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Syrien : Schwere Anschläge in Aleppo

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Bilder einer umkämpften Stadt: In Aleppo gehen die Kämpfe weiter Bild: dpa

Bei mehreren Anschlägen in Aleppo sind mehr als 40 Personen ums Leben gekommen. Unter den Todesopfern sollen hochrangige Militärangehörige sein. Angeblich hatte auch der syrische Staatschef Assad die umkämpfte Stadt besucht.

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          Bei mehreren Anschlägen mit Autobomben sind in der Stadt Aleppo im Nordwesten Syriens mindestens 40 Personen getötet worden. Mindestens 90 weitere Menschen sind nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte verletzt worden. Nach übereinstimmenden Angaben detonierten im Zentrum der seit Monaten umkämpften Metropole mindestens drei Bomben. Auch ein städtischer Beamter sprach von Dutzenden Toten und Verletzten. Er gab zunächst an, 27 Menschen seien getötet und mehr als 70 verwundet worden. Die Zahl der Toten könne sich noch erhöhen, weil es viele Schwerverletzte gebe, sagte der Beamte.

          Die Beobachtungsstelle erklärte, unter den Todesopfern seien vor allem Armeeangehörige. Auch aus Militärkreisen hieß es, mehrere Soldaten seien getötet worden. Laut der Beobachtungsstelle richteten sich die Attacken gegen einen Offiziersclub und ein Hotel in der Nähe des Saadallah-al-Dschabiri-Platzes. An dem Platz im Zentrum der seit Monaten heftig umkämpften Stadt befinden sich auch zahlreiche Regierungsgebäude. Bisher hieß es, der Westen Aleppos werde von Assads Truppen beherrscht, der Osten von Aufständischen.

          Seit dem Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al Assad im März 2011 sind nach Angaben der Beobachtungsstelle in Syrien mehr als 31.000 Menschen ums Leben gekommen.

          Assad besucht angeblich Aleppo

          Assad soll einem Zeitungsbericht zufolge selbst Aleppo besucht haben. Zudem habe er die Entsendung weiterer 30.000 Soldaten zur Bekämpfung der Rebellen angeordnet, wie das libanesische Blatt „Al-Dijar“ am Dienstag berichtete. Außerdem sollten weitere 2000 gepanzerte Fahrzeuge in die Stadt im Norden des Landes verlegt werden. Aleppo war bis Juli unter der Kontrolle der Regierung. In der vergangenen Woche starteten die Rebellen eine neue Offensive, um die Millionenstadt einzunehmen. Im Zuge der heftigen Kämpfe geriet auch der zum Weltkulturerbe zählende historische Basar in der Altstadt in Brand.

          Der Bericht der libanesischen Zeitung, die als Assad-freundlich gilt, konnte zunächst nicht überprüft werden. Das Blatt verfügt nach eigenem Bekunden über einen Korrespondenten in der Stadt. Dem Bericht zufolge flog Assad vom Präsidentenpalast in Damaskus nach Aleppo. Wann genau der Besuch stattfand, wurde nicht erwähnt. Assad halte sich aber noch immer in Aleppo auf. Er habe angeordnet, dass die Stadt „gesäubert“ werden müsse, hieß es.

          Assad-Regime verspricht „großen nationalen Dialog“

          Unbeeindruckt von dem anhaltenden Blutvergießen und heftigen Gefechten verspricht Syriens Regime der notleidenden Bevölkerung einen „großen nationalen Dialog“. In einer vom Staatsfernsehen übertragenen Rede vor dem Parlament kündigte Ministerpräsident Wael al Halki am Dienstag Friedensgespräche mit den weniger radikalen Oppositionsparteien an. Einen Termin für ein Treffen nannte er allerdings nicht. Für die meisten Regimegegner kommen Verhandlungen nicht infrage, solange Assad noch an der Macht ist.

          Al Halki war von Assad im August zum Regierungschef ernannt worden, nachdem sein Vorgänger Riad Hidschab zur Opposition übergelaufen war. In seiner Ansprache sagte der Ministerpräsident, in der vergangenen Woche habe es in Syrien zwei wichtige Konferenzen der Opposition gegeben. Dies sei die Vorbereitung für den Dialog gewesen, bei dem dann alle Parteien an einem Tisch sitzen würden.

          Draußen im Land gingen die Kämpfe unvermindert heftig weiter. Bis zum Mittag starben nach Aktivistenangaben mindestens 76 Menschen. Heftige Gefechte gab es vor allem im Großraum Damaskus, in der Handelsmetropole Aleppo und in Daraa.

          In den Flüchtlingslagern verschlechtert sich die Lage ebenfalls zusehends. Bei gewaltsamen Ausschreitungen im Lager Al-Saatari wurden fünf Angehörige der jordanischen Sicherheitskräfte verletzt. Nach Angaben der Sicherheitsbehörden hatten syrische Flüchtlinge aus Protest gegen die Lebensbedingungen im Camp mehrere Zelte und die Behelfsklinik angezündet.

          Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR hat sich die Zahl der syrischen Kriegsflüchtlinge in den Nachbarstaaten im vergangenen Vierteljahr mehr als verdreifacht. In Jordanien, der Türkei, im Libanon und im Irak würden inzwischen mehr als 311 000 Syrer versorgt - Ende Juni seien es rund 100 000 gewesen. Das UNHCR geht davon aus, dass bis Jahresende mindestens 710 000 syrische Flüchtlinge im Ausland auf Nothilfe angewiesen sein werden.

          Von einem in Syrien verschollenen amerikanische Journalisten gibt es ein Lebenszeichen. Im Internet tauchte ein Video auf, das ihn als Gefangenen einer Terrorgruppe zeigt. An der Herkunft des Films gibt es allerdings Zweifel. Austin Tice, der unter anderem für den Medienkonzern McClatchy aus Syrien berichtete, war vor sieben Wochen im Umland von Damaskus verschwunden.

          Syrischer Außenminister : „Ausland unterstützt Terror“

          Auf der internationalen Bühne kritisierte Syriens Außenminister Walid al Muallim die Diskussion über syrische Chemiewaffen und warf den Vereinigten Staaten vor, gegen die Regierung in Damaskus eine Kampagne wie zu Zeiten des Irak-Kriegs zu führen. In einem bereits am Montag ausgestrahlten Interview mit dem libanesischen Fernsehsender Al-Majadin sagte er, der Vorwurf eines Chemiewaffeneinsatzes gegen die eigene Bevölkerung sei Nonsens, die ganze Sache ein Hirngespinst.

          Zuvor hatte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sich besorgt über einen möglichen Einsatz chemischer Waffen in den Konfliktgebieten geäußert. Dies wäre ein abscheuliches Verbrechen mit entsetzlichen Folgen, warnte er in New York vor einem Treffen zum 15. Jahrestag der Chemiewaffenkonvention.

          Bei seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen hatte Muallim außerdem moniert, dass unter dem Vorwand der humanitären Intervention die Kriegstrommeln geschlagen würden. Einige Länder, die Kriege gegen Terror geführt hätten, unterstützten heute den Terrorismus in Syrien, sagte er. Konkret nannte er neben den Vereinigten Staaten und Frankreich vor allem Qatar, Saudi-Arabien, Libyen und die Türkei.

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