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Syrien : Keine kritische Masse

Riad Hidschab im Jahr 2008 Bild: AFP

Die Flucht seines Ministerpräsidenten bedeutet einen Schlag für Assad – mehr nicht. Dennoch haben sich bereits einige ranghohe Mitglieder des Regimes abgesetzt.

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          Ministerpräsident Riad Hidschab ist der ranghöchste Funktionär, der sich von Staatspräsident Baschar al Assad und dessen Regime abgewandt hat. Vor zehn Wochen war er zum Regierungschef berufen worden und hatte Adil Safar abgelöst. Unter diesem hatte der Agrarökonom Hidschab als Landwirtschaftsminister amtiert und binnen eines Jahres erfolgreich die Korruption in dem Ministerium bekämpft.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Davor war er in der Hafenstadt Lattakia Gouverneur gewesen. Aufgefallen war er, als er zu Beginn der Proteste gegen das Regime auf den Straßen das Gespräch mit den Demonstranten suchte. Die Opposition warf ihm dennoch vor, er habe nicht verhindert, dass die Demonstranten beschossen wurden – er habe gar den Befehl dazu gegeben.

          Assad hatte offenbar die Hoffnung, mit der Nominierung des energisch durchgreifenden Hidschab sowohl bei der perspektivlosen Jugend als auch bei der verarmten Landbevölkerung zu punkten. Von diesen beiden Gruppen ist der Aufstand gegen Assad ausgegangen. Offenbar hatte der Sunnit Hidschab aus der Stadt Deir al Zor am Euphrat aber eingesehen, dass er keinen politischen Einfluss auf die Entscheidungen des Alawiten Assad hat, und er hat daraus die Konsequenzen gezogen.

          Auch Tlass schon ein Jahr lang kaltgestellt

          Trotz des Überlaufens von Hidschab und anderen Vertretern des Regimes ist eine kritische Masse nicht erreicht, die das Regime zum Einsturz bringen könnte. Die Generäle, die Assads Armee den Rücken gekehrt und sich in die Türkei und nach Jordanien abgesetzt haben, sind nicht zur Niederschlagung des Aufstands eingesetzt worden. Auch Manaf Tlass, ein früherer Freund Assads und Kommandeur der Republikanischen Garden, war bereits ein Jahr kaltgestellt, als er sich vor einem Monat nach Paris absetzte. Wie Hidschab ist auch er Sunnit. Einige sehen in ihm jemanden, der das Land nach einem Sturz Assads übergangsweise führen könnte. Vor allem das sunnitische Bürgertum in Damaskus hat Sympathie für ihn. Doch die meisten Aufständischen dürften ihm seine engen Verbindung zum Regime nicht nachsehen.

          Darüber, wie viele im engeren Kreis der Macht wie Hidschab den Absprung planen, dies aber aufgrund der Kontrollmechanismen und der Angst um ihre Familie nicht wagen, kann nur gerätselt werden. Viele Offiziere haben sich erst dann ins Ausland abgesetzt, als sie ihre Familien in Sicherheit wussten. Oberst Hassan Hamadeh, ein sunnitischer Luftwaffenpilot, flog mit seiner MiG-21 nach Jordanien, und Syrien fordert seither erfolglos die Rückgabe des Kampfflugzeugs.

          Diplomaten im Ausland haben es einfacher. Als erster ranghoher Diplomat hatte sich der syrische Botschafter in Bagdad den Rebellen angeschlossen. Es folgten der Botschafter in Abu Dhabi sowie Diplomaten an anderen Botschaften, zuletzt in London. Auch die Tochter des syrischen UN-Botschafters in New York, Shehrezad Dschaafari, soll sich vom Regime abgewandt haben. In der ersten Phase des Aufstands hatte sie die Interviews der internationalen Presse mit Assad arrangiert. Jetzt will sie in den Vereinigten Staaten studieren.

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