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Krieg in Syrien : Bewohner von Ost-Aleppo sollen ihre Stadt verlassen

  • Aktualisiert am

Syrische Soldaten bei ihrer Fahrt durch den Norden von Aleppo Bild: AFP

Erstmals seit zwei Wochen hat es keine Luftangriffe auf Aleppo gegeben. Die syrische Armee fordert die Bewohner des Ostteils der Stadt trotzdem zur Flucht auf. Einen Anschlag mit zahlreichen Toten gab es dagegen in einer anderen Stadt.

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          Bei einem Anschlag in der syrischen Stadt Atmah, an der Grenze zur Türkei, sind Aktivisten zufolge mindestens zwanzig Rebellenkämpfer getötet worden. Es gebe zudem mehr als 20 Verletzte, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag. Nach ersten Informationen habe sich ein Selbstmordattentäter am Grenzübergang in die Luft gesprengt.

          Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) übernahm daraufhin die Verantwortung für den Anschlag. Ein Attentäter habe sich mit einem Fahrzeuge in die Luft gesprengt, berichtete das IS-Sprachrohr Amak im Internet. Der Beobachtungsstelle zufolge kam es zu einer Explosion, als sich Kämpfer der Rebellengruppen an der Grenze versammelt hatten, um sich abzulösen.Atmah im Nordwesten Syriens steht unter Kontrolle von Regimegegnern. Der Grenzübergang ist für die Versorgung von Rebellengebieten im Nordwesten des Bürgerkriegslandes wichtig. Bereits im August waren bei einem Selbstmordanschlag in Atmah mehr als 30 Rebellen getötet worden. Auch damals übernahm der „Islamische Staat“ die Verantwortung.

          Sich dem „unausweichlichen Schicksal“ ergeben?

          Unterdessen hat die syrische Armee Rebellen und Bewohner von Ost-Aleppo zum Verlassen der Metropole aufgerufen. Alle, die bleiben, würden sich ihrem „unausweichlichen Schicksal“ ergeben, hieß es in einer Mitteilung der Armee vom späten Mittwochabend. Die Versorgungswege der Rebellen im Norden der Stadt seien abgeschnitten worden. Zudem habe das Militär Kenntnis über sämtliche Rebellenstellungen und Waffenlager in der Stadt. Dagegen hat sich die Lage in Aleppo nach mehr als zwei Wochen heftiger Bombardierung vorerst überraschend beruhigt. Die syrische und die russische Luftwaffe hätten ihre Angriffe vorerst eingestellt, am Morgen sei nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte Ruhe in der Stadt eingekehrt. Am Mittwoch hatte das syrische Militär bereits mitgeteilt, die Angriffe aus der Luft zu reduzieren.

          Die Regierungstruppen waren bei den Kämpfen zuvor in ein Rebellenviertel im Norden der Stadt vorgedrungen. Die syrische Armeeführung in Damaskus erklärte die Reduzierung der Luftschläge mit dem "Erfolg unserer Streitkräfte in Aleppo". Alle Versorgungsrouten in die Rebellenviertel im Osten der Stadt seien gekappt worden.

          Der Ankündigung, die Luftschläge zu reduzieren, war jedoch am Mittwoch ein Telefonat zwischen dem amerikanischen Außenminister John Kerry und seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow vorausgegangen. Noch am Montag hatte Amerika die Gespräche mit Russland über eine Feuerpause in Syrien für beendet erklärt. Das amerikanische Außenministerium warf den russischen Verbänden und syrischen Regierungstruppen vor, zuletzt verstärkt auch zivile Ziele angegriffen zu haben, darunter auch das größte Krankenhaus in Aleppo.

          Das Telefonat am Mittwoch bedeute jedoch kein schnelles Einlenken der amerikanischen Regierung, die bilateralen Gespräche über den Konflikt in Syrien blieben weiterhin ausgesetzt, betonte Kerrys Sprecher Mark Toner in Washington. "Worüber wir letztens gesprochen haben, war bilaterales Engagement hinsichtlich Syrien", sagte der Außenamtssprecher. "Dieses bleibt ausgesetzt, aber das schließt nicht aus, dass der Außenminister und Außenminister Lawrow miteinander sprechen."

          Russland kündigt weitere Atomabkommen

          In dem Gespräch mit Lawrow habe der amerikanische Außenminister Russlands Rolle im Konflikt in der Ostukraine kritisiert. Es wäre dennoch "unverantwortlich, wenn wir gar keine Gespräche mit Außenminister Lawrow und mit den Russen führten", betonte Toner. Das Außenministerium in Moskau bestätigte das Telefonat. Dabei sei es um Syrien, die Ukraine und Nordkorea gegangen.

          Mit Hinweis auf den Streit im Ukraine-Konflikt und die Sanktionen gegen Russland teilte die russische Regierung auf ihrer Internetseite mit, weitere Atomabkommen mit Amerika auszusetzen und zu kündigen. Eine 2013 geschlossene Vereinbarung über die Zusammenarbeit bei der Kern- und Energieforschung wurde demnach auf Eis gelegt. Eine gemeinsame Machbarkeitsstudie des Atomkonzerns Rosatom und des  amerikanischen Energieministeriums zum Umbau von russischen Atomkraftwerken wurde ganz gestrichen. Die immer wieder neu aufgelegten Sanktionen machten „die Einleitung von Gegenmaßnahmen„ notwendig, hieß es. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte bereits am Montag ein Abkommen mit Amerika zur Beseitigung waffenfähigen Plutoniums ausgesetzt.

          Der amerikanische Außenminister John Kerry (l) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow

          Kerry hatte zuvor mit Bezug auf den Syrien-Konflikt betont, dass die amerikanische Regierung weiterhin nach einer diplomatischen Lösung suche und dazu einen umfassenderen Dialog mit Verbündeten und den Nachbarstaaten Syriens führen wolle. Dabei solle auch Russland einbezogen werden. Außenamtssprecher Toners Angaben zufolge führte Kerry demnach auch Gespräche mit seinen Kollegen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, der Türkei und in Katar sowie mit Vertretern der EU.

          Auch Frankreich bemüht sich weiter um eine diplomatische Lösung des Konflikts. Außenminister Jean-Marc Ayrault reist am Donnerstag nach Moskau und am Freitag nach Washington, um für Unterstützung für den französischen
          Resolutionsentwurf im UN-Sicherheitsrat zu werben. Die Lage in Aleppo sei "schockierend und beschämend", sagte Ayrault. "Wir müssen dieses Massaker stoppen."

          Obama erwägt Sanktionen gegen syrische Armee

          Der Resolutionsentwurf sieht vor, dass die von den USA und Russland Anfang September ausgehandelte Feuerpause wieder aufgenommen wird, damit die eingeschlossene Bevölkerung mit humanitären Hilfen versorgt werden kann.
          Außerdem sollen alle syrischen und russischen Kampfflugzeuge am Boden bleiben.

          Amerikas Präsident Barack Obama erwägt derweil neue Sanktionen gegen syrische Armeeangehörige. Nach Angaben aus Regierungskreisen sollen diese auf Soldaten abzielen, die am Einsatz von Chemiewaffen beteiligt waren. Demnach will
          Washington nach der Vorlage eines weiteren Berichts durch die zuständige UN-Untersuchungskommission Strafmaßnahmen gegen die Verantwortlichen anstreben.

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