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Syrien : „Die Opposition braucht Unterstützung, damit der Aufstand weitergeht“

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„Die Lage wird von Tag zu Tag schlimmer“: Riad Hidschab in Berlin Bild: Matthias Lüdecke

Bevor sich der ehemalige syrische Ministerpräsident Riad Hidschab der Opposition anschloss, hoffte er auf Reformen. Nun erhebt er im F.A.Z.-Gespräch schwere Vorwürfe gegen das Regime und fordert den Westen auf, den Aufstand aktiv zu unterstützen.

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          Herr Hidschab, Sie waren Ende der vergangenen Woche in Paris und Berlin, haben den französischen und deutschen Außenminister getroffen. Was waren die Wünsche, die Sie an Frankreich und Deutschland gerichtet haben?

          Der Besuch diente nur einem Zweck: Die Gewalt in Syrien zu stoppen. Es ist nicht auszuhalten, was dort passiert, die humanitäre Lage ist katastrophal, sie wird von Tag zu Tag schlimmer. Es gibt großen Bedarf an Hilfe für die Syrer - egal auf welche Weise. So lange dieses Regime besteht, ist das ein riesiges Problem für die Syrer und die ganze Region. Es besteht die Gefahr, dass Syrien zu einer Brutstätte islamistischer Extremisten wird. Noch gibt es kein Dschihadistenproblem, aber je länger die Gewalt und das Leid der Bevölkerung dauert, desto größer wird die Gefahr.

          Wie kann man das Blutvergießen denn stoppen? Wodurch kann sich das Assad-Regime noch an der Macht halten?

          Es gibt keine klare Linie im UN-Sicherheitsrat, das Regime abzusetzen, weil Russland und China das verhindern. Assad erhält immense Hilfe aus Iran. Das Assad-Regime erfährt also viel Unterstützung - sei es durch Waffenlieferungen oder politische Rückendeckung. Also braucht auch die Opposition große Unterstützung, damit der Aufstand weitergeht. So lange der UN-Sicherheitsrat blockiert ist, muss man alles tun, um den Aufständischen in Syrien zu helfen. Das Volk wird siegen, wir wollen den Sieg so schnell wie möglich. Damit Syrien geeint bleibt, damit es nicht auseinanderfällt und die Gesellschaft sich nicht spaltet.

          Sie haben Iran erwähnt. Es ist von massiven Waffenlieferungen die Rede. Nach allem, was Sie wissen: Wie sieht die iranische Hilfe konkret aus?

          Iran nutzt alle Methoden, damit dieses Regime an der Macht bleibt. Das ist für Teheran von strategischem Interesse. Sie geben alles, was sie haben, um dieses Regime zu verteidigen. Syrien ist die erste Verteidigungslinie Irans. Iraner sind im Militär an führenden Positionen aktiv. Es gibt aber nicht nur militärische Hilfe, sondern auch logistische und wirtschaftliche Unterstützung.

          Es heißt, die oppositionelle Freie Syrische Armee soll unter anderem mit französischer Hilfe restrukturiert und neu organisiert werden. Es werden auch französische Waffenlieferungen erwogen.

          Priorität ist unter allen Beteiligten in Syrien, die Kräfte zu bündeln. Es ist wichtig, dass sich auch die Militärräte und lokalen Koordinierungskomitees der Aktivisten abstimmen. Hier ist schon einiges passiert. Manche Räte haben sich vereint und es wird noch einiges folgen.

          Und der Westen ist in diesen Prozess integriert?

          Wir wollen, dass alle Freunde Syriens uns in dieser Sache unterstützen.

          In welcher Rolle sehen Sie sich? Der Westen wünscht sich einen Ansprechpartner, wie es in Libyen Mustafa Abd al Dschalil war. Wollen Sie Teil einer Übergangsregierung sein?

          Nachdem ich im August aus Syrien geflohen bin, habe ich erklärt, dass ich keine Ambitionen mit Blick auf ein politisches Amt habe. Ich werde mich keiner Oppositionsgruppe anschließen. Ich bin, wie ich damals sagte, ein Soldat dieser Revolution. Ich bin bereit, mit allen Gruppen der Opposition zusammenzuarbeiten. Ich reiche allen die Hand zur Kooperation. Ich verstehe mich eher als Lobbyist für diese Sache.

          Es gab Berichte über Meinungsunterschiede innerhalb des Führungszirkels, etwa innerhalb der Regierung, in der Sie 2011 Landwirtschaftsminister waren. Es hieß, Assads Bruder Maher wollte eine Reformregierung, Baschar setzte hingegen eine Hardliner-Regierung ein. Stimmt das?

          Assad hat sich vor 18 Monaten entschieden - mit dem Beginn des Aufstands. Er will keine Verhandlungen, keine Versöhnung, das war von Anfang an klar. In der Regierung, die ich im Juni zusammengestellt habe, sollte es zum ersten Mal in der Geschichte Syriens ein Ministerium für nationale Versöhnung geben. Wir hatten uns auch öffentlich der nationalen Einheit verpflichtet, einem nationalen Dialog mit allen politischen Kräften. Wir wollten alle politischen Gefangenen freilassen und die Verantwortlichen für das Morden zur Rechenschaft ziehen, die Opfer entschädigen, Reformen ins Werk setzen. Aber Assad hat schon in der ersten Sitzung gesagt, wir seien eine Kriegsregierung. Und dann hat er auch Taten folgen lassen und das bestätigt. Ich entschied mich daher zur Flucht.

          Wie lief die ab?

          Ich hatte Hoffnung, dass es Reformen gibt. Als ich erkannte, dass es keine Hoffnung gab, habe ich mich zur Flucht entschlossen - mit meiner ganzen Familie, 45 Personen, etwa die Hälfte Kinder. Drei Tage hat sie gedauert. Über Freunde hatte ich Kontakt zur Freien Syrischen Armee aufgenommen. Was ich getan habe, haben vielen Leute vor. Es werden noch einige folgen.

          Das Gespräch führte Christoph Ehrhardt.

          Vom Ministerpräsidenten zum Anführer der Regimegegner?

          Es ist eine Episode aus seiner Zeit als Gouverneur von Latakia im Frühjahr 2011, die verdeutlicht, welche Gratwanderung Riad Hidschab vollbringen muss. Der 1966 geborene, dem Regime von der Fahne gegangene Regierungschef ging damals auf Demonstranten zu und fragte sie nach ihren Sorgen. Später kamen die Schergen des Assad-Regimes und lösten die Proteste blutig auf. Hidschab sei volksnah und reformorientiert, er sei nur machtlos gegenüber dem Sicherheitsapparat, sagten die einen. Andere Oppositionelle sagten, der aus der östlichen Provinz Deir al Zor stammende Sunnit habe die Demonstranten nur aushorchen wollen. In diesen Tagen ist von Aktivisten zu hören, Hidschab sei an im Westen betriebenen Aufbauarbeiten einer Übergangsregierung beteiligt. Dabei darf er nicht zu ambitioniert auftreten. Der promovierte Landwirtschaftsingenieur muss angesichts dieses Misstrauens seine Worte in der Öffentlichkeit sorgsam wägen, schließlich hatte er der Führung in Damaskus lange Zeit an führender Stelle gedient - wenn auch nicht im berüchtigten Militär oder Geheimdienst. Im April 2011 wurde Hidschab zum Landwirtschaftsminister befördert. Im Juni 2012 wurde er zum Ministerpräsidenten ernannt und von Machthaber Baschar al Assad als reformerischer Hoffnungsträger präsentiert. Nur zwei Monate später wandte sich Hidschab von Assad ab und floh nach Jordanien, wo er sich am 14. August in einer öffentlichen Erklärung der Opposition anschloss.

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