Irak und Syrien geht weiter

          Der beängstigende Erfolg der im Irak etwa 12.000, in Syrien 8000 Mann starken Extremistenmiliz treibt nicht nur den Zerfall staatlicher Ordnung voran, sondern füllt auch die Kriegskasse von Bagdadi weiter. Neben zahlreichen Banken brachten die Dschihadisten in Mossul den internationalen Flughafen der einstigen Vielvölkerstadt sowie das Hauptquartier des dritten Armeeregiments unter ihre Kontrolle. Die Bestände des von den amerikanischen Besatzungstruppen fast ein Jahrzehnt lang mit neuestem militärischem Gerät ausgestatteten Regierungseinheiten stehen nun den sunnitischen Extremisten zur Verfügung – in Ninive, Anbar, Kirkurk, Salah al Din, aber auch in Syrien. Dort hält Isis weiter die Provinzhauptstadt al Raqqa, musste aber in den vergangenen Wochen Verluste gegen rivalisierende, gemäßigte Islamistengruppen hinnehmen.

          „Eine Bedrohung nicht nur für den Irak, sondern für die ganze Region“ stelle Isis dar, sagte eine Sprecherin des amerikanischen Außenministeriums nach der Einnahme Mossuls. Die Regierung in Washington unterstütze deshalb „eine starke, koordinierte Antwort, um der Aggression zu begegnen“. Doch ob eine Wiederholung der stockenden Anbar-Offensive ausgerechnet in Mossul Erfolg haben wird, ist fraglich. Trotz der Aufrüstung der irakischen Armee nach Malikis Besuch in Washington im Oktober 2013 ist es in der Grenzprovinz zu Syrien nicht gelungen, Isis zu zerschlagen. „Maliki abermals einen Blankoscheck für sein militärisches Vorgehen auszustellen, hieße, eine schlechte Situation noch schlechter zu machen“, sagt Peter Harling von der International Crisis Group.

          Mit ihren Pritschenwagen sind die Isis-Einheiten den immobilen Regierungstruppen deutlich überlegen – trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit. In Anbar kämpft die Armee deshalb seit Monaten Seite an Seite mit Schiitenmilizen, die in den vergangenen beiden Jahren in Syrien die im Guerilla-Krieg ebenfalls unerfahrenen Truppen Baschar al Assads gegen sunnitische Gruppen unterstützten, allen voran Isis. Bis es Maliki gelingt, eine Koalition aus kurdischen Peschmerga, extremistischen Schiitenmilizen und mit amerikanischen Waffen aufgerüsteten Sondereinheiten zu schmieden, dürften Isis seinen Expansionskurs im Nordirak fortsetzen. Die Zeit spielt für Isis-Führer Bagdadi: Seinem Ziel, ein grenzübergreifendes islamisches Kalifat vom syrischen Aleppo im Westen bis Mossul im Osten zu errichten, ist er in diesen Tagen ohnehin schon einen großen Schritt nähergekommen.

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