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Syrischer Oppositioneller : „Die bewaffneten Kräfte brauchen zivile Führung“

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Der syrische Oppositionelle Rami Nakhla: „Wir wollen die Grundlage für einen nationalen Dialog legen“ Bild: Lüdecke, Matthias

Mit der Initiative „The Day After“ (Der Tag danach) wollen syrische Oppositionelle die Ära nach Assad vorbereiten. Ihr Koordinator Rami Nakhla fordert im F.A.Z.-Gespräch eine zivile Führung für die bewaffneten Kräfte.

          Als vor etwa einem Jahr das Projekt „The Day After“ (Der Tag danach) ins Leben gerufen wurde, hatte Rami Nakhla Syrien schon verlassen. Der 29 Jahre alte aus Suwaida stammende Oppositionsaktivist, der zuletzt in Damaskus lebte, war schon zur Zeit der Umstürze in Tunesien ins Visier der Sicherheitsbehörden des Assad-Regimes, geraten. Nakhla floh in den Libanon und erhielt politisches Asyl in den Vereinigten Staaten.

          Herr Nakhla, wie repräsentativ ist Ihr Projekt „The Day After“?

          Wir haben uns große Mühe gegeben, alle Teile der syrischen Gesellschaft abzubilden. Aber natürlich kann ich nicht behaupten, dass alle Gruppen in Syrien mit dem Ergebnis zufrieden sind. Zum Beispiel gibt es Kritik vom Kurdischen Nationalrat, dass er nicht eingeladen worden sei. In Wirklichkeit haben wir keine einzige Gruppierung gebeten, Vertreter zu entsenden, alle Teilnehmer sind aufgrund ihrer persönlichen Expertise eingeladen worden. Außerdem gab es den Kurdischen Nationalrat noch gar nicht, als wir mit dem Projekt begonnen haben. Aber natürlich gibt es kurdische Vertreter bei uns.

          War die Freie Syrische Armee dabei?

          Ihre aktiven Kämpfer sind nicht Teil unseres Projektes. Aber es sind etwa Generäle außer Dienst vertreten, die in engem Kontakt zu ihren Führern stehen. Sie haben die Perspektive der Freien Syrischen Armee in die Diskussion eingebracht.

          Ist nicht zu befürchten, dass die Radikalisierung der bewaffneten Opposition immer weiter zunimmt?

          Natürlich wird es immer schwerer, je länger der Konflikt andauert. Unser Ziel ist es aber nicht, unsere Ideen jemandem aufzuzwingen. Wir sagen nicht: Das ist der Plan, den müsst ihr befolgen. Vielmehr wollen wir die Grundlage für einen nationalen Dialog legen.

          Wollen Sie im Übergangsprozess dem irakischen Beispiel folgen und das Militär auflösen?

          Wir müssen einen Mittelweg beschreiten. Wir können nicht wie in Ägypten die militärischen Institutionen weitestgehend unangetastet lassen. Aber wir werden auch nicht die syrische Armee zerschlagen. Doch diejenigen, die Blut an den Händen haben, müssen umgehend ausgemacht und entfernt werden. Gleiches gilt für andere staatliche Institutionen. In der Zeit unmittelbar nach dem Fall des Regimes wird die Freie Syrische Armee sicherlich eine herausgehobene Rolle spielen.

          Können Sie sich vorstellen, dass Leute wie der zur Opposition übergelaufene frühere Ministerpräsident des Assad-Regimes Hidschab einen Übergangsprozess anführen könnten?

          Wir haben in unserem Projekt nicht über die Zusammensetzung oder Gestalt einer Übergangsregierung diskutiert, wir wollen auch keine Übergangsregierung bilden. Darum geht es uns nicht, sondern um die Prinzipien, auf deren Basis eine solche Regierung arbeiten soll. Persönlich denke ich, dass die Frage nach der politischen Führung nicht hilfreich ist. Wir wissen natürlich, dass der Westen von uns ständig eine Antwort auf diese Frage verlangt. Aber es gibt sie derzeit nicht. Immer wenn sich ein politischer Führer herauskristallisierte, wurde er vom Regime umgebracht. Leider dient das Fehlen einer politischen Führung dem Westen als Ausrede für mangelndes Engagement.

          Besorgt es Sie denn, dass die Opposition durch Länder wie Qatar und Saudi-Arabien instrumentalisiert werden könnte?

          Es gibt durchaus Entwicklungen, über die ich mir große Sorgen mache - zum Beispiel mit Blick auf die Waffenlieferungen, die nicht über eine zentrale Stelle laufen. Es ist sehr, sehr beunruhigend, wenn einzelne Brigaden der Freien Syrischen Armee im Internet Videos verbreiten, in denen sie einem Gönner in den Golfstaaten oder einer Moschee in Saudi-Arabien für die Unterstützung danken.

          In Libyen zeigt sich, wie schwierig die Entwaffnung der Rebellenmilizen ist.

          Das wird sicher auch in Syrien schwierig werden, es gibt dafür kein Wundermittel. Dass wichtigste ist, dass die bewaffneten Kräfte unter zivile Kontrolle gelangen. Dazu müssten sich einzelne Brigaden auch einem Zentralkommando unterstellen. Solche Bemühungen werden aber auch dadurch unterlaufen, dass die Waffen direkt an einzelne Gruppen geliefert werden.

          Wie kann man die Rebellenkommandeure am Ende integrieren?

          Der beste Weg, mit dem Problem umzugehen, ist auszumachen, welche Gruppen sich dem Ehrenkodex der Freien Syrischen Armee und der Revolution verpflichtet fühlen. Sie müssen die Unterstützung der Öffentlichkeit haben, den anderen muss man die Legitimation entziehen. Das ist kein perfekter Plan, aber der beste, um den Schaden zu begrenzen.

          Soldaten der Freien Syrischen Armee posieren martialisch vor dem Kampf gegen das Assad-Regime.

          Wie kann man Racheakte an den Alawiten, der Bevölkerungsgruppe Assads, verhindern?

          Wir erwarten, dass es Racheakte und Tote geben wird. Der Hass zwischen den Bevölkerungsgruppen nimmt immer stärker zu - vor allem in Gegenden mit gemischter Bevölkerung. Wir können nur versuchen das zu minimieren. Dazu gehört auch - wie wir es tun - deutlich zu machen, dass nicht alle Alawiten Erfüllungsgehilfen des Regimes sind, einige haben sich der Revolution angeschlossen, andere haben sich politisch nicht positioniert, aber nichts verbrochen. Es wird sehr lange dauern, bis die Wunden des Landes wieder verheilt sind.

          Das Gespräch führten Christoph Ehrhardt und Majid Sattar.

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