https://www.faz.net/-gq5-7hp7q

Syrien : Die Eigendynamik des Krieges

Bei den Rebellen verschiebt sich das Gewicht weiter zugunsten der Dschihadisten und salafistischen Hardliner. Seit einem Jahr ist jeder größere militärische Sieg auf ihr Konto gegangen. Der britische Militärfachdienst IHS Jane’s schätzt die Zahl aller oppositioneller Kämpfer auf 100.000; sie teilen sich auf etwa 1.000 Gruppen auf. Von ihnen sollen bis zu 12.000 (überwiegend nichtsyrische) Extremisten dem Islamischen Staat im Irak und in Syrien (Isil) oder der dschihadistischen Dschabhat al Nusra angehören; weitere 30.000 Kämpfer sind (überwiegend syrische) extremistische Salafisten.

Die Zahl der gemäßigten Islamisten, die den Zielen der Muslimbruderschaft verpflichtet sind, gibt die Studie mit 30.000 bis 40.000 an; bis zu 25.000 Kämpfer verfolgen säkulare Ziele. Hinzu kommen rund 10.000 kurdische Kämpfer. Die säkularen Kämpfer unterstehen dem prowestlichen Syrischen Militärrat mit Salim Idriss an der Spitze. Eine Studie der amerikanischen Forschungsorganisation Rand führt die Schwäche des Syrischen Militärrats auf die ausbleibenden Waffenlieferungen aus dem Westen zurück. Ohne Waffen, die von oben verteilt würden, seien keine vertikalen Kommandostrukturen entstanden und wendeten sich Kämpfer anderen Milizen zu.

Zum Syrischen Militärrat gehört vor allem die Freie Syrische Armee (FSA), lose verbunden sind auch einige Salafisten der Syrischen Islamischen Befreiungsfront (Silf), die indes an Bedeutung verliert. Demgegenüber vermeidet die radikale Syrische Islamische Front (Sif) jeden Kontakt zum Syrischen Militärrat. Ihre wichtigste Kampfgruppe, die Ahrar al Sham al Islamiya, arbeitet immer enger mit Dschabhat al Nusra und dem Islamischen Staat im Irak und in Syrien zusammen. Sie gilt als eine der am besten organisierten Kampfgruppen und unterhält sogar eine kleine Cyber-Armee.

Der Führer von Dschabhat al Nusra, der sich den Kampfnamen Muhammad Dschaulani gegeben hat, kommandiert seine Kämpfer von Muadhamiya aus, einem südlichen Vorort von Damaskus. Israel befürchtet, dass er mit seinem Kampfnamen (“der vom Golan“) signalisiert, erst Damaskus anzugreifen und später vom Golan aus Israel. In der Ghouta, unweit von Muadhamiya, hatte am 21. August das Giftgas Sarin mehr als 1.400 Menschen getötet. Viel weist darauf, dass das Verbrechen von der syrischen Armee begangen worden ist; andere Täter sind aber nicht auszuschließen. So hatte die türkische Staatsanwaltschaft in der vergangenen Woche Ermittlungen gegen fünf Syrer und einen türkischen Staatsbürger wegen des Verdachts eingeleitet, an der Herstellung von Sarin zu arbeiten.

In Bagdad meldete die irakische Regierung die Festnahme von fünf Kämpfern von Al Qaida, die in ihren Labors Sarin für Syrien hergestellt haben sollen, allerdings mit geringerer Qualität als das der syrischen Armee. Bereits im Mai hatte Carla del Ponte, die frühere Chefanklägerin des Internationalen Jugoslawien-Tribunals, gesagt, Giftgasangriffe würden in Syrien auch von Rebellen verübt. Selbst wenn sich Washington und Moskau, etwa auf einer Genf-II-Konferenz, politisch auf eine Befriedung Syriens verständigen sollten, wird es ihnen kaum gelingen, die lokalen Kriegsparteien und deren regionale Patrone in eine Beendigung des Blutvergießens einzubinden. Der Krieg hat längst eine Eigendynamik entwickelt, die kaum mehr zu stoppen ist.

Topmeldungen

Der britische Premierminister Boris Johnson

Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
„Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

„Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.