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Syrien-Krieg : Syrisches Regime verdient an Zehntausenden Verschleppten

Eine Syrerin hält ein Familienfoto in der Hand, auf dem ihr verschleppter Mann zu sehen ist. Bild: Mark Esplin/Amnesty International

Im syrischen Bürgerkrieg terrorisiert das Regime sein Volk nicht nur mit Fassbomben. Es werden auch gezielt Menschen entführt. Das Regime verdient daran, berichtet Amnesty International.

          Das syrische Regime hat in den vergangenen vier Jahren Zehntausende Menschen verschleppt. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 2011 hat das Syrische Netzwerk für Menschenrechte mindestens 65 000 verschwundene Menschen dokumentiert, davon 58 000 Zivilisten. Das teilte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International am Donnerstag in London mit.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          „Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Teil einer sorgfältig geplanten Kampagne, die im Land Terror verbreiten und jeden Anflug von Widerspruch im Keim ersticken soll“, heißt es in der Mitteilung der Organisation. Demnach werden Oppositionelle, aber auch Journalisten, Ärzte und humanitäre Helfer verschleppt.

          Die Entführten würden meist in überfüllten Zellen unter entsetzlichen Bedingungen festgehalten, heißt es in dem knapp 70 Seiten langen Bericht. Viele sterben demnach an den Folgen von Folter und Krankheit oder werden ohne Prozess hingerichtet.

          Ein Schwarzmarkt von Mittelsmännern

          Auf der Suche nach ihren Angehörigen zahlten verzweifelte Familien hohe Bestechungsgelder und verschuldeten sich dafür häufig. Es sei ein Schwarzmarkt von Mittelsmännern entstanden, die das Geld kassierten.

          Nicolette Boehland, die den Bericht für Amnesty International verfasst hat, sagte im Gespräch mit FAZ.NET, alle möglichen Menschen mit guten Kontakten zum Regime würden als Mittelsmänner fungieren: Örtliche Imame, Gefängniswärter oder Menschen, die selbst aus dem Gefängnis entlassen wurden. Hunderte seien allseits als Mittelsmänner bekannt, Tausende arbeiteten in diesem neuen Betätigungsfeld.

          Es sei Amnesty nicht gelungen, dem Regime eine direkte Beteiligung an diesem Bestechungsgeschäft nachzuweisen. Doch fast alle Familien der Zehntausenden Verschwundenen wendeten sich an solche Personen. Bei diesem gewaltigen Ausmaß sei es unmöglich, dass das Regime nicht Bescheid wisse. Es sei also entweder indirekt oder direkt beteiligt.

          Ein Anwalt aus Damaskus berichtete Amnesty, die Bestechungsgelder seien ein „Goldesel“ für die Regierung. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren seien die Entführungen gezielt genutzt worden, um Geld einzunehmen.

          150.000 Dollar Bestechungsgeld

          Boehland berichtet, dass Menschen teils Bestechungsgelder zahlten, um ihre Angehörigen zurückzubekommen, teils nur, um herauszufinden, ob sie noch am Leben sind oder in welcher Stadt sie gefangen gehalten werden.

          Sie nennt den Fall eines jungen Mannes, der mehreren Mittelsmänner insgesamt 150.000 Dollar zahlte. Boehland traf ihn in der Türkei, wo er hingezogen war, um seine Schulden abzuarbeiten. Seine Brüder hat er bis heute nicht wieder gesehen.

          Solche falschen Mittelsmänner seien häufig. Sie nutzten die Verzweiflung der Menschen aus, um sich zu bereichern, sagt Boehland. Das System der Entführungen ziehe immer größere Kreise. Inzwischen würden auch schon Menschen wegen persönlicher Streitigkeiten verschleppt.

          Folter und Vergewaltigung im Gefängnis

          Der Bericht listet viele Einzelfälle auf. Etwa den der Studentin Ranim Matuk. Sie wurde im Februar 2014 festgenommen und vier Monate lang festgehalten, zwei Monate lang wusste ihre Familie nicht, ob sie noch lebte. Ihr Vater, ein Menschenrechtsanwalt, ist bereits im Oktober 2012 verschwunden.

          Ranim Matuk wurde vom Regime verschleppt und gefoltert.

          Sie berichtet von Schlägen, tödlicher Folter und Vergewaltigung im Gefängnis, wo sie mit neun anderen Frauen in einer zweimal zwei Meter großen Zelle voller Insekten gefangen gewesen sei.

          „Unsere Zelle hatte ein kleines Fenster und wir konnten Leichen in den Fluren und in den Bädern liegen sehen“, berichtet sie. Es seien auch Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren unter den Toten gewesen.

          Der Architekturstudent Islam Dabbas, der friedliche Proteste organisiert hatte, wurde im Juli 2011 festgenommen. 2012 konnte seine Familie ihn besuchen. Seitdem antworteten die Behörden auf Anfragen, sie hätten den jungen Mann nicht mehr in Gewahrsam und wüssten nicht, wo er sei.

          „Internationale Gemeinschaft muss handeln“

          Amnesty International forderte die Vereinten Nationen auf, die Taten vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen und das syrische Regime mit Sanktionen unter Druck zu setzen.

          Eine wichtige Rolle könne Russland spielen, da Machthaber Baschar al-Assad von der Unterstützung des Kreml abhängig sei. „Wenn die internationale Gemeinschaft irgendeine Art von Glaubwürdigkeit behalten will“, sagt Boehland, „dann muss sie handeln.“

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