https://www.faz.net/-gq5-6yeco

Syrien : Berichte über Kämpfe und Massaker im ganzen Land

  • Aktualisiert am

Ein Youtube-Video zeigt die Beerdigung eines Oppositionellen in Idlib Bild: AFP

Syrien versinkt immer tiefer in Gewalt und Chaos: Nach einem Bericht von Menschenrechtlern verlegt Syrien an seinen Grenzen Landminen. Der oppositionelle Syrische Nationalrat fordert angesichts der Gewalt eine Militärintervention. Präsident Assad setzt Parlamentswahlen für Anfang Mai an.

          3 Min.

          Aus ganz Syrien sind am Dienstag Kämpfe und Massaker gemeldet worden. In der nordwestlichen Stadt Idlib entdeckten Anwohner nach Oppositionsangaben etwa 50 Leichen in einer Moschee. Bei einem Angriff von Deserteuren auf einen Kontrollpunkt in der Region wurden zehn Soldaten getötet. Weitere zwölf Armeeangehörige starben bei einem Überfall in der südlichen Stadt Deraa. Aus der östlichen Stadt Deir al-Sor und der Millionenstadt Homs wurden weitere Kämpfe gemeldet.

          Inmitten der anhaltenden Gewalt setzte die syrische Führung Parlamentswahlen für den 7. Mai an. Eine neue Verfassung, die mehr Pluralismus vorsieht, war in einem Referendum im Februar angenommen worden. Die Opposition gegen Assad erkennt die neue Verfassung aber nicht an und besteht auf einem Machtverzicht des Staatschefs.

          Der Sondergesandte Kofi Annan erhöhte den Druck auf die syrische Führung: Er erwarte noch im Tagesverlauf eine Antwort von Präsident Baschar al Assad auf seine jüngsten Vorschläge für ein Ende der Gewalt. Die Vereinigten Staaten und Russland stritten derweil über das weitere Vorgehen gegen Assad. An der Moschee in Idlib gerieten Anwohner unter Beschuss, als sie unter den Leichen im Gebetshaus nach vermissten Angehörigen suchen wollten, wie Augenzeugen berichteten. „Insgesamt wurden 45 Menschen massakriert“, sagte ein Anwohner. Ein anderer sprach von über 50 Leichen in der Moschee Al-Bilal.

          Der oppositionelle Syrische Nationalrat forderte nach den jüngsten Berichten über Massaker an Zivilisten durch Assad-treue Milizen eine Militärintervention. „Wir fordern ein militärisches Eingreifen der arabischen Staaten und der internationalen Staatengemeinschaft“, hieß es in einer Erklärung. Der Nationalrat appellierte abermals an die Arabische Liga und an den Westen, eine Flugverbotszone über dem gesamten Staatsgebiet und Schutzzonen für Zivilisten einzurichten. Die „Tötungs- und Zerstörungsmaschinerie“ müsse ausgeschaltet werden.

          Zudem erneuerte der Rat die Forderung, die oppositionelle „Freie Syrische Armee“ zu bewaffnen. Die Assad-Truppen töteten Kinder und junge Mädchen; da sei es falsch, sich alleine auf einen diplomatischen Prozess zu verlassen, der bislang keine konkreten Ergebnisse gebracht habe, sagte Bassam Ishak, ein Mitglied des Nationalrats, dem Sender Al Arabija. Die Truppen Assads hatten nach unbestätigten Berichten der Opposition in der Nacht zum Montag in der Widerstandshochburg Homs 57 Zivilisten massakriert, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Von dort hatte es zuletzt auch Berichte über Massenexekutionen gegeben.

          Am 7. Mai sollen die Syrer ein neues Parlament wählen

          Im nahe gelegenen Dorf Maarat Schurin wurden nach Angaben von Aktivisten sechs weitere Leichen gefunden. Die an die Türkei grenzende Provinz Idlib ist eines der Zentren der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und der leicht bewaffneten Freien Syrischen Armee, die überwiegend aus Deserteuren besteht. An der Grenze zum Libanon und der Türkei verlegt die syrische Armee nach Angaben der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch unterdessen Minen, um Regierungskritiker an der Flucht ins Ausland zu hindern.

          Die Berichte von Menschenrechtsaktivisten und Opposition können kaum überprüft werden, weil eine unabhängige Berichterstattung aus dem arabischen Land äußerst schwierig ist. Die Regierung von Assad geht seit einem Jahr mit großer Härte gegen einen Volksaufstand vor, wobei die Auseinandersetzungen immer mehr den Charakter eines Bürgerkriegs annehmen. Nach jüngsten Angaben der Vereinten Nationen wurden seit März 2011 mehr als 8000 Menschen getötet, darunter viele Frauen und Kinder. Die syrische Regierung spricht von über 2000 getöteten Soldaten und Polizisten, die Opfer „bewaffneter Terrorgruppen“ geworden seien. Die Unruhen seien das Ergebnis ausländischer Einmischung.

          Annan mit dem Vorsitzenden des oppositionellen syrischen Nationalrats, Burhan Ghaliun

          Der frühere UN-Generalsekretär Annan beriet mit Vertretern des oppositionellen Syrischen Nationalrats (SNC) in Ankara über ein Ende des Konflikts. Er erwarte noch am Dienstag eine Antwort der syrischen Regierung auf seine Vorschläge zur Beilegung der Krise. Annan ist im Auftrag von UN und Arabischer Liga in der Region unterwegs. Zum Inhalt seiner Vorschläge äußerte er sich nicht. SNC-Chef Burhan Ghaliun sagte nach dem Treffen mit Annan, Ziel sei eines politische und diplomatische Lösung. Anderenfalls würden ausländische Regierung ihr Versprechen erfüllen und den Rebellen Waffen liefern. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan kündigte für den 2. April ein weiteres Treffen der „Freunde Syriens“ an, zu denen zahlreiche arabische und westliche Staaten zählen.

          Nach der Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats wurden noch einmal die Differenzen zwischen den Vetomächten deutlich: Der russische Außenminister Sergej Lawrow wies Äußerungen seiner amerikanischen Kollegin Hillary Clinton zurück, wonach zunächst die Armee die Angriffe stoppen müsse. Ein Ende der Gewalt könne nur erreicht werden, wenn beide Seiten gleichzeitig die Waffen niederlegten, betonte Lawrow. 

          Topmeldungen

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Trump will G7 zu G11 erweitern : Eine neue Allianz gegen China?

          Russland reagiert zurückhaltend auf Trumps Vorstoß, die G7 zu erweitern. Australien, Indien und Südkorea zeigen sich offener – ohne Amerika wären sie Vasallenstaaten Chinas, warnt ein früherer Außenminister.
          Kerzen und Stofftiere vor der Kita „Am Steinkreis“ in Viersen: Hier starb am 21. April eine Dreijährige.

          Totes Kita-Kind in Viersen : Reihenweise Alarmsignale

          In einer Kita in Viersen soll eine Erzieherin die kleine Greta ermordet haben. Ihr Lebenslauf enthält zahlreiche Alarmsignale. Es war offenbar nicht der erster Übergriff der 25-Jährigen auf ein Kita-Kind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.