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Syrien : Waffenlager in der Kirche

In einer Straße ist an vielen Hauswänden „kulluna Hanna“ zu lesen: „Wir sind alle Hanna.“ Der Haudegen Hanna Kasuha war, so lautet die Legende, der Beschützer der Christen von Qusair. Es gibt viele Heldengeschichten über ihn. So sollen die Rebellen sechzig alte Männer in ihre Gewalt gebracht haben, um ihn zu erpressen, die Stadt endlich zu verlassen. Darauf habe er die Rebellen entführt, und die Alten seien freigekommen. Dann aber wurde erst Hanna Kasuhas Bruder ermordet, später sein Vater und schließlich am 21. März 2012 er selbst. Das sei das Signal an die meisten Christen gewesen, die Stadt zu verlassen, sagt einer der wenigen, die geblieben sind. Auch er will seinen Namen nicht nennen, die Peiniger könnten ja zurückkehren.

Mit mehr als zehn Mitgliedern seiner Großfamilie lebt der Mann in der einzigen Straße, die unversehrt geblieben ist. Sie liegt jenseits der Bahnlinie, die am Rande der Stadt verläuft. Nach Hanna Kasuhas Tod rückte die Armee in dieses Viertel ein. „Darum fühlte ich mich sicher“, sagt der Mann. Arbeit hatte der Steinmetz keine mehr. Aber die Soldaten versorgten ihn und seine Familie mit Wasser und Nahrungsmitteln. Niemand scheint zu wissen, weshalb sie nicht viel früher die Gegner auf der anderen Seite der Bahnlinie angegriffen haben.

Menschenleere Hauptstraße: Vergangene Woche in Qusair

Auf dem Flur eines kleinen Hauses sitzen Leute auf dem Boden. Bis auf ein Bildnis Marias sind die Wände kahl. Die Christen erzählen Greuelgeschichten wie die von einem Cousin, der all sein Erspartes in ein Auto gesteckt hatte, dann aber entführt und in dem Wagen verbrannt wurde. Von den Minaretten aus seien die Christen zum Verlassen der Stadt aufgefordert worden, beteuern alle, die hier sitzen. Auf Kundgebungen sei skandiert worden: „Die Christen nach Beirut, die Alawiten ins Grab.“ Die Fatwas des Predigers Aruur seien befolgt worden. „Und wir saßen hier und haben gebetet“, sagt eine Frau und zieht das schwarze Kopftuch enger.

Basil kam aus der nahen Provinzhauptstadt Homs, um zu sehen, was von Qusair geblieben ist. Der junge Ingenieur steht vor dem Haus seiner Eltern. Hier wuchs er auf, nun ist von dem Haus nur noch ein Betonskelett übrig. Fassungslos steht er vor den Trümmern: „Von Qusair ist nichts übrig, wem nutzt das?“ Mal macht der junge Mann die Armee für die Zerstörung der Stadt verantwortlich, dann wieder die Rebellen. „Unter den Sunniten von Qusair waren schon vor dem Krieg viele Salafisten, die das Regime ablehnten“, sagt er.

„Die Revolution und ihre Parolen haben sich verändert“

Auf der anderen Seite hätten nicht wenige Christen wie er am Anfang auf der Seite der Revolution gestanden, hätten von Freiheit und Gleichheit geträumt. Die Lieder der Revolution zogen ihn an, sagt Basil, auf den Großkundgebungen in Homs habe auch er getanzt. Gerichtet waren die Großkundgebungen zunächst nicht gegen das Regime, sondern gegen den Gouverneur von Homs, der die Stadt in zwei Lager teilte. „Es war ein großes Fest - bis Schüsse fielen und die Salafisten kamen.“

Zwei Soldaten verladen Habseligkeiten auf Motorräder.

Als klar wurde, dass die Herrschenden nicht auf die Sorgen der Demonstranten eingehen würden, und nichts in Bewegung geriet, habe es Demonstranten gegeben, die Regierungsgebäude angezündet hätten, gibt Basil zu. Dann habe es auf jeder Kundgebung einen gezielten Schuss gegeben, jedes Mal sei ein prominenter Bürger von Homs erschossen worden. Die Täter blieben unerkannt. Es sei nicht wahllos in die Menge geschossen worden, erinnert sich der junge Mann. Als dann der populäre Regimegegner Hadi al Dschundi getötet wurde, wandte sich erstmals die Hälfte der Bevölkerung von Homs auch offen gegen das Regime. Je mehr in der Provinzhauptstadt der Konflikt eskalierte, desto mehr griffen die Spannungen auf Qusair über. Und es gab Racheakte.

Für Basil war der Wendepunkt gekommen, als sich immer mehr Salafisten, die einen islamischen Staat wollten, unter die Demonstranten gemischt hätten. Die Revolution und ihre Parolen hätten sich verändert. Immer weniger Demonstranten hätten seine Ideale geteilt. „Sie haben alles kaputtgemacht.“ Auch Basil hat im Internet das Video angeschaut, das vor wenigen Wochen in aller Welt für Entsetzen sorgte. Zu sehen war ein Dschihadist aus Qusair, der einem Soldaten den Leib aufschnitt und so tat, als esse er das Herz des Toten. Voller Abscheu erzählt der Ingenieur davon. Noch immer glaube er an die Revolution, beteuert er. Fänden heute aber Wahlen statt, er würde seine Stimme Assad geben, sagt er. Der Präsident sei der Einzige, der den Krieg gegen den religiösen Extremismus gewinnen, den Irrsinn beenden und das Land zusammenhalten könne. Dass er heute so denken würde, sagt Basil, hätte er noch vor wenigen Monaten nicht gedacht. Die anderen sind tot.

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