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Syrien : Alltag in Trümmern

Mehr als 40 Prozent vom Homs sind zerstört, noch immer müssen die Menschen geduckt laufen, um möglichen Scharfschützen kein Ziel zu bieten Bild: REUTERS

Vor drei Jahren endete im syrischen Homs das normale Leben, und noch immer wird die Altstadt von der Armee belagert. Ein Jesuitenpater setzt sich dafür ein, den Menschen wenigstens ein bisschen Alltag zu geben.

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          Pater Ziad lebt nicht mehr in seinem Konvent in der umkämpften Altstadt von Homs. Er hat sich aber nur 900 Meter entfernt in der Erlöserkirche niedergelassen. Von dort koordiniert er die Aktivitäten des „Flüchtlingsdienstes der Jesuiten“ in der vom Krieg gezeichneten syrischen Stadt. Die Beschäftigten des Hilfswerks arbeiten ehrenamtlich oder für einen geringen Lohn. Sie verteilen Nahrungsmittel, Medikamente, Kleidung und vieles mehr an Bedürftige. Vor allem bieten sie Jugendlichen und Erwachsenen Beschäftigung. „Die elf Sozialzentren, die wir in neun Kirchengemeinden eingerichtet haben, sind Zentren der Versöhnung“, sagt Pater Ziad Hilal, der Homs immer wieder für kurze Zeit verlässt, um in Europa Hilfe zu suchen.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Vor drei Jahren endete in Homs das normale Leben. Seither wurden mehr als 40 Prozent der Stadt zerstört. Noch immer wird die Altstadt, in der mutmaßlich tausend bis zweitausend bewaffnete Oppositionelle und Zivilisten ausharren, von der Armee belagert. In den anderen Teilen von Homs arrangieren sich die Menschen mit dem Bürgerkrieg. Jeder zweite Einwohner der Stadt lebt nicht mehr im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung. Die einen fanden in Homs selbst Zuflucht, andere flohen zu Verwandten oder Freunden in sicheren Gegenden.

          Jeder zweite Christ hat Homs verlassen

          Dreitausend Kinder und Jugendliche aus allen Religionsgemeinschaften nehmen in Homs die Angebote der Jesuiten wahr. Sie spielen Theater, sie tanzen, sehen Kinofilme, machen Sport. Wo es keinen Schulunterricht mehr geben kann, wird Unterricht organisiert. „So leben sie gemeinsam, und wir leisten einen Beitrag dazu, das gesellschaftliche Gewebe in Homs trotz des Krieges neu zu flechten“, sagt Pater Ziad. Er kritisiert, dass westliche Medien zu stark über Konflikte zwischen Christen und Muslimen berichteten und trotz aller Grausamkeiten zwischen den Konfliktgruppen nicht auch über die noch immer verbreitete christlich-muslimische Solidarität. Seine Zentren bieten jungen Menschen Gelegenheiten, einen Beruf zu erlernen. „Damit versuchen wir, ihnen einen Ausweg aus den Kriegsereignissen zu zeigen“, sagt Pater Ziad. Erwachsene, die ihre Arbeit verloren haben, werden gegen eine geringe Bezahlung, die einen kleinen Verdienst abwirft, bei der Beschaffung und Verteilung von Lebensmitteln eingesetzt. Sie ermitteln die Bedürftigen und stellen deren Bedarf fest.

          Pater Ziad Hilal
          Pater Ziad Hilal : Bild: ddp images/20 MINUTES/SIPA

          In Aleppo teilt der Flüchtlingsdienst der Jesuiten jeden Tag 15.000 warme Mahlzeiten aus und versorgt zudem 9000 Familien mit Lebensmitteln. Auch in Damaskus versorgt er an drei Gemeindezentren viele Tausend Familien. Pater Ziad hält mit seinem Vorgesetzten, dem niederländischen Jesuitenpater Frans van der Lugt, nur über Telefon Kontakt, obwohl sie nur 900 Meter trennen. Denn mit 24 anderen Christen, die ihre stark zerstörten Häuser nicht verlassen wollen, harrt Pater Frans weiter in der Altstadt aus. Sie sei nur noch ein Trümmerfeld, sagt Pater Ziad. Auch die neun Kirchen, unter ihnen vier Bischofssitze und deren Archive, seien zerstört worden. Von den einst 110.000 Christen hat mindestens jeder zweite Homs verlassen. Vom 12. Februar 2014 an wurden in neun Tagen 1400 Zivilisten aus der Altstadt evakuiert, überwiegend Frauen und Kinder. An den Verhandlungen, die nach zwei Jahren Belagerung erfolgten, war auch Pater Ziad beteiligt.

          „Den Krieg kann keiner gewinnen“

          Er kann aber von winzigen Lichtblicken berichten. Auch das Leben in einem zur Innenstadt gehörenden Bezirk, der ebenfalls heftig umkämpft war, „normalisiere“ sich wieder etwas, sagt Pater Ziad. Hilfslieferungen der Vereinten Nationen, des Roten Halbmonds und vieler Nichtregierungsorganisationen, erreichten die Menschen in der Stadt. Zur „Normalisierung“ gehöre auch, dass Schulen und Universitäten teilweise geöffnet seien, der Staat Löhne auszahle, Polizisten den Verkehr regelten. Auch die nahe Raffinerie arbeite wieder – wenn auch stark eingeschränkt. Viele Arbeitslose versuchten häufig, sich in einem sicheren Stadtteil mit Kleingewerbe eine neue Grundlage aufzubauen. Auch die Versorgung mit Wasser und Strom bessert sich nach den Worten des Paters langsam. Vier Stunden Wasser am Tag reichten schon für den Grundbedarf eines Haushalts. Und nach drei Stunden Stromausfall gebe es für ebenfalls drei Stunden wieder verlässlich Strom.

          Die Leute sind schon froh, wenn nur zweimal in der Woche in der Stadt eine Bombe detoniert und es nur zu gelegentlichen Schusswechseln kommt. Ein Ende des Kriegs und der Zerstörung werde es erst geben, wenn ein Dialog beginnt, sagt Pater Ziad. Es gibt Gerüchte über Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition, die ganze Altstadt zu evakuieren. „Den Krieg kann keiner gewinnen, es kann nur eine politische Lösung geben“, sagt Pater Ziad. Partei ergreift er nicht. „Unsere Farbe ist weiß, die Farbe der Versöhnung.“

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