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Syriens urbane Mittelschicht : Sehnsucht nach Alltag

Rauch über Damaskus: Auch die syrische Hauptstadt wird – wie bei dem Anschlag vom 27. Mai – von Gewalt erschüttert Bild: AFP

Verständnis für das Blutvergießen ist hier kaum zu finden: Die urbane Mittelschicht in Syrien hat nicht viel für den Aufstand übrig - mehr als Reformen will sie Ruhe und Stabilität.

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          In Ain Terma hatte Yara vor vier Jahren eine Eigentumswohnung erworben. Die junge Chemikerin konnte damals nicht ahnen, dass der benachbarte Damaszener Vorort Zamalka drei Jahre später zu einem Brennpunkt des Aufstands gegen das Regime von Präsident Baschar al Assad werden sollte. Wie der Machthaber gehört auch sie zur Minderheit der Alawiten. In Zamalka und Ain Terma herrschen heute aber überwiegend sunnitische Aufständische. Selbst dort, in ihrem Viertel, wurden in den vergangenen Tagen zwei Mitglieder der Freien Syrischen Armee verhaftet. Yara fühlte sich daher in Ain Terma nicht mehr wohl. Sie kehrte nach Mezze zurück, in den Stadtteil von Damaskus, der mit seinen staatlichen Einrichtungen und Botschaften als besonders sicher galt.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Nun fährt sie wieder jeden Tag von Mezze eine halbe Stunde Richtung Süden an ihren Arbeitsplatz in einem Lebensmittellabor. Die Dörfer entlang des Weges mit ihren unterschiedlichen Religionen sind von dem Konflikt im Land ebenfalls gezeichnet. Erst fährt Yara durch das sunnitische Madamiyah, aus dem viele Alawiten bereits fortgezogen sind, dann durch das christliche Jdeide Artus. Es folgt Artus mit seiner sunnitischen Bevölkerung am Fuße des auch im Juni noch schneebedeckten Hermongebirges. Bedrückt erzählt Yara nun die Geschichte eines Lehrers, der in Artus unterrichtet hatte, aber aus dem benachbarten Alawitendorf Qatana stammte. An der Schule hatte er Morddrohungen erhalten, und darauf wurde er vor dem Tor der Schule erschossen.

          Im Lebensmittellabor ist das konfessionelle Mosaik noch intakt

          „Bald wird ganz Syrien sein wie Homs“, fürchtet die junge Frau. Für Yara steht der Name der Protesthochburg für einen hässlichen Bürgerkrieg mit vielen Toten. Schließlich ist auch ihr Cousin am 10. Januar in Lattakia entführt worden, und noch immer fehlt jede Spur von ihm.

          Yara gehört zur gebildeten Mittelschicht Syriens, zur schweigenden urbanen Bevölkerung des Landes. Leute wie sie werden oft Loyalisten genannt. Sie sind für Reformen, sie wollen Stabilität und eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft in einem funktionierenden Staat. Das bedeutet ihnen mehr als das Wagnis von Aufstand und Umsturz. Doch mit der Stabilität ist es vorbei.

          „Es geht doch nicht um Freiheit und nicht um Demokratie, vielmehr sind wir mitten in einem Konfessionskrieg“, sagt die junge Frau. Ihr Bruder, ein in der sunnitischen Ortschaft Harasta tätiger Arzt, will nicht länger mit diesem Risiko leben. Er wandert in diesen Tagen mit seiner russischen Frau, ebenfalls einer Ärztin, und den beiden Kindern nach Russland aus.

          In dem Lebensmittellabor, in dem Yara arbeitet, ist das konfessionelle Mosaik Syriens noch intakt. Seite an Seite arbeiten Sunniten, Alawiten und Christen miteinander. „Die Frage, welcher Religion jemand angehört, gilt bei uns als taktlos“, sagt Marwan, der Leiter des Labors. Er ist ein Christ. Vergangene Nacht, erzählt er, seien Leute durch das christliche Viertel von Damaskus, in dem er lebt, gezogen und hätten gerufen: „Es lebe der Dschihad!“ Sein Vorgänger auf diesem Laborleiterposten hatte in diesem Winter mit seiner fünfköpfigen Familie die Koffer gepackt und hat sich mit ihr in einem EU-Land niedergelassen.

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