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Syrien : Ein letzter Weg in den Krieg

In Schtoura kaufen Syrer ein, was sie zu Hause nicht mehr finden: Lebensmittel, Kleidung, Elektrogeräte. Ein Händler hat sein Obst kunstvoll aufgeschichtet. Der Nachbar bietet Flaggen für jeden Geschmack: die syrische Nationalfahne, die Flagge der Hizbullah, sogar das Zeichen der dschihadistischen Al-Nusra-Front. Kurz bevor die Sonne hinter den Bergen versinkt, geht es hier zu wie auf einem großen Bazar. Schtoura ist für die Syrer die erste Stadt jenseits der Grenze.

Trauben von Syrern drängen sich an der Grenze

Die Straße führt bergan. Zur Linken, in Andschar, hatten sich 1915 Armenier niedergelassen, die dem Genozid der Osmanen entkommen konnten. Sie verwandelten ein Malariagebiet in eine blühende Plantage. Hier residierte von 1976 bis 2005 der syrische Statthalter, stets Chef des militärischen Geheimdiensts, um seine Befehle an die einbestellten libanesischen Politiker auszugeben. Rechts der Straße gründeten Sunniten die moderne Stadt Madschal Andschar. Sie überfielen im vorigen Winter, einem der kältesten seit Menschengedenken, die Heizölkonvois, die das Assad-Regime für die Bevölkerung von Damaskus organisiert hatte.

Damals stand die syrische Hauptstadt unmittelbar vor dem Fall (befürchtete das Regime) oder der Befreiung (sagten die Rebellen). Jedenfalls war die Stadt belagert, und statt Kaminen rauchten die Trümmer. In jenen Monaten war die Passage der Strecke um Andschar gefährlich. Heute drängen sich Trauben von Syrern an der Grenze, sie alle sind mit Bussen angekommen. Wegen der Gefahr von Entführungen befährt kein Privatwagen mehr die großen Überlandstraßen. Die Busgesellschaften aber haben sich mit den Kriminellen irgendwie verständigt. Die Schlangen derer, die Syrien verlassen wollen, sind viel länger als die der Rückreisewilligen.

Auch im Juni ist es kühl hier am Grenzübergang. Kaum auszudenken, wie die Bedingungen im Winter gewesen sein müssen, als hier Zehntausende wild kampierten. Die Grenzübergänge beider Länder sind Tag und Nacht geöffnet. Auf der syrischen Seite stehen die zwei Assads als Büsten: Baschar al Assad und sein Vater Hafez, von dem er 2000 das Präsidentenamt übernahm. Durch eine kahle Landschaft führt der Weg hinunter nach Damaskus. Es sind nur wenige Kilometer, aber sieben Straßenkontrollen lassen sie zu einer langen Reiseetappe werden. Wieder und wieder verengen mit Sand gefüllte Ölfässer die breite Fahrbahn. Einige Kontrollpunkte wirken provisorisch: ein paar Backsteine und ein Netz darüber, davor Sandsäcke. Andere sind ausgebaut.

Die Straße von Beirut nach Damaskus ist die letzte Verbindung der syrischen Hauptstadt zur restlichen Welt. Fiele sie in die Hände der Rebellen, stürzte das Regime. Hell erleuchtet streckt sich die Millionenstadt in die Ebene. Autos sind nach Anbruch der Dunkelheit kaum mehr unterwegs. Wer Damaskus nicht verlassen hat, bleibt abends zu Hause. Nicht ein einziger Wohnblock an der Einfahrt nach Mezze, dem ersten Stadtteil, ist beschädigt, nahezu in allen Wohnungen brennt Licht. Die wenigen Autos halten an roten Ampeln, einmal blitzt eine Radaranlage. Nur in der Unterführung nahe der Nationalbibliothek ist zu erkennen, dass es hier einen Anschlag gegeben haben muss.

Im Christenviertel schauen Bürgerwehren, bewaffnete Junge und Alte, in jeden Kofferraum und durchsuchen jeden Passanten. Ihr Akzent verrät, dass sie aus dem Viertel stammen. Die Gegend gilt daher als sicher, und in den Gassen pulsiert das Leben auch nachts. Die Jugend flaniert, aus einem Klub dröhnt laute Musik, in einem Hotel wird eine Party gefeiert. Im Hintergrund wummern Einschläge von Granaten. Ein Tanz auf dem Vulkan? Keiner versteht die Frage. Der Krieg war ja vor ein paar Wochen schon bis auf wenige hundert Meter herangerückt. Wieder ein Einschlag, und das geübte Ohr weiß: „Das ist drei Kilometer weg.“ Die Party geht weiter.

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