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Syrien-Konflikt : Saudi-Arabien fühlt sich vom Westen im Stich gelassen

Die syrische Flagge vor Damaskus Bild: AFP

Riad setzt auf den Sturz Assads und unterstützt salafistische Rebellengruppen – zugleich sorgt es sich um das Wohl der saudischen Kämpfer.

          3 Min.

          In seiner Rede auf der internationalen Syrien-Konferenz hatte Syriens Außenminister Walid al Muallim besonders scharfe Worte für Saudi-Arabien gefunden. Es seien die Söldner Riads und Qatars, die den Krieg nach Syrien gebracht hätten. Daraufhin drehte der saudische Außenminister Saud al Faisal den Spieß um und warf dem syrischen Regime vor, Söldner aus Iran und von der libanesischen Hizbullah einzusetzen. Die Syrer müssten ohne ausländische Einmischung über ihre Zukunft entscheiden können, forderte Saud al Faisal.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Dabei mischt Saudi-Arabien mit der Unterstützung der Rebellen selbst in Syrien mit. Von den westlichen Regierungen fühlt sich Riad dabei im Stich gelassen. „Wir haben unsere Politik nicht geändert, stehen in der Unterstützung des syrischen Volkes nun aber allein da“, sagt Abdullah Alaskar, der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses des Parlaments, des Madschlis al Schura. Die „roten Linien“ westlicher Regierungen, deren Überschreiten ernste Konsequenzen hätte nach sich ziehen sollen, seien zu „grünen Linien“ geworden.

          Extremistische Saudis auf bis zu 10.000 geschätzt

          Die saudische Regierung fährt in der Syrien-Politik zweigleisig. Für den Geheimdienstchef Bandar Bin Sultan, dem die Unterstützung der syrischen Rebellen obliegt, steht der Sturz des syrischen Machthabers Assad im Vordergrund, für Innenminister Muhammad Bin Nayef hat die Sicherheit im Königreich Vorrang. König Abdullah hat sich beide Ziele zu eigen gemacht; ohne weiteres sind sie heute nicht miteinander zu vereinbaren. Auch Saudi-Arabien hatte erwartet, dass der Aufstand gegen Assad rasch beendet sein werde. Geheimdienstchef Bandar äußerte noch 2011, der Konflikt werde keine sechs Wochen dauern. Die Saudis mischten sich früh ein, um für die Zeit nach Assad ein Wort mitreden zu können. Saudi-Arabien unterstützt vor allem zwei Rebellengruppen, die dem salafistischen Islam verbunden sind: die von Hassan Abboud geführte Brigade „Ahrar al Sham“ und „Dschaisch al Islam“, die von Zahran Allush geführt wird. Beide Gruppen bilden das Rückgrat der „Islamischen Front“. Zudem bildet Riad in Jordanien desertierte syrische Soldaten aus. Das Innenministerium ist andererseits über die 1500 saudischen Staatsbürger besorgt, von denen man weiß, dass sie in Syrien kämpfen. Allerdings liegt die Dunkelziffer der extremistischen Saudis, die in Syrien im „Islamischen Staat“, in „Dschabhat al Nusra“ oder in der „Islamischen Front“ kämpfen, bei 6000 bis 10.000.

          Drei Faktoren nähren die saudische Entschlossenheit, das syrische Regime zu stürzen: der Konflikt mit Iran, die persönliche Antipathie zwischen dem saudischen Königshaus und Assad sowie die engen persönlichen Beziehungen vieler Saudis zu Syrien. „Saudi-Arabien hatte immer ein Interesse daran, Syrien aus der iranischen Umarmung zu befreien und in das arabische Lager zurückzuholen“, sagt der Politikwissenschaftler Awadh al Badi. Die Saudis fürchteten eine „Pax iranica“ und eine Umzingelung durch Iran; man sei erbost darüber, dass Amerika sich so passiv verhalte: Saudi-Arabien sieht in Iran eine Bedrohung, und zwar unabhängig vom Atomkonflikt. Als sunnitische Führungsmacht stößt Saudi-Arabien in allen Konfliktzonen auf die schiitische Führungsmacht Iran. Dabei werfen die Saudis Teheran vor, sich in innere Angelegenheiten der arabischen Welt einzumischen: in Syrien und im Libanon, im Irak, in Bahrein und im Jemen. So soll Iran in Eritrea Ausbildungslager für die schiitischen Houthi-Rebellen im Jemen unterhalten. Auch in Syrien kämpft Iran mit allen Mitteln, denn sollte Assad stürzen, würde Iran seinen Einfluss in der arabischen Welt verlieren, sagt der Ausschussvorsitzende Alaskar.

          Saudi-Arabien wirft dem Westen Untätigkeit vor

          Daher spiele Iran auch die religiöse Karte. Insofern hat der Konflikt mit Iran zwei Seiten, eine politische und eine religiöse. Viele wahhabitische Muslime trauen den Schiiten nicht. In Syrien liefern sich Saudi-Arabien und Iran zwar keinen reinen Stellvertreterkrieg. Wären sie aber nicht beteiligt, hätte der Konflikt nicht dieses Ausmaß angenommen.

          Saudi-Arabien hatte zu Hafez al Assad, dem Vater Baschars, gute Beziehungen unterhalten. Die Beziehungen zwischen König Abdullah und Baschar sind aber denkbar schlecht, seit der den Monarchen 2006 einen „halben Mann“ genannt hat. Der König wolle auch deshalb Assads Sturz, weil er sich von dem hintergangen und belogen fühle, heißt es in Riad.

          Das Leiden der Syrer weckt großes Mitgefühl. Die familiären Verbindungen haben eine lange Geschichte; bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs stellten die Saudis jeden Sommer in Syrien die größte Gruppe Urlauber. Eng waren auch die Handelsbeziehungen. Selbst im Innern der Arabischen Halbinsel fühlen sich die Leute mit Syrien verbunden. „Man kann nicht das Leid sehen und nicht zornig werden“, sagt ein Intellektueller. Leider sei die Warnung von 2011 wahr geworden, dass „das Entfesseln der Tötungsmaschine schreckliche Folgen für Syrien“ haben werde.

          Saudi-Arabien wirft dem Westen Untätigkeit vor. Hätte die Staatengemeinschaft interveniert, so hätte Al Qaida auf syrischem Boden niemals einen „Islamischen Staat“ gründen können. Alaskar, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, hält ein militärisches Eingreifen in Syrien für eine moralische Pflicht. Sollte die Genfer Konferenz scheitern, das Blutvergießen weitergehen und sich Assad an der Macht halten, könnten die Vereinigten Staaten vielleicht ihre Haltung ändern und doch noch intervenieren, sagt Alaskar. Aber das ist eine traurige Hoffnung.

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