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Syrien : Tausende Kämpfer suchen keinen Kommandeur

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„Aus dem Inneren“: Riad al Asaad verlas in einem Video seine Erklärung.
          3 Min.

          Für so viel Aufsehen hat Riad al Asaad schon lange nicht mehr gesorgt. Doch wird der Oberkommandierende der Freien Syrischen Armee (FSA) kaum die Erwartungen erfüllen können, die er am Wochenende mit der Mitteilung geweckt hat, man sei in die „befreiten Gebiete“ Syriens eingedrungen, um bald eine Offensive zur Befreiung der Hauptstadt Damaskus zu beginnen. „Kommuniqué Nr. 1 von innen“ lautete der Titel einer Videoansprache, in der Asaad am Wochenende bekanntgab, sein Hauptquartier von der Türkei nach Syrien verlegt zu haben. Gut ein Jahr nach Gründung der regimefeindlichen Streitkräfte ist ihr Anführer zurück, lautete die Botschaft an seine Kämpfer. Westliche Militärfachleute sagen, allenfalls werde er damit die Kampfmoral der Aufständischen stärken.

          In seinem türkischen Hauptquartier war Asaad fast schon in Vergessenheit geraten. Vor etwa vierzehn Monaten, Ende Juli 2011, hatte der Oberst die Gründung der Freien Syrischen Armee bekanntgegeben. Das war vier Monate nach Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al Assad eine Art Zäsur, denn schließlich demonstrierten in Aleppo, Homs und anderen Städten damals noch Zehntausende friedlich für einen Sturz des Regimes. Oberst Asaad hielt das schon damals für aussichtlos. Er war Anfang Juli 2011 desertiert er und mit einer Handvoll weiterer Offiziere in die Türkei geflohen. Bis zum Sturz Assads werde die Deserteurstruppe kämpfen, kündigte er an.

          Wirklich unter Kontrolle bekam der selbst ernannte Oberkommandierende die im ganzen Land versprengten Oppositionsmilizen jedoch nie. Allenfalls auf lokaler Ebene ist es FSA-Einheiten gelungen, sich militärisch abzustimmen. Das aber geschah ohne Zutun Asaads, der bis zuletzt in einem Flüchtlingslager residierte, unter dem Schutz und der Kontrolle der türkischen Armee. Für Aufsehen sorgte er im vergangenen halben Jahr eigentlich nur einmal: Im Mai forderte er den damaligen UN-Sondervermittler Kofi Annan auf, seinen Plan zur Befriedung Syriens für gescheitert zu erklären, um es den Aufständischen zu ermöglichen, den bewaffneten Kampf gegen das Regime fortzuführen.

          Die Konfliktparteien keilen sich ein

          Annans Plan, der eine Waffenruhe als Bedingung für weitere Schritte vorsah, hatte die Eskalation der Gewalt nicht verhindern können. Mutmaßlich mehr als 4000 Tote waren im August zu beklagen, mehr noch als in allen vorherigen Monaten. Iran und Russland halten Assad die Treue, während insbesondere die sunnitischen Regionalmächte Saudi-Arabien und Qatar die Aufständischen aufrüsten. Die Konfliktparteien scheinen einander „einzukeilen“, wie es im Libanon in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschah. Wenn die Lage so bleibt, könnte es Assad sogar gelingen, bis zur nächsten regulären Präsidentenwahl 2014 durchzuhalten - und den Sieg für sich zu reklamieren, wenn die Opposition sich auf eine solche Wahl nicht einlässt.

          Zwar ist Assads Armee in den kurdisch besiedelten Gebieten im Nordosten des Landes tatsächlich nicht mehr Herr der Lage, und auch in vielen an die Türkei angrenzenden Landstrichen im Westen und Nordwesten Syriens ist es den Aufständischen gelungen, ganze Gegenden unter ihre Kontrolle zu bringen. Doch ein strategischer Vorteil bleibt Assad: Mit Militärflugzeugen und -hubschraubern können seine Einheiten immer noch an Orten zuschlagen, wo ein Bodeneinsatz zu verlustreich wäre. Die Luftwaffe ist der loyalste Armeeverband des alawitischen Minderheitenregimes. Baschars Vater Hafiz al Assad hatte an ihrer Spitze gestanden, ehe er sich 1970 an die Macht putschte. Eine funktionierende Luftwaffe genügt zwar nicht, um ganze Landstriche aus Rebellenhand zu lösen und wieder unter Kontrolle des Regimes zu bekommen, aber einen Vormarsch der FSA können die Piloten jederzeit aufhalten.

          Zumal die FSA mehr als ein Jahr nach Beginn des bewaffneten Aufstands immer noch nicht über ein zentrales Kommando verfügt. Asaad fand schon lange kein Gehör mehr bei den örtlichen Einheiten. Auch deshalb mag er sich zurück nach Syrien gewagt haben, aber das allein wird die Vielstimmigkeit der Milizen kaum abstellen können. Dutzende, wenn nicht Hunderte lokale Gruppen sind über das ganze Land verstreut, von denen sich ohnehin nur wenige dem Dachverband der Freien Syrischen Armee zugehörig fühlen. Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler, schätzte die Zahl der Milizionäre jüngst auf 20000.

          Von den Rebellen gehaltene Gebiete - die Städte indes sind zumeist heftig umkämpft. Bilderstrecke
          Von den Rebellen gehaltene Gebiete - die Städte indes sind zumeist heftig umkämpft. :

          Immer wieder gibt es zudem Berichte über islamistische Kämpfer, die aus dem Irak und dem Libanon nach Syrien eindringen. Die Dschihadisten einzubinden - und sie nach einem Sturz Assads zu entwaffnen - dürfte eines der größten Probleme für eine Kommandozentrale einer vereinigten Opposition darstellen. Schließlich verfolgen die aus libanesischen Palästinenserlagern eingeschleusten Kämpfer der Abdullah-Azam-Brigaden oder der Al-Nusra-Front andere Ziele als die zumindest nach außen hin für ein pluralistisches Post-Assad-Regime kämpfende FSA.

          Ohne einen Zerfall des Regimes werden die Aufständischen ihre militärische Position nicht entscheidend verbessern können. Nach dem Anschlag auf Assads Führungsspitze vor zwei Monaten in Damaskus hatten die Aufständischen gehofft, dieser Zerfall habe begonnen. Doch obwohl seitdem weitere Offiziere Assads in die Türkei geflohen sind, kann sich der Staatspräsident immer noch auf seine Armeeführung verlassen. Daran dürfte sich auch dann nichts ändern, wenn sich die Meldung vom Montag bestätigt, dass Assads Schwester Buschra nach Dubai geflohen sei. Ihr Ehemann Assef Schaukat, der stellvertretende Generalstabschef der syrischen Streitkräfte, war Mitte Juli bei dem Anschlag in Damaskus getötet worden.

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