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Syrien : Ein letzter Weg in den Krieg

Durch den massiven Beschuss im Syrien-Krieg stehen viele Menschen vor dem Nichts Bild: obs

Die Reise nach Syrien führt über den Libanon. Dort trifft man viele syrische Flüchtlinge. Zumindest die, die es sich leisten können - die anderen, die alles verloren haben, hausen in der Bekaa-Ebene.

          Schon im vollbesetzten Flugzeug nach Beirut ist der syrische Dialekt allgegenwärtig. Wer aus der weiten Welt nach Damaskus will, muss die libanesische Hauptstadt anfliegen. Gerade einmal vier internationale Flüge werden am Flughafen der syrischen Hauptstadt pro Tag noch abgefertigt. Von dort durch die Vorstädte ins Damaszener Zentrum zu fahren wäre gefährlicher als die lange Reise aus dem Libanon. Viele der Syrer im Flugzeug werden den Libanon ohnehin so bald nicht mehr verlassen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Jeder fünfte Bewohner des kleinen Staates ist inzwischen ein Flüchtling aus dem Bürgerkriegsland im Osten und Norden. In Beirut überspielen die Menschen wie eh und je mit mediterraner Lässigkeit die Schwüle und die Scheußlichkeit der Zweckbauten, mit denen die Stadt die Berghänge hinaufwuchert. Autofahrer legen Wert darauf, ihren linken Arm aus dem Fenster baumeln zu lassen, Frauen verwandeln überfüllte Bürgersteige in Laufstege einer nie endenden Modenschau.

          Im schiitischen Viertel rund um den Flughafen künden Plakate von der schiitischen Dreifaltigkeit der Gegenwart: Allah, Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah und der syrische Präsident Baschar al Assad. In den christlichen Stadtteilen prägt dann nicht mehr die spröde schiitische Sittsamkeit, sondern die Sinnlichkeit der westlichen Werbewelt die Reklametafeln. Zwischen Pinien und Betonklötzen schlängelt sich die Straße die Berge hinauf. Schön wird es erst oben auf dem Kamm.

          Einige kaufen Häuser, andere meiden dieses Risiko

          In einem Dorf wie Broumane mit seinen engen Gassen, Sandsteinhäusern, Kirchen und Cafés blickt man entweder auf das am Meer liegende Beirut oder, auf der anderen Seite, in tiefe Bergschluchten. Hier hatten in der Geschichte die libanesischen Christen Zuflucht vor Verfolgung gefunden. Heute fallen die vielen Autos mit syrischen Nummernschildern auf. Viele Familien aus dem Nachbarland haben sich Wohnungen gemietet. Sie wollen bleiben, solange das Geld reicht. Jetzt sitzen sie auf den Terrassen der Cafés und Restaurants und lassen die Zeit verstreichen. Einige kaufen Häuser, andere meiden dieses Risiko.

          Vielleicht wird ja auch der Libanon in den Krieg hineingezogen. Die Golfaraber, die früher mit vollen Taschen hierher in die Sommerfrische kamen und sich in den mondänen Nachtklubs amüsierten, meiden den Libanon. In Broumane treffen sich gerade mehr als hundert Vertreter syrischer Nichtregierungsorganisationen: Ingenieure und Ärzte, Professoren und Selbständige. Manche haben sich aus ihren Wohnorten in dem vom Assad-Regime kontrollierten Territorium hierher durchgeschlagen. Einige wohnen in den sogenannten befreiten Gebieten. Andere leben längst in der Türkei.

          Reem Turkmani, eine syrische Astrophysikerin aus London und Gründerin der Organisation Madani („Zivil“), hat eingeladen, zusammen mit der London School of Economics und einer Denkfabrik aus Damaskus. Die Aktivisten eint, dass sie den Krieg ablehnen, dass sie nicht an Ideologien glauben und dass sie den „Politikern“ beider Seiten eine Lösung des Konflikts nicht mehr zutrauen. Daher arbeiten sie an der Basis für Verständigung, sie sprechen mit Vertretern des Regimes ebenso wie mit Rebellen.

          „In Syrien gibt es ja so viele fähige Technokraten“, sagt Reem Turkmani. Die Teilnehmer des Treffens sind besorgt. Aber sie genießen auf der Hotelterrasse auch die Sicherheit und lassen sich die Wasserpfeifen schmecken. Bevor die breite Straße in die Bekaa-Ebene hinabführt, überprüfen Soldaten der libanesischen Armee alle Fahrzeuge. Wenige Kilometer weiter werden die Autos an einem zweiten Kontrollpunkt durchgewunken. Breit liegt die Bekaa-Ebene da, bevor im Hintergrund wieder Berge aufragen, hinter denen Syrien liegt. Linkerhand, rund um den antiken Sonnentempel von Baalbek, erstreckt sich das Kernland der Hizbullah.

          In der Bekaa-Ebene hausen die meisten der syrischen Flüchtlinge - unter erbärmlichen Bedingungen, unterboten nur noch von den Lebensumständen in ihrer kriegsversehrten Heimat. Hier fragt niemand den anderen mehr nach seiner Religion, die Armut schweißt zusammen. Je mehr Geld ein syrischer Flüchtling hat, desto näher am Mittelmeer kann er sich niederlassen. In der Bekaa-Ebene bleiben die Ärmsten zurück.

          In Schtoura kaufen Syrer ein, was sie zu Hause nicht mehr finden: Lebensmittel, Kleidung, Elektrogeräte. Ein Händler hat sein Obst kunstvoll aufgeschichtet. Der Nachbar bietet Flaggen für jeden Geschmack: die syrische Nationalfahne, die Flagge der Hizbullah, sogar das Zeichen der dschihadistischen Al-Nusra-Front. Kurz bevor die Sonne hinter den Bergen versinkt, geht es hier zu wie auf einem großen Bazar. Schtoura ist für die Syrer die erste Stadt jenseits der Grenze.

          Trauben von Syrern drängen sich an der Grenze

          Die Straße führt bergan. Zur Linken, in Andschar, hatten sich 1915 Armenier niedergelassen, die dem Genozid der Osmanen entkommen konnten. Sie verwandelten ein Malariagebiet in eine blühende Plantage. Hier residierte von 1976 bis 2005 der syrische Statthalter, stets Chef des militärischen Geheimdiensts, um seine Befehle an die einbestellten libanesischen Politiker auszugeben. Rechts der Straße gründeten Sunniten die moderne Stadt Madschal Andschar. Sie überfielen im vorigen Winter, einem der kältesten seit Menschengedenken, die Heizölkonvois, die das Assad-Regime für die Bevölkerung von Damaskus organisiert hatte.

          Damals stand die syrische Hauptstadt unmittelbar vor dem Fall (befürchtete das Regime) oder der Befreiung (sagten die Rebellen). Jedenfalls war die Stadt belagert, und statt Kaminen rauchten die Trümmer. In jenen Monaten war die Passage der Strecke um Andschar gefährlich. Heute drängen sich Trauben von Syrern an der Grenze, sie alle sind mit Bussen angekommen. Wegen der Gefahr von Entführungen befährt kein Privatwagen mehr die großen Überlandstraßen. Die Busgesellschaften aber haben sich mit den Kriminellen irgendwie verständigt. Die Schlangen derer, die Syrien verlassen wollen, sind viel länger als die der Rückreisewilligen.

          Auch im Juni ist es kühl hier am Grenzübergang. Kaum auszudenken, wie die Bedingungen im Winter gewesen sein müssen, als hier Zehntausende wild kampierten. Die Grenzübergänge beider Länder sind Tag und Nacht geöffnet. Auf der syrischen Seite stehen die zwei Assads als Büsten: Baschar al Assad und sein Vater Hafez, von dem er 2000 das Präsidentenamt übernahm. Durch eine kahle Landschaft führt der Weg hinunter nach Damaskus. Es sind nur wenige Kilometer, aber sieben Straßenkontrollen lassen sie zu einer langen Reiseetappe werden. Wieder und wieder verengen mit Sand gefüllte Ölfässer die breite Fahrbahn. Einige Kontrollpunkte wirken provisorisch: ein paar Backsteine und ein Netz darüber, davor Sandsäcke. Andere sind ausgebaut.

          Die Straße von Beirut nach Damaskus ist die letzte Verbindung der syrischen Hauptstadt zur restlichen Welt. Fiele sie in die Hände der Rebellen, stürzte das Regime. Hell erleuchtet streckt sich die Millionenstadt in die Ebene. Autos sind nach Anbruch der Dunkelheit kaum mehr unterwegs. Wer Damaskus nicht verlassen hat, bleibt abends zu Hause. Nicht ein einziger Wohnblock an der Einfahrt nach Mezze, dem ersten Stadtteil, ist beschädigt, nahezu in allen Wohnungen brennt Licht. Die wenigen Autos halten an roten Ampeln, einmal blitzt eine Radaranlage. Nur in der Unterführung nahe der Nationalbibliothek ist zu erkennen, dass es hier einen Anschlag gegeben haben muss.

          Im Christenviertel schauen Bürgerwehren, bewaffnete Junge und Alte, in jeden Kofferraum und durchsuchen jeden Passanten. Ihr Akzent verrät, dass sie aus dem Viertel stammen. Die Gegend gilt daher als sicher, und in den Gassen pulsiert das Leben auch nachts. Die Jugend flaniert, aus einem Klub dröhnt laute Musik, in einem Hotel wird eine Party gefeiert. Im Hintergrund wummern Einschläge von Granaten. Ein Tanz auf dem Vulkan? Keiner versteht die Frage. Der Krieg war ja vor ein paar Wochen schon bis auf wenige hundert Meter herangerückt. Wieder ein Einschlag, und das geübte Ohr weiß: „Das ist drei Kilometer weg.“ Die Party geht weiter.

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