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Syrien : „Dschihadisten fallen nicht vom Himmel“

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Salam Kawakibi findet, dass sich seit den Genfer Beschlüssen die Lage für das Volk in Syrien nicht grundlegend geändert hat Bild: Markus Bickel

Der liberale Oppositionelle Salam Kawakibi ist empört über die Zurückhaltung des Westens im Syrien-Konflikt. Er fordert Waffenlieferungen, um eine Radikalisierung der Rebellen zu verhindern.

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          Salam Kawakibi ist wütend. Er habe 21 Anrufe von Journalisten erhalten, als unlängst im Internet Videoaufnahmen eines Rebellen auftauchten, der einem Soldaten Assads das Herz aus dem Leibe schnitt, sagt der syrische Oppositionelle. „Schreckliche Bilder, keine Frage, aber warum rief keiner von ihnen an, als in Hula, Baniyas und anderen Orten Massenmorde stattfanden?“, fragt der stellvertretende Direktor der in Paris ansässigen Arabischen Reforminitiative. Er verurteile die Gewalt auf allen Seiten, doch gebe es bislang keine Belege für Massaker Aufständischer an syrischen Alawiten - jener Volksgruppe also, der Machthaber Baschar al Assad angehört. Deshalb störe ihn die Fokussierung westlicher Berichterstatter auf die extremen Elemente der bewaffneten Opposition.

          Dass dschihadistische Gruppen in Syrien immer stärker geworden sind, bestreitet auch der Oppositionelle nicht, der bis 2006 in Aleppo das Institut Français du Proche Orient (Ifpo) leitete. Weil er nach dem Amtsantritt Assads im Sommer 2000 im Kawakibi-Forum in der nordsyrischen Handelsstadt Regimekritiker um sich geschart hatte, wurde er über Jahre fast täglich von Geheimdienstmitarbeitern verhört.

          Als er fürchtete, dass eine Festnahme unmittelbar bevorstehe, setzte Kawakibi sich vor acht Jahren nach Frankreich ab. Dort arbeitet er seitdem als Politikwissenschaftler; erst mit dem Ausbruch der Revolution im Frühjahr 2011 wurde er wieder zum Aktivisten. Seitdem ist er ständig auf Achse: Allein diesen Monat wirbt er in Paris, Doha, Amman und Berlin bei Vorträgen für die Anliegen der Opposition.

          Die hat es schwer - nicht zuletzt wegen interner Streitigkeiten. Kawakibis Kollegin Bassma Kodmani, Leiterin der Arabischen Reforminitiative, trat vergangenen Sommer als Sprecherin des Syrischen Nationalrats zurück. Weniger als ein Jahr war sie da im Amt gewesen. In Istanbul wollte die im vergangenen Jahr gegründete Nationale Koalition, die nun der wichtigste Zusammenschluss der Exilopposition ist, am Donnerstag einen Nachfolger für ihren nach nur vier Monaten zurückgetretenen Vorsitzenden Moaz al Khatib wählen. Die Organisation hat auch noch nicht über eine Teilnahme an der vom amerikanischen Außenminister John Kerry initiierten Syrien-Konferenz „Genf II“ entschieden, die Anfang Juni in der Schweiz stattfinden soll.

          Kawakibi hält wenig von dem Vorhaben. Ein Jahr nach Verabschiedung der sogenannten Genfer Beschlüsse hat sich aus seiner Sicht an der grundsätzlichen weltpolitischen Lage nichts geändert: Während Russland das Regime unterstütze, könne sich der Westen nicht dazu durchringen, der säkularen Opposition jenen Rückhalt zu geben, den sie brauche, um die sunnitischen Hardliner in die Schranken zu weisen. „Dschihadisten fallen nicht vom Himmel“, sagt Kawakibi, der über die religiöse Radikalisierung in seiner Heimatstadt Aleppo durch viele Kontakte ständig auf dem Laufenden ist. Seine Erklärung dafür ist einfach: „Wenn man Menschen alleinlässt, radikalisieren sie sich.“

          Kawakibi fürchtet Komplott

          Ihn erinnert das Abgleiten der syrischen Revolution in einen Krieg an die internationale Konstellation in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die spanischen Republikaner vergeblich um Unterstützung der europäischen Demokratien baten. „Selbst die sozialistische Regierung Léon Blums in Paris weigerte sich 1936, die Gegner Francos zu unterstützen“, sagt Kawakibi. „Stattdessen überließ sie Stalin das Feld - so wie Europa und Amerika heute Qatar und Saudi-Arabien freie Hand lassen, den dschihadistischen Kräften in Syrien den Rücken zu stärken.“

          In Frankreich steht Kawakibi mit dieser Analyse nicht allein: Auch der Politikwissenschaftler Jean-Pierre Filiu unterstützt die These, dass „die Nichtintervention der westlichen Demokratien“ in Syrien ähnlich fatale Wirkungen habe wie einst in Spanien, schrieb er im April in einem „Syrien ist unser Spanien-Krieg“ betitelten Artikel in der Zeitung „Le Monde“.

          Man merkt Kawakibi seine Verzweiflung an, wenn er sagt, dass er mit der „zynischen, klaren“ Position der russischen Regierung inzwischen besser leben könne als mit der Haltung Amerikas. Präsident Barack Obama bezeichnet er als „zögerlichsten Politiker der Welt“; auch die Rolle Frankreichs, das den moderaten Aufständischen zunächst Waffen in Aussicht stellte, ehe Staatschef François Hollande im März wieder einen Rückzieher machte, verurteilt er.

          Dem Vorwurf, die Opposition sei gespalten, begegnet er mit einem Vorwurf an die Adresse der Organisatoren der Syrien-Konferenz: Um ein Scheitern zu verhindern, zielte die amerikanische Regierung darauf ab, nicht die gesamte Nationale Koalition einzuladen, sondern einzelne Persönlichkeiten, die kein Veto gegen die Vorgaben der internationalen Gemeinschaft einlegten. Das sei „unlauter“, schließlich hätte die Gruppe der sogenannten Freunde Syriens die Nationale Koalition noch im vergangenen Dezember als „legitime Vertretung des syrischen Volkes“ anerkannt. Obama persönlich bezeichnete diese Entscheidung als „großen Schritt“.

          Für Kawakibi sind das leere Worte. „Die Massaker müssen aufhören“, sagt er, alles andere sei „Geplänkel, um die Unentschlossenheit des Westens zu vertuschen“. Auch gehe es bei der in Europa skeptisch beurteilten Forderung nach Waffenlieferungen an die Freie Syrische Armee nicht darum, Assads Armee auf dem Schlachtfeld zu besiegen, sondern darum, „den Status quo zu halten“.

          Denn nur wenn die Führung in Damaskus militärisch unter Druck stehe, sei sie zu Verhandlungen bereit. Das aber sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht der Fall, dafür sei die moderate Opposition viel zu schlecht ausgestattet. Insgeheim fürchtet er „ein Komplott, diese Gesellschaft zu zerstören, damit die Syrer den Westen eines Tages um Hilfe bitten“.

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