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Syrische Flüchtlinge : Kann man Schusswunden vergessen?

  • -Aktualisiert am

Bitte recht traurig: Eine nach Libanon geflüchtete syrische Familie lässt sich in der Nähe von Wadi Khaled fotografieren Bild: dapd

Wenn Al Dschazira auftaucht oder eine deutsche Zeitung, dann ist das eine Plattform, die sie nutzen wollen: Syrische Flüchtlinge erzählen ihre Geschichten. Aber da stimmt etwas nicht. Jeden Tag ändern sich die Details.

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          In Beirut heißt es, die Flüchtlinge würden ungern sprechen. Kaum einer würde seinen Namen nennen, so gut wie niemand eine Kamera akzeptieren. Alle hätten Angst. Eine ehemalige Mitarbeiterin von Avaaz, einem Netzwerk für Internet-Kampagnen, sagt, sie könne mir Kontakte vermitteln. „Ich kann Ihnen auch einen desertierten syrischen Soldaten besorgen. Er nimmt 300 Dollar pro Interview.“ „Wenn er dafür Geld will, dann stimmt seine Geschichte nicht“, platze ich heraus. Die Dame ist beleidigt, ihre Telefonnummern behält sie für sich.

          Wir beschließen, einfach so loszufahren. Von Beirut aus vier Stunden gen Norden, bis in den letzten Winkel des Libanons. Matilde Gattoni, eine italienische Fotografin, Moe Ali Nayel, ein libanesischer Journalist und Übersetzer, und ich.

          Wadi Khaled ist eine der ärmsten Gegenden des Landes, an drei Seiten eingeschlossen von Syrien. Man könnte das Tal idyllisch nennen, wären nicht nachts Schüsse von der syrischen Seite zu hören und würden nicht manchmal Irrläufer der syrischen Armee Fußgänger auf der libanesischen Seite verletzen. Wo Libanon aufhört und Syrien anfängt, wissen nur diejenigen, die das Tal gut kennen.

          „Wir wünschten, wir hätten Waffen“

          Mitten auf der Dorfstraße halten wir an und beginnen uns durchzufragen. Das Freitagsgebet ist gerade vorbei, junge Syrer brausen auf ohrenbetäubend lauten Motorrädern durch das Dorf. Es dauert keine zwei Minuten, dann haben wir unsere ersten Gesprächspartner.

          Abu Raïs lebt mit seiner Frau und dem ein Jahr alten Sohn in einer Garage. Als Tür dienen die verrosteten Sprungfedern eines alten Bettes, die als Gitter vor den Eingang geschoben werden. „Wir sitzen den ganzen Tag hier. Ins Dorf gehe ich nie, es ist zu gefährlich. Wenn die libanesische Armee uns verhaftet, dann schicken sie uns nach Syrien zurück“, sagt er. Zwei Cousins wurden verhaftet, seine Mutter auf der Flucht erschossen. „Die Armee kam nach Talkalakh, wir haben gehört, dass sie sunnitische Häuser angreifen. Mitten in der Nacht sind wir los, zusammen mit ein paar hundert anderen. Wir sind einfach über die Felder gerannt, dann durch den Fluss. Jetzt sind wir hier.“ Ohne Geld und ohne Ausweis.

          Während er spricht, gesellen sich weitere Flüchtlinge zu uns. Alle aus Talkalakh, dem syrischen Dorf auf der anderen Seite der Grenze. Sie wollen erzählen. Gerne mit Kamera. Moe staunt. Vor wenigen Wochen noch ist er im gleichen Ort gewesen, es herrschte große Skepsis gegenüber Journalisten.

          Einer zeigt Matilde die blutigen Videos auf seinem Handy, ein anderer schildert die Foltermethoden in syrischen Gefängnissen, der dritte fragt, warum die internationale Gemeinschaft Gaddafi stürze, aber nicht Baschar al-Assad. Es folgt eine Flut von Geschichten aus Talkalalkh, eigene Erlebnisse und von anderen aufgeschnappte Gerüchte gehen ineinander über. „Sie zünden unsere Häuser an“, sagt Abu Raïs. „Sie verhaften wahllos Leute, manche verschwinden, andere kommen zurück mit Folterspuren am ganzen Körper.“ Und immer wieder der Satz: „Die Alawiten bekommen 100 Dollar am Tag, wenn sie uns angreifen.“ „Wir wünschten, wir hätten Waffen“, sagt Abu Majid, der Wortführer der kleinen Gruppe. „Wir brauchen sie, aber wir haben kein Geld dafür.“

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