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Syrien : Das Massaker von Tremseh

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Auf einer Pressekonferenz in Damaskus bestätigte am Freitag der Oberkommandierende der UN-Beobachtermission Unsmis, General Robert Mood, den Einsatz syrischer Armeeeinheiten und von Hubschraubern über Tremseh. Nach Informationen der  F.A.Z. wurde ein Unsmis-Team am Donnerstag mehrfach daran gehindert, sich dem Ort zu nähern. Mit Verweis auf laufende militärische Operationen sei die Patrouille an Checkpoints westlich der Gemeinde von Kommandeuren der syrischen Armee abgewiesen worden. Während des acht Stunden dauernden Unsmis-Einsatzes seien 54 Explosionen dokumentiert worden, ein Militärhubschrauber vom Typ Mi 24 hätte Luft-Boden-Raketen abgefeuert. Rund um Tremseh seien mehrere Fahrzeuge mit bewaffneten Männern unterwegs gewesen. Bewohner Tremsehs hätten dieser Quelle zufolge bereits am Mittag in Anrufen an Unsmis-Beobachter von fünfzig Toten und 150 Verletzten berichtet.

Unterschiedliche Opferzahlen

Die Angaben über die Zahl der Opfer unterscheiden sich stark. Das Strategische Kommunikations- und Recherchezentrum (SRCC) der syrischen Regimegegner gab die Zahl der Toten in Tremseh am Freitag mit 250 an. Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach am Freitagnachmittag von mehr als 160 Opfern, darunter eine ganze Reihe von Kämpfern der Aufständischen. Es sei immer noch schwierig, genaue Zahlen der Opfern anzugeben, heißt es in der Mitteilung der Menschenrechtsorganisation, die die Namen von 40 Opfern identifiziert haben will. Dreißig Leichname sein völlig verbrannt aufgefunden worden, einige Opfer aus naher Distanz erschossen worden

Ein Aktivist namens Abu Ghazi aus Hama beschrieb „Now Lebanon“ per Skype-Gespräch, wie der Beschuss des Ortes am Donnerstag bereits um sechs Uhr morgens begonnen habe. Es sei nur zu kurzen Gefechten mit Kämpfern der Freien Syrischen Armee gekommen, weil diese in der Gemeinde nicht stark vertreten seien. Die Zahl der Toten sei deshalb so hoch, weil eine Moschee, in der Verletzte behandelt wurden, beschossen worden sei. Die Moschee sei zusammengestürzt und habe die Menschen unter sich begraben.

Ein anderer Ortsansässiger, der sich Ibrahim nannte, hingegen berichtete der Nachrichtenseite von „einem echten Straßenkrieg von mehreren Stunden“; nach dem Ende des Granatbeschusses hätten mit Messern ausgestattete Schabiha-Milizen und leicht bewaffnete Soldaten „ganze Familien umgebracht“. Die Eindringlinge seien aus den umliegenden Gemeinden gekommen, die mehrheitlich von Alawiten bewohnt werden. Das nahe Qubeir gelegene Tremseh hingegen ist mehrheitlich sunnitisch. Bereits am 6. Juli sollen laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in Qubeir 55 Menschen getötet worden sein.

In der Darstellung der syrischen Regimegegner wiederholte sich in Tremseh ein Muster, das auch schon ihre Darstellung des Massakers in Hula nahe Homs Ende Mai prägte: 108 Menschen waren dort laut Opposition getötet worden, nachdem syrische Truppen die Stadt angegriffen hatten, zunächst durch Artilleriebeschuss, dann durch Eindringen in den Ort. Auch in Tremseh hätten am Donnerstag nach Granatangriffen Armeefahrzeuge das Dorf umzingelt, berichtete der Aktivist Ibrahim: „Jeder, der durch die Felder fliehen wollte, wurde erschossen“, zitierte ihn „Now Lebanon“.

In seinem jüngsten Bericht an den Sicherheitsrat schreibt UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, dass Mitarbeiter der UN-Mission Unsmis in Hula 100 Leichname in Augenschein nehmen konnten, von denen manche durch Artilleriebeschuss ums Leben gekommen, andere durch Pistolenbeschuss, wieder andere durch Kopfschüsse getötet worden seien. Ende Mai hatte der Sprecher des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Rupert Colville, in Genf gesagt, „der Großteil der Opfer“ in Hula sei in „Sammelhinrichtungen“ getötet worden. Ein Bericht der F.A.Z., der unter Berufung auf namentlich nicht genannte Oppositionelle aus der Region die Version eines von Schabiha-Milizionären unter dem Schutz staatlicher Einheiten verübten Massakers in Zweifel zog, war von Menschenrechtsorganisationen kritisiert worden.

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