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Syrien : Schwere Gefechte um Aleppo dauern an

Auf dem weg an die Front: Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ nördlich von Aleppo Bild: dapd

Syriens Armee hat am dritten Tag in Folge Aleppo angegriffen. Die Rebellen wiesen Berichte zurück, die Stadt sei vom Assad-Regime zurückerobert worden. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon teilte mit, dass Beobachter der Vereinten Nationen beschossen worden seien.

          In Syrien ist ein Konvoi unbewaffneter UN-Beobachter angegriffen worden. Der neue Chef der UN-Beobachtermission, der senegalesische General Babacar Gaye, und sein Team seien am Sonntag zwei Mal beschossen worden, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Montag vor
          Journalisten in New York. Bei den Angriffen sei niemand verletzt worden.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          In der Schlacht um Aleppo wiesen die Rebellen der oppositionellen Freien Syrischen Armee unterdessen Erfolgsmeldungen des Assad-Regimes zurück. Die Armee griff den dritten Tag in Folge Stellungen der Aufständischen an. Nach deren Angaben wurden dabei Artillerie, Panzer, Kampfhubschrauber und Kampfflugzeuge eingesetzt. Das syrische Staatsfernsehen zitierte einen ranghohen Militär mit den Worten, der von den Rebellen eroberte Stadtteil Salah al Din im Südwesten der Stadt sei „vollständig zurückgewonnen“ worden.

          Dem widersprach ein Kommandeur der Feien Syrischen Armee in der Stadt nach Agenturberichten. Die Truppen des Regimes hätten „nicht einen Meter“ an Gelände gewonnen, sagte Abd al Dschabbar al Oqaidi demnach am Telefon. Seit Beginn der Gegenoffensive seien drei Angriffswellen der Armee abgewehrt worden, sagte er. Es seien in der Nacht vier ihrer Panzer zerstört worden. Nach Angaben von Oppositionsaktivisten wurde der Stadtteil Salah al Din wie andere Viertel Aleppos mit schwerem Beschuss belegt. Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, Soldaten des Regimes hätten die äußeren Bezirke des Stadtteils erreicht.

          Das Wirtschaftszentrum Aleppo ist von großer strategischer Bedeutung. Die Stadt ist das Tor zum Norden des Landes, wo die Aufständischen ländliche Regionen kontrollieren und ihre Kontrolle offenbar weiter ausweiten konnten. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP brachten die Aufständischen einen Kontrollposten in ihre Gewalt, der ihnen eine Nachschubroute aus der Türkei sichert. Der Posten sei nach rund zehnstündigem Kampf am Morgen von Rebellen erobert worden. Er liege etwa fünf Kilometer nordwestlich von Aleppo und rund 45 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. In den vergangenen Tagen war übereinstimmend berichtet worden, dass sich die Armee aus weiten Teilen der ländlichen Regionen nördlich von Aleppo zurückgezogen habe und die Rebellen sichere Verbindungswege an die Grenze zur Türkei kontrollierten. Die türkische Armee verstärkte derweil ihre Präsenz in Grenznähe. Es seien mehr Panzer und Raketen sowie Soldaten in die Provinzen Kilis und Hatay entsandt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu. Aus türkischen Militärkreisen hieß es am Montag, ein weiterer syrischer General sei zusammen mit elf Soldaten in die Türkei geflohen.

          Panetta: Anfang vom Ende des Regimes

          Der amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta sagte, die Offensive Assads gegen Aleppo sei der Anfang vom Ende seines Regimes. Wenn die Angriffe mit Kampfhubschraubern und anderen schweren Waffen auf die eigene Bevölkerung fortgesetzt würden, werde sich dies als „Nagel im Sarg Assads“ erweisen, sagte er am Sonntagabend. „Seine Herrschaft nähert sich dem Ende.“ Bei den bevorstehenden Gesprächen in Tunesien, Ägypten, Israel und Jordanien werde er, Panetta, für einen Konsens darüber werben, dass der syrische Machthaber zurücktreten müsse.

          „Transit“: Syrische Rebellen präsentieren eine russische Kennzeichnung, die auf erbeuteten Munitionskisten des Regimes steht.

          Angesichts der schweren Gefechte in Aleppo flohen in den vergangenen Tagen nach Schätzungen von Vereinten Nationen, Rotem Kreuz und Rotem Halbmond rund 200000 Menschen aus der Stadt, die allerdings mehr als zwei Millionen Einwohner hat. Frankreich, das wie die Vereinigten Staaten zuletzt vor einem „Massaker“ an der Bevölkerung Aleppos gewarnt hatte, forderte eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates zu Syrien. Außenminister Laurent Fabius sagte dem Sender RTL, Paris werde noch vor Ende der Woche einen Antrag stellen, dass der UN-Sicherheitsrat möglichst auf Ministerebene zusammenkomme. Das Gremium ist weiter tief gespalten, die Vetomächte China und Russland verhindern eine härtere Gangart gegenüber dem Assad-Regime.

          Der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew sagte indes der britischen Zeitung „The Times“, die Positionen Moskaus seien nicht so weit entfernt von denen Londons und Washingtons wie es scheine. „Wir sind uns alle einig darüber, dass das Schlimmste in Syrien ein Bürgerkrieg wäre“, sagte er. Von einem Bürgerkrieg in Syrien, wo es nach Angaben der Opposition im ganzen Land Dutzende Tote bei Gefechten gab, ist seitens westlicher Regierungen schon länger die Rede.

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