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Syriens Rolle im Nahen Osten : Irans Furcht vor dem Verlust eines Verbündeten

Sollte der Aufstand in Syrien zum Sturz des Regimes führen, hätte das Auswirkungen auf den gesamten Nahen Osten Bild: Reuters

Syrien ist an fast allen Konflikte in der Region beteiligt. Ein Umsturz in dem Land könnte die ganze Region verändern. Sowohl Iran als auch Israel blicken deshalb besorgt nach Damaskus.

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          Die Wucht der Proteste in Syrien, die der Sicherheitsapparat mir großer Brutalität zu unterdrücken versucht, nimmt von Woche zu Woche zu. Am Mittwoch rollten auch in die Damaszener Vorstadt Duma Panzer. In Daraa, dem Epizentrum der Proteste, können auch sie seit Montag die Forderung nach Freiheit nicht ersticken. Ein Sturz des Regimes erscheint nicht mehr ausgeschlossen. Er hätte weitreichendere Folgen als der Sturz des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak am 11. Februar.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Denn anders als Ägypten ist Syrien an nahezu allen Konflikten in der Region direkt oder indirekt beteiligt. Ein Regimewechsel in Damaskus würde daher den Nahen Osten grundlegend verändern. So ist Syrien der wichtigste arabische Verbündete Irans, das sich am Golf mit Saudi-Arabien einen Wettkampf um die Vormacht liefert. Syrien fördert die extremistischen Gruppen Hizbullah und Hamas, verhindert im Libanon eine prowestliche Politik und ist im Irak, trotz des Misstrauens zwischen Assad und Ministerpräsident Nuri al Maliki, der schiitischen Mehrheit gegenüber positiv eingestellt.

          Syrien ist zudem auch über seine Minderheiten mit dem Ausland verflochten. In keinem Land werden die Kurden so stark unterdrückt wie in Syrien; Drusen wohnen in Syrien, auf den von Israel besetzten Golanhöhen und im Libanon. Die religiöse Vielfalt in Syrien ist nicht geringer als jene im Libanon, nur dass in Syrien die sunnitischen Muslime eine deutliche Mehrheit stellen. Bei andauernden Konflikten in Syrien, die um den Machterhalt ausgetragen würden, aber in einen Bürgerkrieg münden können, ist nicht auszuschließen, dass einzelne Gruppen bei Verwandten im Nachbarland Zuflucht suchen.

          Am meisten besorgt über einen Regimewechsel in Damaskus ist Teheran. Denn die Islamische Republik benutzt Syrien als Brücke ans Mittelmeer, um im Libanon die Hizbullah mit Waffen zu versorgen und im Gazastreifen auch die Hamas, deren politisches Büro sich in Damaskus befindet. Iran setzt auf die Hizbullah, um in der arabischen Bevölkerung Pluspunkte im Kampf gegen Israel zu sammeln – und für den Fall eines Angriffs gegen seine Atomanlagen gegen Israel eine eigene Front eröffnen zu können. Keine Überraschung war daher, dass die amerikanische Regierung erklärt hat, ihr lägen Dokumente vor, nach denen Iran Syrien mit Ausrüstung beliefert, um die Proteste, die iranische Interessen gefährdeten, zu ersticken.

          Assad braucht die Hizbullah

          Assads Regime braucht wiederum die Hizbullah, um die Arbeit des Sondertribunals zur Ermordung von Rafik al Hariri zu behindern, und die Hizbullah benötigt die syrische Rückendeckung, um im innerlibanesischen Machtkampf die Oberhand gegen die prowestliche Allianz zu behalten. So war es der Hizbullah im Januar 2011 gelungen, die Regierung von Ministerpräsident Saad al Hariri zu stürzen. Ohne Assad verlören Iran in der Region und die Hizbullah im Libanon an Einfluss. Iran müsste nach neuen Wegen suchen, um die Waffen im Wert von 200 Millionen Dollar jedes Jahr an seinen schiitischen Verbündeten im Libanon zu senden.

          Dass eine Kooperation nach einem Umsturz schwer ist, erfährt Iran im Umgang mit dem Ägypten nach Mubarak. Vergeblich hat der iranische Außenminister Ali Akbar Salehi bisher die neue Regierung in Kairo aufgerufen, die diplomatischen Beziehungen wieder aufzunehmen. Mehr als ein Bekenntnis aus Kairo, Iran sei keine Gefahr für die regionale Sicherheit, konnte Iran bisher nicht erreichen. Im Gegenteil sind die Machthaber in Iran weiter besorgt, dass der Funke der arabischen Demokratiebewegungen das Feuer in ihrer „grünen Bewegung“ wieder entzünden könne.

          Saudi Arabien würde an Einfluss gewinnen

          Je mehr Iran bei einem Regimewechsel in Damaskus zurückgedrängt würde, desto mehr würde Saudi-Arabien an Boden gewinnen – im Libanon als Schutzpatron Hariris, am Golf und mutmaßlich auch im Irak, wo die schiitische Regierungsmehrheit dann auf weniger ausländische Sympathie würde setzen können. Gering scheinen indes die Folgen eines möglichen Sturzes von Assad für das Königreich Jordanien zu sein, wo selbst Islamisten am Königshaus festhalten. Über die Proteste in Daraa wäre nicht so viel bekannt geworden, läge die Stadt nicht an der Grenze zu Jordanien. So konnten die Demonstranten über die Mobilfunkverbindungen mit dem nahen Jordanien ihre Amateurvideos in die Welt senden.

          Grundlegende Änderungen in Damaskus würden radikale Veränderungen in der Machtbalance der gesamten Region hervorrufen, die nicht steuerbar sind. Auch aus diesem Grund zögern jene, die bei dem Blutvergießen in Libyen noch zu einem schnellen Handeln aufgerufen hatten.

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