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Syrien : Festgefressene Fronten

  • -Aktualisiert am

Bis zu hunderttausend Rebellen kämpfen mittlerweile gegen die Einheiten des Machthabers Assad Bild: AFP

Dass gezielte Militärschläge in Syrien einen Umschwung bringen, wird von westlichen Fachleuten bezweifelt. Die syrische Opposition ist optimistischer: Die Machtbalance im Land werde sich ändern.

          So optimistisch wie Ahmad Assi Dscharba sind westliche Militärbeobachter nicht. „Der Luftschlag wird die Kriegsmaschinerie des Regimes zum Erliegen bringen und die Machtbalance verändern“, sagte der Vorsitzende der Syrischen Nationalen Koalition in der Nacht zum Freitag. Dem libanesischen Fernsehsender LBC sagte er außerdem: Nach dem wahrscheinlichen Einsatz chemischer Kampfstoffe östlich von Damaskus seien Kämpfer der Freien Syrischen Armee in Ghuta „von ihren Freunden und Verbündeten“ mit „modernen Waffen“ ausgestattet worden. Er, Dscharba, garantiere dafür, dass diese nicht in die Hände radikaler Islamisten gelangen.

          Vor allem im Norden und Osten des Landes, rund um die Städte Aleppo, Raqqa und Deir al Zor, sind dschihadistische Milizen wie die Al-Nusra-Front und der Islamische Staat im Irak und der Levante (Isis) die bestimmenden Kräfte. Nach Angaben von Beobachtern sollen sie mehr als ein Zehntel der bis zu hunderttausend Rebellenkämpfer stellen. Einheiten des syrischen Machthabers Baschar al Assad hätten in den an die Türkei und den Irak angrenzenden Gebieten weitgehend die Kontrolle verloren.

          Paramilitärische Verteidigungseinheiten und Geistermilizen

          Das Regime in Damaskus hat vor einigen Monaten paramilitärische sogenannte Nationale Verteidigungseinheiten aufgestellt, welche die Armee ebenso unterstützen wie die berüchtigten Geistermilizen (Schabiha). Außerdem kämpfen schiitische Milizen aus dem Irak und Kämpfer der libanesischen Schiitenmiliz Hizbullah an der Seite des Assad-Regimes, das auch vom iranischen Militär unterstützt wird.

          Damaskus wird anders als der Norden Syriens weiter vom Regime kontrolliert. Trotz der Ende Juli begonnenen Offensive der Aufständischen im Osten der Hauptstadt hielten Regierungseinheiten weiter zentrale Gebiete, sagen westliche Militärs in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Doch hätten die syrischen Streitkräfte seit dem mutmaßlichen Giftgasangriff in der vergangenen Woche strategisch wichtige Einrichtungen wie das Verteidigungsministerium und Kommandozentren verlegt.

          Geräumt wurden demnach auch Artilleriestellungen auf dem Kassijun-Berg, von denen möglicherweise die mit Giftgas bestückten Raketen auf das Umland der Hauptstadt abgeschossen worden waren. Die Gegenoffensive „Operation Stadtschild“ könne das Regime deshalb nicht wie geplant fortführen. Die syrische Armee schwäche sich durch die Räumung und Verlegung strategisch wichtiger Stellungen selbst.

          Militärpräsenz in der Nachbarschaft von Syrien

          Die Rebellen könnten davon kurzzeitig profitieren, fürchten libanesische Militärs, welche an Assads Machterhalt interessiert sind, weil sie Sorge haben, ein Sturz des syrischen Diktators würde die Region - und damit auch den Libanon - destabilisieren. Die Räumung strategischer Stellungen gebe den Aufständischen die Möglichkeit, weiter in die Hauptstadt einzudringen, heißt es in Beirut.

          Westliche Militärfachleute glauben nicht an eine dauerhafte Schwächung der Truppen des Regimes. Zwar seien Assads Einheiten nun „etwas verwundbarer als vorher“, einen Umschwung bringen würden gezielte Militärschläge aber nicht - selbst wenn Stellungen von Eliteeinheiten wie der von Assads Bruder Maher kommandierten Vierten Division oder Kontrollzentralen getroffen würden.

          „Ein Militärschlag zur Bestrafung von Führern enthält weder eine Strategie noch den Ansatz eines militärischen Ziels“, sagt etwa Christopher Harmer vom Institute for the Study of War in Washington. In den kommenden sechs bis zwölf Monaten werde es keiner Seite gelingen, einen militärischen Vorteil zu erringen, sagen andere Militärbeobachter. Allenfalls kleine Kräfteverschiebungen seien möglich, große Geländegewinne jedoch nicht. Und daran ändere auch die Rückeroberung der Stadt Al Qusair in der zentralsyrischen Provinz Homs nichts, welche die Propaganda des Assad-Regimes im Juni als bedeutende Wende dargestellt hat.

          „Wer das Zentrum des Landes kontrolliert, der kontrolliert Syrien“

          „Wer das Zentrum des Landes kontrolliert, der kontrolliert Syrien“, verkündete seinerzeit ein syrischer General. Mehr als ein Jahr lang hatte im strategisch wichtigen Grenzgebiet zum Libanon die bewaffnete Opposition die Oberhand - zur Beschaffung von Nachschub waren die direkten Rückzugsmöglichkeiten in die libanesische Bekaa-Ebene für die hier mehrheitlich sunnitischen Assad-Gegner bedeutend. Qusair war der erste Ort, an dem die Hizbullah, Irans Stellvertreterarmee im Libanon, in den Krieg in Syrien eingriff.

          An der Gemeinde vorbei verläuft die Verbindungsstraße von Damaskus über Homs zum Mittelmeer. In die alawitischen Orte an der Küste könnten sich Assad und seine Gefolgsleute zurückziehen, sollte es den Aufständischen gelingen, Damaskus einzunehmen. Aber auch für die Versorgung des umkämpften Wirtschaftszentrums Aleppo ist die Kontrolle der Hauptstraße, die an Qusair vorbeiführt, von zentraler Bedeutung. Westlich und südöstlich der Gemeinde gibt es allerdings weiter Möglichkeiten, den Nachschub aus dem Libanon zu sichern.

          Auch Assads Stammland, die noch lange nach Beginn des Aufstands ruhige und von seiner Bevölkerungsgruppe, den Alawiten, dominierte Mittelmeerküste rund um die Stadt Latakia, ist inzwischen umkämpft. Anfang August begannen lokale islamistische Gruppen eine Offensive auf Dörfer rund um die Hafenstadt; elf nahmen sie nach Angaben des Washingtoner Institute for the Study of War ein.

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