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Syrien : Assad und seine Dschihadisten

Baschar al Assad Bild: dpa

Baschar al Assad hat lange Terroristen unterstützt. Einig waren sich sein Regime und die Dschihadisten in der Unterstützung des Widerstands gegen die amerikanischen Truppen im Irak. Doch nun schlagen die Terroristen zurück.

          3 Min.

          Einen Sturm der Entrüstung hat der syrische Dichter Adonis ausgelöst, als er aus dem Pariser Exil den Demonstranten in seinem Heimatland unterstellt hat, sie seien religiöse Eiferer, da sie ihre Proteste von Moscheen aus starteten. Nicht, dass der bekannteste lebende arabische Lyriker Sympathien für Staatspräsident Baschar al Assad und dessen Regime hätte. Im vergangenen Sommer hatte er Assad sogar zum Rücktritt aufgefordert. Aber Religion ist dem säkularen pansyrischen Nationalisten ebenso fern wie Assads Baath-Regime.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Syrische Intellektuelle widersprachen Adonis umgehend. Solle man sich denn in einem Opernhaus versammeln, fragte der Romancier Khaled Khalifa ungehalten. In Syrien seien die Moscheen bekanntermaßen die einzigen Orte, an denen mehr als 50 Personen zusammenkommen könnten. Der Journalist Iyad Issa ging Adonis noch heftiger an. Dieser sei nur deswegen nicht für die Revolution, weil er wohl glaube, dass diese in einem Ballsaal zu beginnen habe und durch eines seiner elitären Gedichte, die nur er verstehe, inspiriert sein müsse. Das aber, sagte Issa stolz, sei eine Revolution des Volkes.

          „Bewaffnete Terrorbanden“

          Dem Damaszener Regime hat Adonis mit seiner Aussage hingegen eine Vorlage gegeben. Denn dieses wiederholt unablässig, es gebe keine friedlichen Proteste, sondern nur „bewaffnete Terrorbanden“, unter die sich Al Qaida gemischt habe. Flankenschutz bekam das Regime Mitte Februar von dem amerikanischen Geheimdienstchef James Clapper.

          Er sprach bei einer Anhörung im Kongress von dem „beunruhigenden Phänomen“, dass Al Qaida ihren Einfluss nach Syrien ausbreite. Die Anschläge dort trügen die Handschrift der Organisation. Sollte das so sein, trüge das Damaszener Regime eine Mitverantwortung.

          Signal an die Staatengemeinschaft

          Wichtiger als eine Videobotschaft des aktuellen Führers von Al Qaida, Ayman al Zawahiri, in der er für sein Terrornetz eine Rolle im syrischen Aufstand beansprucht hat, war dabei wohl im Februar die Freilassung Abu Musab al Suris durch die syrische Justiz, eines der wichtigsten und erfahrensten Ideologen des Dschihad. Seine Freilassung hatte viele Fragen aufgeworfen. Sie sollte offenbar ein Signal Syriens an die Staatengemeinschaft sein, dass islamistischen Terror ernte, wer den Sturz Assads betreibe.

          Der 1955 in Aleppo geborene al Suri hatte in Afghanistan mit der Leitung von Ausbildungslagern Fronterfahrung gesammelt. Berühmt wurde er aber durch seine umfangreiche Schrift mit dem Titel „Einladung zum islamischen Widerstand“. Sie wurde zum Handbuch jedes Dschihadisten. In der Schrift entwickelt er die Theorie des individuellen Dschihad, der sich - anders als es Bin Ladin gelehrt hat - nicht mehr in eine Organisation einfügt, sondern sich dem System anpasst, das es zu stürzen gilt. Dass nach der Freilassung Suri die Anschläge mit „der Handschrift von Al Qaida“ zugenommen haben, kann kein Zufall sein. Zudem hat sich Ende Januar eine „Front zum Schutz des Volks der Levante“, die zum Umfeld von Al Qaida gehört, großer Anschläge in Syrien bezichtigt.

          Heute fließen die Waffen zurück

          Assad geht dabei ein riskantes Spiel ein. Einig waren sich sein Regime und die Dschihadisten zwar in der Unterstützung des Widerstands gegen die amerikanischen Truppen im Irak. Heute aber, so berichtete die „New York Times“, flössen die Waffen, die einst aus Syrien an Al Qaida in den Irak geschmuggelt worden sind, nach Syrien zurück. Dass die Grenzen zwischen dem Regime Assad und den Dschihadisten von Al Qaida fließend sind, hatte sich zuvor bei der Terrorgruppe Fatah al Islam im Palästinenserlager Nahr al Bared nahe Tripolis gezeigt. Der palästinensische Dschihadist Shaker Abssi, der 1976 in Libyen für Anschläge ausgebildet worden war, hat die Terrorgruppe 2005 gegründet, nachdem er aus einer dreijährigen syrischen Haft entlassen worden war.

          Ihren Kern bildeten offenbar ehemalige Mitglieder der Terrorgruppe „Fatah al Intifada“, die 1983 mit Hilfe des syrischen Geheimdiensts zur Eindämmung des Einflusses von PLO-Chef Yassir Arafat gebildet worden war. Abssi dementierte zwar bis zu seiner Tötung 2007 stets, Teil von Al Qaida zu sein. Er gestand aber, deren Ideologie des Dschihad zur Bekämpfung des Westens übernommen zu haben. Nach seiner Freilassung im Jahr 2005 hatte er mit dem radikalen Palästinenser Abu Khaled zusammengearbeitet, der mutmaßlich in Damaskus im Flüchtlingslager Yarmuk im Auftrag des syrischen Geheimdienstes Palästinenser und andere Araber ausgebildet hat. Die syrischen Geheimdienste sollen viele von ihnen aber nicht in den Irak geschleust haben, was sie wollten, sondern in das Lager Nahr al Bared, um im Libanon Unruhe zu stiften.

          Nicht abwegig ist heute die Annahme, dass Dschihadisten aus dem Umfeld von Al Qaida, ob mit oder ohne Zutun der syrischen Geheimdienste, die syrische Opposition infiltriert haben. Dafür spricht auch, dass der operative Chef der Freien Syrischen Armee, General Mustafa al Scheich, gegenüber der panarabischen Zeitung „al Sharq al Awsat“ eingestanden hat, dass nur drei Viertel aller lokalen Militärräte der Deserteure in die Befehlshierarchie seines „Hohen Militärrats“ integriert seien.

          Dieser Hohe Militärrat plant innerhalb der Freien Syrischen Armee das militärische Vorgehen und ist für dieses verantwortlich. Dass ein Teil der Kämpfer sich niemandem unterordnet, ist ganz im Sinne des Terrortheoretikers al Suri, der einen individuellen Dschihad predigt und dem das Damaszener Regime die Chance gegeben hat, das zur Diskreditierung der Opposition auch zu praktizieren.

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