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Syrien und Libanon : Nebenwirkungen eines Aufstands

Munition für die Aufständischen: Ein Bild von der libanesischen Armee, das eine Waffenlieferung für die syrischen Rebellen zeigen soll Bild: dpa

Der sunnitische Norden des Libanon ist das logistische Hinterland der Rebellion in Syrien. Doch die Kämpfe wirken zurück: Auch im Libanon haben Radikale wieder neuen Zulauf.

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          In der Levante leben auf engem Raum mehr als zwei Dutzend Religionsgemeinschaften zusammen. Doch von der Hafenstadt Tripoli bis ins Hinterland nach Homs zieht sich ein breiter Streifen mit sunnitischer Bevölkerung. Die koloniale Grenzziehung hatte Tripoli dem Libanon zugeschlagen und Homs Syrien. Das Gefühl aber, einer gemeinsamen Kulturregion anzugehören, ist davon unberührt geblieben. Die Syrer nennen Tripoli „Tarabulus al Sham“, „Syriens Tripoli“.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Der Korridor von Tripoli nach Homs ist eine der wichtigsten Lebensadern der syrischen Rebellion. Der Verkehr verläuft in beide Richtungen: Über Tripoli gelangen Waffen, Geld, Kämpfer und humanitäre Hilfsleistungen in die Hochburgen des Aufstands. Im Gegenzug werden Verwundete im Libanon behandelt. 28.000 Flüchtlinge aus Syrien haben sich im Nordlibanon niedergelassen - nicht in Zeltstädten wie in der Türkei, sondern meist bei Verwandten.

          Tripolis Rache am syrischen Regime

          Baschar al Assad und sein Vater hatten die sunnitische Opposition stets als größte Bedrohung für ihr Regime gefürchtet. In Tripoli bauten sie daher ein Netz von Agenten und opportunistischen Helfern auf, mit dem Ziel, die Region zu steuern und Gefahren für das syrische Regime abzuwenden. Um Unruhe zu schüren, bedienten sie sich der Alawiten, deren verarmter Stadtteil Jebel Muhsin über Tripoli thront, und der Palästinenser im Lager von Nahr al Bared. Als der bei den Syrern ungeliebte PLO-Chef Arafat 1982 aus Beirut vertrieben wurde und Zuflucht in Tripoli fand, fädelten die Syrer vom Jebel Muhsin aus eine Kampagne gegen ihn ein. Reichten Syriens Agenten nicht aus, schritt die Armee ein.

          Seit dem Beginn des Aufstands gegen Baschar al Assad hat sich der Wind gedreht. Nun rächt sich Tripoli am syrischen Regime, und diesem droht nun aus Tripoli Gefahr. Die Sunniten gehen gegen die Alawiten auf dem Jebel Muhsin vor, und Rifaat Id, der Führer der Alawiten in Tripoli, wird nur noch verhöhnt, wenn er fordert, allein die syrische Armee könne wieder für Stabilität sorgen. Sie hat längst nicht einmal mehr Syrien im Griff. Der syrische UN-Botschafter Bashar Jaafari artikulierte die ganze Hilflosigkeit, als er in einem Brief an alle Mitglieder des UN-Sicherheitsrats behauptete, der Nordlibanon sei zu einem „Hort von Terroristen“ geworden - eine Behauptung, die der Libanon entschieden zurückwies.

          Zwei Wege führen von Tripoli nach Homs, die beide aus Sicht der Rebellen Nachteile haben. Einer verläuft über die Sunnitenstadt Akkar, das Armenhaus des Libanon. Auf der syrischen Seite liegen dort vor den urbanen Zentren der Sunniten - vom sunnitischen Tellkalakh abgesehen - zunächst christliche und alawitische Dörfer. Der andere Weg führt nach Südosten durch die Bekaa-Ebene, wo die libanesischen Schiiten leben, die offiziell Verbündete Assads sind. Die meisten Waffen sollen dennoch über diesen Weg nach Syrien zu den sunnitischen Rebellen geschmuggelt werden, denn die Schmuggler sind nicht an Ideologie interessiert, sondern an Kommerz. Ein Sohn von Muhammad Yazbek, dem mächtigsten Mann der Hizbullah in der Bekaa-Ebene, soll ihr Patron sein.

          Waffen aus libanesischen Arsenalen

          Im sunnitischen Nordlibanon soll die libanesische Armee faktisch nicht existent sein, so dass die Schmuggler in einem weitgehend rechtsfreien Raum agieren. Auf der syrischen Seite soll es nicht viel anders aussehen. Nur noch der wichtigste Grenzübergang auf dem Weg von Beirut nach Damaskus bei Anjar soll ordnungsgemäß funktionieren. Sonst sei es allein eine Frage des Geldes, Waffen und Personen über die Grenze zu bringen. Im Grenzgebiet blühen die Geschäfte der Kriegsgewinnler.

          Das syrische Regime versucht dagegen mit der Verminung der Grenze dort vorzugehen, wo seine Militärfahrzeuge nicht patrouillieren können. Die nach Syrien verkauften Waffen stammen zum Teil aus libanesischen Arsenalen. Außerdem bringen Schiffe neue Waffen nach Tripoli. Vor sechs Wochen wurde das Frachtschiff „Lutfallah“, das unter der Flagge eines afrikanischen Staates fuhr, mit Maschinengewehren für die Opposition an der Küste südlich von Tripoli aufgebracht.

          Kulturell konservativ, politisch radikal

          Zu den Kriegsgewinnlern gehören auch die radikalen Sunniten von Tripoli, die in der zweitgrößten Stadt des Libanon die bislang dominierenden gemäßigten Sunniten verdrängen. Sie demonstrieren, sie stellen ihre Waffen zur Schau, sie agitieren gegen das syrische Regime und die als arrogant empfundene Hizbullah im eigenen Land. Der neue Star der Sunniten ist der salafistische Prediger Ahmad Assir, der in den vergangenen Wochen für immer neue Kontroversen gesorgt hat.

          Die entstehende neue Schicht von Geistlichen und ihren Anhängern wird von Qatar und Saudi-Arabien unterstützt. Sie untergraben die bisherige Vormachtstellung gemäßigter Sunniten wie Saad Hariri, Fouad Siniora und Muhammad Safadi, den sunnitischen Führer der antisyrischen Bewegung, die nach der Ermordung des Sunnitenführers Rafik Hariri mutmaßlich durch syrische Agenten im Februar 2005 entstand. Zulauf erhalten die radikalen Sunniten auch, weil die urbane sunnitische Mittelschicht von Tripoli verarmt ist und ihr Heil zunehmend in extremen Parolen sucht. Dschihadisten sind diese kulturell konservativen und politisch zunehmend radikalen sunnitischen Islamisten aber nicht: Sie wollen in keinen Krieg ziehen.

          Da Hariri und Siniora wieder die Regierung stellen wollen, das aber ohne die sunnitischen Wähler von Tripoli nicht möglich ist, übernehmen sie mehr und mehr die Parolen der Radikalen. Vielleicht spielen sie unbewusst mit dem Feuer, wenn sie der Regierung des prosyrischen Ministerpräsidenten Nadschib Miqati vorwerfen, nichts zu unternehmen, um die vom syrischen Regime verfolgten sunnitischen Brüder im Nachbarland zu schützen. Tripoli läuft Gefahr, in diesem Konflikt seinen Ruf als Ort eines gemäßigten sunnitischen Islams zu verlieren, der dem städtischen Bürgertum eine Identität gegeben hat.

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