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Angriffe auf Rebellen : IS-Terrormiliz profitiert von Russlands Luftschlägen

Russische Kampfflugzeuge vom Typ SU-27 sind auch am Himmel über Syrien aktiv. Bild: AP

Russland unterstützt mit seinen Luftangriffen die Feinde des syrischen Diktators Assad. Dessen Armee hat dadurch neuen Auftrieb erhalten. Nutznießer dieser Entwicklung sind jedoch die Dschihadisten vom „Islamischen Staat“.

          Zurzeit konzentrieren sich die Kämpfe auf das Umland von Aleppo“, berichtet General Asaad Nasif. Der Offizier, der 2012 aus der syrischen Armee desertierte und sich den Gegnern des Gewaltherrschers Baschar al Assad anschloss, gehört zu einer Brigade der Freien Syrischen Armee (FSA), die vor allem in den ländlichen Regionen nördlich der zerstörten Stadt eingesetzt ist.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Rebellen in Aleppo, die den östlichen Teil des seit Jahren umkämpften einstigen Wirtschaftszentrums kontrollieren, erwarten einen neuen Großangriff der Truppen Assads und seiner Unterstützer. Eine iranische Brigade, Hunderte Kämpfer der schiitischen Hizbullah aus dem Libanon und schiitische Milizionäre aus dem Irak sollen südlich der Stadt zusammengezogen worden sein, um die syrische Armee zu unterstützen.

          Die russische Luftwaffe hat nach Angaben mehrerer Rebellenkommandeure zuletzt heftige Angriffe auf die Assad-Gegner in Aleppo und Umgebung geflogen. Seit dem Beginn der russischen Luftangriffe in Syrien sind nach Angaben von Aktivisten mindestens 370 Menschen getötet worden. Die Mehrzahl von ihnen seien Rebellen gewesen, erklärte die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag.

          Moskau hat der ausgezehrten syrischen Armee mit seiner Luftunterstützung neue Zuversicht beschert. Beobachter in Damaskus sagen, es herrsche dort wieder größerer Optimismus. Das bedrängte Assad-Regime geht wieder in die Offensive. Bislang halten sich die Geländegewinne des Diktators in Grenzen. Den Aufständischen ist es gelungen, ersten Angriffen in den Provinzen Hama, Homs und Idlib standzuhalten. In Aleppo ist die Lage allerdings bedrohlicher.

          Zwar herrschen noch immer Zweifel, dass das Regime die Stadt wirklich einnehmen will, denn deren Besatzung würde zahlreiche Kräfte binden. Doch es könnte dort wichtige Nachschubwege der Rebellen kappen und einen symbolischen Sieg erringen. Die Rebellen in Aleppo werden nicht nur durch die russischen Luftangriffe und die Truppen des Regimes sowie seiner Unterstützer bedroht, die an mehreren Fronten vorrücken.

          Auch die Dschihadisten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) haben im Norden von Aleppo eine neue Offensive gestartet und vergangene Woche mehrere Dörfer eingenommen. Mehrere Kommandeure der FSA und auch Vertreter islamistischer Brigaden berichten übereinstimmend, dass der IS von den russischen Luftangriffen in der Region profitierte, denn diese hätten immer wieder Rebellengruppen getroffen, die den IS bekämpfen. Aus ihrer Sicht, so sagt nicht nur General Nasif, stellt Moskau nicht nur die Luftwaffe für das Regime, sondern de facto auch für die Dschihadisten.

          Auch Russland folgt dem altbekannten Muster

          Der russische Luftwaffeneinsatz scheint außerdem einen weiteren Nutzen für den IS zu haben: Offenbar hält dieser die Kampfflugzeuge der amerikanisch geführten Koalition fern - und somit davon ab, die vorrückenden Extremisten zu bombardieren.

          Dem Vernehmen nach kehren die amerikanischen Flugzeuge oft mit ihren Bomben zurück, weil es ihnen schwerfällt, geeignete Ziele zu finden. Eine IS-Offensive dürfte eigentlich ein gutes Angriffsziel abgeben. Doch offenbar scheuen Washington und seine Alliierten davor zurück, Zwischenfälle mit russischen Kampfflugzeugen zu riskieren, die dort die Gegner Assads und des IS ins Visier nehmen.

          „Von Luftangriffen auf den IS in der Region habe ich zuletzt nicht gehört“, sagt ein erzürnter Vertreter der Opposition. „Wir beknien gerade die türkische Regierung, uns dort aus der Luft zu unterstützen, weil von den Amerikanern nichts kommt“, sagt er.

          Westliche Diplomaten in der Region glauben zwar nicht an eine Zusammenarbeit zwischen den IS-Dschihadisten und dem russischen Militär, das vorgibt, diese zu bekämpfen. Doch weisen sie darauf hin, dass die russischen Luftschläge dem altbekannten Muster folgen, nach dem das Assad-Regime vorgeht: in erster Linie die nichtdschihadistischen Rebellen bekämpfen, um am Ende als einzig möglicher Partner im Kampf gegen den IS dazustehen.

          Dafür, dass das Assad-Regime dort, wo es ihm nützt, den IS gewähren lässt und Nichtangriffspakte mit den Dschihadisten schließt, gibt es im Zuge der jüngsten IS-Offensive im Umland von Aleppo neue Hinweise. So hatte der IS während des Vormarsches - das zeigen im Internet verbreitete Meldungen und Bilder - eine früher vom Zoll kontrollierte Zone zur Abfertigung importierter Waren nordöstlich von Aleppo unter seine Kontrolle gebracht. Wenige Tage später zogen sich die Dschihadisten von dort zurück, und wiederum kurze Zeit darauf feierten die Armee und die syrische Staatspresse die Rückeroberung. „So etwas ist an mehreren Orten passiert. Der IS rückt ab, die Armee rückt ein, ohne dass auch nur ein Schuss fällt“, sagt FSA-General Nasif.

          Erfolge gegen das Regime dank Panzerabwehrwaffen

          Die Rebellen in Aleppo wissen derzeit kaum noch, an welcher Front sie als Erstes kämpfen sollen. Zuletzt hatte sogar die Eröffnung einer weiteren Front innerhalb der Stadt gedroht. Kämpfer des syrischen PKK-Ablegers hätten Truppen und Milizionären des Regimes freies Geleit durch ein von ihnen kontrolliertes Viertel gewährt, sagt General Nasif. Doch habe man eine Konfrontation abwenden können. Die Kurden würden nach einer Übereinkunft solche Schritte künftig unterlassen.

          Trotz der zunehmenden Bedrohung zeigen sich FSA-Kommandeure und islamistische Brigaden kämpferisch. Es seien moderne Panzerabwehrwaffen in die Stadt gebracht worden, mit denen die Rebellen dem Regime an der zentralsyrischen Front heftige Verluste zugefügt hätten. „An die russischen Luftangriffe haben wir uns auch schon gewöhnt“, sagt Islam Alloush, Sprecher der Islamistenmiliz Dschaisch al-Islam, die östliche Vorstädte von Damaskus kontrolliert und in Aleppo, wie Islam Alloush sagt, „in der zweiten Reihe“ der Rebellenbrigaden steht. Er berichtet von zerstörten Armeepanzern und getöteten Soldaten. Doch er sagt auch: „In Aleppo steht der Sturm erst noch bevor.“

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