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Syrien : Das Schlachtfeld

Oper eines jahrhundertealten Religionskonflikts: Frauen und Kinder am Dienstag im syrischen Aleppo Bild: AFP

In Syrien entscheidet sich der Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten. Das Land ist zu einem Schlachtfeld geworden, wie Deutschland es im 17. Jahrhundert war.

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          In Genf sucht Lakhdar Brahimi im Auftrag der Vereinten Nationen zwischen den syrischen Konfliktparteien zu vermitteln. Doch zu seriösen Verhandlungen ist keine Seite bereit. Das Regime ist militärisch im Vorteil, die Opposition genießt die politische Unterstützung aller westlicher Staaten. Die Folge: Eine baldige Regelung ist nicht in Sicht.

          Syrien wird damit immer mehr zum Schlachtfeld des Nahen Ostens, wie es im 17. Jahrhundert Deutschland in Europa war. In Europa tobte damals ein Krieg zwischen der Katholischen Liga und der Protestantischen Union. Glaubensfragen beherrschten die Zeit; die Gewaltbereitschaft war extrem groß; Söldner aus vielen europäischen Ländern zogen mordend durch das Land. Strategische Interessen und Religion vermischten sich zu einem tödlichen Gebräu. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges waren viele Städte zerstört, das Land war verwüstet.

          Kampf um die Vorherrschaft

          Der Krieg in Syrien verläuft ähnlich. Längst ist der lokale Auslöser in den Hintergrund getreten: Das Regime des Präsidenten Baschar al Assad und die zunächst friedlichen Demonstranten sind nur noch vordergründig die wichtigsten Akteure. Auch globale Interessen befeuern den Krieg nicht länger: Die Vereinigten Staaten und Russland wollen den Krieg, der immer mehr Länder in den Abgrund zieht, beilegen.

          Entscheidend ist etwas anderes: der zerstörerische Kampf zwischen Saudi-Arabien und Iran um die Vorherrschaft in der Region. Beide Länder schicken Waffen und Söldner nach Syrien; der Krieg erhält so immer neuen Nachschub. Riad will Syrien in das „arabische Lager“ zurückholen, Teheran den Einsturz seiner Machtachse verhindern. Ein „Westfälischer Friede“ für Arabien liegt in weiter Ferne.

          Kämpfer der Freien Syrischen Armee am Mittwoch in Deir al Zor im Osten Syriens

          Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran ist ein ethnischer und ein religiöser. Die semitischen Araber und die indoeuropäischen Perser blicken zurück auf eine Geschichte von Kriegen und Demütigungen. Assyrische Heere aus Nimrud und Niniveh hatten Beutezüge in den Hochebenen Persiens geführt, bevor der Meder Cyaxares im siebten Jahrhundert vor Christus das glanzvolle Niniveh in Schutt und Asche legte. Babylon erhob sich gegen die persischen Achämeniden, dann erbaute deren Großkönig Darius seinen Palast in Persepolis mit Steinen aus Babylon.

          Entscheidende Schlacht in Kerbela

          Der Konflikt endete nicht, als die Araber die Perser islamisierten. Die Perser waren zunächst nur Muslime zweiter Klasse und begehrten gegen den Führungsanspruch der Araber auf. Dann setzte sich der Safawidenschah Ismail im Jahre 1501 mit der Einführung des schiitischen Islam als Staatsreligion Persiens von den überwiegend sunnitischen Arabern ab. Den sunnitischen und den schiitischen Islam trennen weniger theologische Lehren, sondern unvereinbare politische Konzepte. So hält der sunnitische Islam denjenigen für auserwählt, die muslimische Gemeinde zu führen, der sich in der Wirklichkeit durchsetzt und das Reich zusammenhält. Die Schia hingegen will die Führung dem anvertrauen, der als Nachkomme Mohammeds und dessen Schwiegersohns Ali deren „Licht“ trägt.

          Die Schlacht, die das Verhältnis der beiden bis heute bestimmt, wurde im Jahre 680 geschlagen. In Kerbela, in der Nähe Bagdads, standen sich zwei ungleiche Armeen gegenüber. Die Streitmacht des sunnitischen Omayyaden-Kalifen Yazid metzelte die kleine Schar um Hussein, Alis Sohn, nieder. Dessen Martyrium wurde die Geburtsstunde des schiitischen Islam. Bis heute beklagen die Schiiten, dass erst die unterlassene Hilfe für Hussein den Sieg der Macht über die Gerechtigkeit ermöglicht habe. Es ist kein Zufall, dass die meisten Sozialrevolutionäre in der islamischen Welt Schiiten waren. Die Sunniten hingegen stellen bestehende Ordnungen selten in Frage.

          Chance zur Wiedergutmachung

          Die iranische Revolution von 1979 bot die Chance, durch den Export der Revolution Husseins Martyrium wiedergutzumachen. Seit dem Sturz des irakischen Despoten Saddam Hussein, der ein arabisch-sunnitischer Muslim war, im Jahre 2003 und dem Aufstieg der irakischen Schiiten ist der Konflikt zwischen den Sunniten und Schiiten das zentrale Thema der islamischen Welt. Die Araber deuteten diesen Aufstieg der Schiiten im Irak als Sieg Irans; Saudi-Arabien, Heimat der beiden heiligen Stätten des Islam und einzig handlungsfähige sunnitisch-arabische Macht, war alarmiert – und ist es bis heute.

          Denn erstmals seit dem 12. Jahrhundert ist der schiitische Islam wieder auf dem Vormarsch. Damals hatte der Sunnit Saladin die schiitischen Fatimiden in Ägypten besiegt. Acht Jahrhunderte lang blieb die arabische Welt sunnitisch. Nun bricht der Damm: Entstanden ist ein „schiitischer Halbmond“ von Teheran über Bagdad und Damaskus, wo die alawitische Sekte der Schiiten die Herrscher stellt, bis zur Hizbullah im Libanon.

          Sollte Amerika mit Iran eine Übereinkunft erzielen, nähme die Furcht Saudi-Arabiens vor Iran weiter zu. Deswegen will Riad in Syrien den schiitischen Halbmond brechen. Und so wird sich der Religionskrieg zwischen Arabern und Persern, Sunniten und Schiiten auf dem Schlachtfeld Syrien entscheiden. Die Vereinten Nationen können den Konflikt nicht beenden. In Syrien zeichnet sich wie im Deutschland des 17. Jahrhunderts ein langer Krieg ab.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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